Auf ein Schreiben des demokratischen süddeutschen Abgeordneten von
Bühler, das ihn ermahnte, zum Wohle der Menschheit hochherzig mit
der Abrüstung zu beginnen, gab Fürst Bismarck mit feiner Ironie
folgende Antwort: »Ew. Hochwohlgeboren danke ich ergebenst für
die Mitteilung Ihres Abrüstungsantrages. Ich bin leider durch
die praktischen und dringlichen Geschäfte der Gegenwart so in
Anspruch genommen, daß ich mich mit der Möglichkeit einer Zukunft
nicht befassen kann, die, wie ich fürchte, wir beide nicht erleben
werden. Erst nachdem es Ew. Hochwohlgeboren gelungen sein wird,
unsere Nachbarn für Ihre Pläne zu gewinnen, könnte ich oder ein
anderer deutscher Kanzler für unser stets defensives Vaterland die
Verantwortlichkeit für analoge Anregungen übernehmen. Aber auch
dann fürchte ich, daß die gegenseitige Kontrolle der Völker über
den Rüstungszustand der Nachbarn schwierig und unsicher bleiben,
und daß ein Forum, welches sie wirksam handhaben könnte, schwer zu
beschaffen sein wird.«
Und trotz dieser Fülle der verschiedensten, auf ihn eindrängenden
Probleme fand Fürst Bismarck den Mut und die Kraft, die soziale
Politik in völlig neue Bahnen zu lenken. Er hatte die Verlängerung des
Sozialistengesetzes gegen eine Opposition, zu der wieder das Zentrum
einen großen Teil der Mannschaft stellte, mühsam erkämpfen müssen. Er
mußte es sehen, wie ein großer Teil der Nationalliberalen, unter ihnen
Lasker, Forckenbeck, Bamberger und Rickert, sich von der alten Partei
trennten, um unter dem Namen der Sezession sich in die Schlachtreihen
der Feinde zu stellen, und dauernd blieb ihm auch trotz der friedlichen
Äußerungen des Papstes das Zentrum abgeneigt.
[Illustration: ~Operette in der Politik~
»Da jammern sie.
Die von der Infanterie
Und von der Kavallerie
Geniert das nie.«
Soeben war der Erlaß des Kaisers erschienen über sein
»verfassungsmäßiges Recht zur persönlichen Leitung der Politik«, der
gegen die fortschrittlichen Theorien vom »wahren Konstitutionalismus«
gerichtet war. (»Kikeriki«, Januar 1882)]
Die Gedanken aber, die Fürst Bismarck in seinem Kopfe wälzte, um dem
sozialen Geiste der Zeit gerecht zu werden, hat er in klassischer Form
in der »großen Botschaft« niedergelegt, mit der er am 17. November
1881 im kaiserlichen Auftrag den Reichstag begrüßte. Hier erklärte
er im Namen des ehrwürdigen Oberhauptes der deutschen Nation, daß
der Kaiser nur dann mit Befriedigung auf alle Erfolge, mit der Gott
seine Regierung gesegnet, zurückblicken werde, wenn er dem Vaterlande
neue Bürgschaften des inneren Friedens und den Hilfsbedürftigen
größere Sicherheit und Ergiebigkeit des Beistandes hinterlassen könne.
Die einzelnen Phasen, die später durchlaufen wurden, waren hier
vorgezeichnet. Zugleich war aber darauf hingewiesen, daß die Mittel
für die Durchführung des Planes am sichersten durch das Tabakmonopol
zu gewinnen seien. Das Ziel, das Bismarck sich gestellt hat, ist aber
nur zum Teil erreicht worden; die Kathederweisheit hat auch hier wieder
verdorben, was der praktische Blick und die weitschauende Weisheit
des Staatsmanns als richtig erkannte. Daß die Masse zuerst vor dem
neuen Gedanken zurückgeschreckt ist, daß sie sich nicht in eine Reform
hineinfinden mochte, für die bis dahin noch jede Erfahrung fehlte, daß
sie den Sprung ins Dunkle und die Größe der Opfer scheute, ist gewiß
verständlich. Heute ist dennoch der soziale Gedanke tief in die Nation
gedrungen. Er hat viele Helfer gefunden, viele überzeugte Vertreter,
und doch waren die anderen nur Handlanger, die mühsam die Steine
herbeischafften. Der Grundriß und der künstlerische Plan wurden von
Bismarck geschaffen.
Fürst Bismarck glaubte nicht, daß selbst die Söhne und Enkel die
soziale Frage lösen würden; aber diese Gewißheit schreckte ihn nicht
zurück; er wollte die Gefahr abwenden, die von der gärenden Masse des
vierten Standes aus drohte, und er wollte zugleich durch praktisches
Christentum in gesetzlicher Betätigung den Arbeitern das Gefühl
menschlicher Würde sichern.
[Illustration: Bei den Wahlen in Metz hatte der Französling Antoine mit
Hilfe der Geistlichkeit gesiegt. (»Le Grelot«, 26. Oktober 1884)]
Auf den parlamentarischen Abenden, die Fürst Bismarck damals noch
veranstaltet hat, fanden sich auch einfache Handwerksmeister und
Arbeiter ein, Mitglieder des Volkswirtschaftsrates, den der Kanzler
berufen hatte. Dieses Bild ist bezeichnend für die Welt, die er
erschließen wollte. Aber gerade in dieser Zeit wurde die Gegnerschaft
gegen Bismarck, namentlich auch von seiten des Zentrums, so heftig,
daß er der Gepflogenheit der parlamentarischen Abende, die ihm nicht
nur die Anregung zu mancher geistreichen Bemerkung, sondern auch
die Möglichkeit boten, in nicht offizieller Form Widersprüche zu
beseitigen, Bedenken zu heben, für immer entsagte.
Jene Abende, die jedem Teilnehmer bis zum Abend seines Lebens tief im
Gedächtnis blieben, weil sie den großen Mann gewissermaßen im Hausrock
zeigten, frei von aller majestätischen Würde, sind der Schauplatz
mancher köstlichen Szene, die Geburtsstunde vieler prächtigen Einfälle
und reizender Anekdoten gewesen.
Hier ein paar Beispiele: