Am 18. Dezember 1881 schrieb Kaiser Wilhelm an den Kanzler
folgenden Brief: »Einen eigentümlichen Traum muß ich Ihnen
erzählen, den ich diese Nacht träumte, so klar, wie ich ihn hier
mitteile. — Der Reichstag trat nach den jetzigen Ferien zum
erstenmal zusammen. Während der Diskussion trat der Graf Eulenburg
ein; sogleich schwieg die Diskussion; nach einer langen Pause
erteilte der Präsident dem letzten Redner von neuem das Wort.
Schweigen! Der Präsident hebt die Sitzung auf. Nun entsteht ein
Tumult und Geschrei. Keinem Mitgliede darf ein Orden während der
Session des Reichstages erteilt werden; der Monarch darf nicht
in der Session genannt werden. Andern Tages Sitzung. Eulenburg
erscheint und wird mit solchem Zischen und Lärm empfangen — darüber
erwache in einer nervösen Agitation, daß ich lange mich nicht
erholen konnte und zwei Stunden von ½5 bis ½7 Uhr nicht schlafen
konnte. — Das alles geschah in meiner Gegenwart im Hause so klar,
wie ich es hier niederschreibe. — Ich will nicht hoffen, daß der
Traum sich realisiere, aber eigentümlich bleibt die Sache. Da
dieser Traum erst nach dem sechsstündigen ruhigen Schlafe eintrat,
so könnte er doch keine unmittelbare Folge unserer Unterredung sein.
=Enfin= ich mußte Ihnen diese Kuriosität doch erzählen.
Ihr
Wilhelm.«
In seiner Antwort sagte Fürst Bismarck:
»Die Bilder des Wachens tauchen im Spiegel des Traumes nicht
sofort, sondern erst dann wieder auf, wenn der Geist durch Schlaf
und Ruhe still geworden ist. Eurer Majestät Mitteilung ermutigt
mich zur Erzählung eines Traumes, den ich Frühjahr 1863 in den
schwersten Konfliktstagen hatte, aus denen ein menschliches Auge
keinen gangbaren Ausweg sah. Mir träumte, und ich erzählte es
sofort am Morgen meiner Frau und anderen Zeugen, daß ich auf
einem schmalen Alpenpfade ritt, rechts Abgrund, links Felsen; der
Pfad wurde schmaler, so daß das Pferd sich weigerte, und Umkehr
und Absitzen wegen Mangel an Platz unmöglich; da schlug ich mit
meiner Gerte in der linken Hand gegen die glatte Felswand und rief
Gott an; die Gerte wurde unendlich lang, die Felswand stürzte wie
eine Kulisse und eröffnete einen breiten Weg mit dem Blick auf
Hügel und Waldland wie in Böhmen, preußische Truppen mit Fahnen
und in mir noch im Traume der Gedanke, wie ich das schleunig
Ew. Majestät melden könnte. Dieser Traum erfüllte sich, und ich
erwachte froh und gestärkt aus ihm. — Der böse Traum, aus dem Eure
Majestät nervös und agitiert erwachten, kann doch nur so weit
in Erfüllung gehen, daß wir noch manche stürmische und lärmende
Parlamentssitzung haben werden, durch welche die Parlamente ihr
Ansehen leider untergraben und die Staatsgeschäfte hemmen; aber
Ew. Majestät Gegenwart dabei ist nicht möglich, und ich halte
dergleichen Erscheinungen wie die letzten Reichstagssitzungen zwar
für bedauerlich als Maßstab unserer Sitten und unserer politischen
Bildung, vielleicht unserer politischen Befähigung, aber für kein
Unglück an sich: =l’excès du mal en devient le remède=.
[Illustration: ~Der Reichstag als Karnickel~
»Was? Du Bestie willst beißen?«
Der Reichstag hatte in Sachen der Abänderung der Reichsverfassung
opponiert. (»Figaro«, Mai 1881)]
Zu der unendlichen Fülle von Fragen, die sich dem großen Kanzler zur
Beantwortung stellten, hat sich in jenen Tagen auch eine Frage gesellt,
die in viel späteren Jahren eine ernste Wirkung auf Deutschlands
Geschicke ausüben sollte, die aber Fürst Bismarck schon von der
Schwelle zurückwies: