Weitere Kämpfe

Es ist das Eigentümliche in dem Wesen des Genius, daß er nie und

nirgends Ruhe finden kann. Fürst Bismarck hat so Gewaltiges vollbracht,

daß er längst ein =Otium cum dignitate= verdiente. Aber wie seine Sorge

um das Wohl des Reiches, das er geschaffen, keine Grenzen kennt, so

auch sein Drang zur Tätigkeit. Und noch viel später, als die Abendsonne

über sein Leben gesunken war, hat er es immer und immer wieder in

tiefer Bitterkeit beklagt, daß ihm, seit er von seinem Werk entfernt

war, auch der Inhalt und der Wert seines Lebens genommen sei.

[Illustration: ~Bismarck als Lemberger Jude.~

Eine Bombe fliegt aus dem Reichstag gegen ihn, trifft aber die

Reichsbank. (Reichstagssitzung vom 19. Juni 1879.) (»Ulk«, Juni 1879)]

Jetzt griff er tief hinein in die sich drängenden wirtschaftlichen und

sozialen Probleme, und während er der Meister der auswärtigen Politik

blieb und das Schiff des Reiches durch die heranbrausenden Stürme

sicher führte, hat er die gewaltige Reform unseres wirtschaftlichen

und sozialen Lebens begonnen, die einen tiefen Einschnitt nicht nur in

das deutsche Leben, sondern auch in die gesamte Auffassung der Welt

gemacht hat. Er ist, als er die soziale Frage berührte, nicht der Angst

vor der revolutionären Partei gefolgt, er hat auch nicht, als er der

wirtschaftlichen Politik eine neue Wendung gab, sich mit seiner Arbeit

irgendeiner mächtigen Kaste verschrieben, er erkannte nur, daß die Zeit

des freien Wettbewerbs der Kräfte endgültig vorüber sei, er spürte es,

daß eine neue Zeit heraufgezogen war, in der andere stark nach Leben,

nach Luft und Licht verlangende Faktoren sich mit gerechtem Anspruch

herandrängten. Die Welt der Maschinen und der Maschinenarbeit, die

Zeit einer neuen erblühenden deutschen Industrie war gekommen; die

alten Bestimmungen des Daseins reichten nicht mehr aus, sie mußten

dazu führen, daß, wenn der Staat nicht eingriff, die große Masse der

Nation in den Fluten des Proletariats versank. Er kannte die Wahrheit

des Satzes, den einst Viktor Cousin gesprochen, daß der Staat ein

fühlendes Herz haben muß, und er erkannte in diesem Satz zugleich eine

rettende Staatsweisheit. Bismarck ist hier auf wirtschaftlichem wie

auf sozialem Gebiete kein Nachbeter gewesen. Er darf den Anspruch der

Originalität wohl überall erheben, wo er, tastend zuerst, dann mit

wachsender Sicherheit, seines Weges dahinzog.

Manches der Gebiete war ihm fremd, lag dem Arbeitsfeld der

Vergangenheit vollständig fern, und doch hat er stets das Rechte

ergriffen, und während er die auswärtige Politik auch ferner

meisterhaft führte, zeigte er doch die Kraft, auch das innerpolitische

Leben Deutschlands völlig neu zu gestalten. — Wohin wir noch heute

blicken, stets zeigt die Entwicklung des Reiches die Spuren von

Bismarcks genialer Hand. Das Ende der siebziger Jahre hat die Grenze

gebildet, und als er sie überschritt, da löste er sich zugleich von

alten, da gewann er nur mühsam neue Freunde. Denn schon als er das

wirtschaftliche Leben auf ein neues Feld zu stellen versuchte, mußte

er die entschlossene Gegnerschaft jener liberalen Kreise finden,

die allerdings zuletzt bereits voller Argwohn neben ihm schritten,

die aber doch in dem harten Kampfe gegen die Konservativen ihm die

Stütze geboten hatten. Und auch die Rechte folgte ihm nicht sofort mit

klingender Musik und flatternden Fahnen: Der Rest der Deklarantenzeit

haftete noch in manchen Herzen, und der Kreis um Diest-Daber hat sich

innerlich wohl niemals mit ihm versöhnt. Am heftigsten aber schäumte

unter Eugen Richters und Bambergers Führung das Manchestertum gegen

ihn auf, das wir bald in geschlossenen Reihen gegen ihn gewaffnet

sehen, als er die ersten Versuche auf kolonialem Gebiete wagte und für

Deutschlands überschäumende Kraft jenseits des Ozeans eine neue Stätte

suchte.

[Illustration: ~Eine Verstoßene~

Kordelia: »Ich lieb’ Eu’r Hoheit,

Wie’s meiner Pflicht geziemt, nicht mehr, nicht minder.«

(König Lear 1, 1)

Goneril, das Zentrum, und Regan, die konservative Partei, umschmeicheln

Lear-Bismarck, während die nationalliberale Kordelia zur Seite steht.

Es ist die Zeit des wirtschaftspolitischen Umschwungs. Alsbald treten

die Minister Falk und Hobrecht zurück. (»Ulk«, Juni 1879)]

Und so sehen wir Bismarck, vielbewundert und vielgescholten, tätig

auf zahllosen Gebieten des öffentlichen Lebens, wir sehen ihn in

seinem Ringen mit der Sozialdemokratie, wir hören seine Reden über die

Handelsverträge, er fällt sachverständige Urteile über Getreide- und

Holzzölle, über Währungsfragen und Auswanderungswesen, über Steuer und

Elbschiffahrtsakte, über Fabrikgesetze und Hamburgs Schicksal. Nicht

immer ist ihm ein rascher Sieg beschieden, weil die Alltäglichkeit dem

Fluge des Genies nur ungern folgt, weil sie tausend Hindernisse sah,

die der große Geist verachten durfte.

[Illustration: ~Nach den deutschen Reichstagswahlen~

»Na, nu hab’ ick, dem Wahlresultat zu Ehren, ooch Toilette jemacht!«

Bei den Reichstagswahlen waren nur 157 Anhänger der Regierung

gegen 240 Oppositionelle gewählt worden. Es begann die Ära

Richter-Windthorst-Grillenberger. (»Hum. Blätter«, 9. November 1884)]

Auf diesem Wege zu einer vollen Umgestaltung des wirtschaftlichen

Lebens brauchte Fürst Bismarck neue Gehilfen, mußte er die Trennung

von Männern vollziehen, die einst in bedeutender Zeit seine Gefährten

waren. Delbrück und Camphausen hatten ihren Namen mit den wichtigsten

Stationen der Entwicklung vereint, Delbrück war es sogar gewesen, der

einst im Parlament als Herold des neuen Kaisertums erschienen war.

Keiner von beiden wollte die wirtschaftlichen Überzeugungen, mit denen

sie durch das Leben gegangen waren, verleugnen, und so traten an ihre

Stelle der Nationalliberale Hobrecht und Graf Botho Eulenburg, und auf

dem Gebiete des Verkehrs erschien in Maybach wohl der bedeutendste

Organisator, den bisher das Eisenbahnwesen in Deutschland gehabt hat.

Die Enttäuschung packte jetzt vor allem die liberale Mittelpartei, die

unter Führung Bennigsens ihm bei der Reichsgründung so treu zur Seite

gestanden und ihm auch in den Kämpfen mit den Deklaranten den Schild

getragen hatte. Besonders heftig erhob sich fortan gegen den Staatsmann

Eduard Lasker, der in seinem Groll immer radikalere Töne anschlug und

alsbald auch die Spaltung der Partei organisierte. Bald hallte die

ganze liberale Presse von dem Rufe »Fort mit Bismarck!« wider. Hatte er

doch durch den Satz, daß niedrige Getreidepreise keineswegs immer als

ein wirtschaftliches Glück anzusehen seien, durch den Hinweis auf eine

Zeit, in der die Landwirtschaft nicht mehr produzieren kann und deshalb

das Reich dem Abgrunde zutreiben muß, alles umgestoßen, was bisher als

Evangelium galt. Und er setzte sich durch. Wohl noch nie ist es einem

Staatsmann gelungen, in so rascher Fahrt jedes Hemmnis zu besiegen und

jedes Vorurteil zu bezwingen. Er war auch hier niemals Parteimann. Er

rühmte es ausdrücklich, daß er nie einer Fraktion angehörte, daß er,

»sukzessive von allen gehaßt, von einigen geliebt« worden sei. Er habe

sich dadurch nie beirren lassen und auch nie versucht, sich dafür zu

rächen.

[Illustration: ~Der Sturz der Titanen~

Wie aus der »Norddeutschen Allgemeinen Mythologie« hervorgeht, hat

Jupiter keinen einzigen »gestürzt«, sie sind einfach zurückgetreten.

Anspielung auf den Sturz von Kameke, Falk, Bitter, Achenbach und

Friedrich Eulenburg. (»Berliner Wespen«, März 1883)]

Daß er jetzt freilich oft die Stimmung der Resignation empfand, daß der

stete Kampf an seinen Nerven riß, ist natürlich. Aber jetzt, wie immer,

zielte sein Gewissen wie mit einer Pistole auf ihn. Und so wich er

jeder Lockung, als Landedelmann sein Leben zu beschließen, beharrlich

aus. Nur brach es zuweilen mit elementarer Gewalt aus ihm, wenn er die

Fülle des Hasses sah, die sich gegen ihn häufte. »Ich habe nunmehr den

Kampf für die deutsche Einheit seit dreißig Jahren geführt,« rief er

am 8. Mai 1879. »Es sind nahezu dreißig Jahre, daß ich im Bundestag

zuerst dafür eingetreten bin, und es sind achtzehn Jahre, daß ich in

meiner Stellung bin, in der ich mit einem französischen Historiker,

den ich vor einiger Zeit in einer schlaflosen Nacht las, wohl sagen

kann: ›Er muß der Gewalt des ungesättigten Hasses erliegen, der sich

auf das Haupt jedes Ministers häuft, wenn er zu lange am Ruder bleibt.‹

Ich fürchte, daß ich nach achtzehn Jahren längst in dieser Lage war.

Ich hatte alle Parteien wechselnd zu bekämpfen, gegen jede hatte ich

einen heftigen Strauß zu führen. Nein, ich bin nicht mehr jung, ich

habe gelebt und geliebt, gefochten auch, und ich habe keine Abneigung

mehr gegen ein ruhiges Leben. Das einzige, was mich in meiner Stellung

hält, ist der Wille des Kaisers, den ich in seinem hohen Alter gegen

seinen Willen nicht verlassen kann. Versucht habe ich es mehrmals. Aber

ich kann Ihnen sagen: ›Ich bin müde, todmüde, und namentlich, wenn ich

erwäge, gegen was für Hindernisse ich kämpfen mußte, wenn ich für das

Deutsche Reich, für die deutsche Nation, für ihre Einheit eintreten

soll ... In meinem Alter wird man ruhiger und stiller; ich habe ein

Bedürfnis nach beschaulicher Einsamkeit. Dann richten Sie das Reich

sich ein, wie Sie wollen, aber verlangen Sie meine Mitwirkung nicht,

wenn jeder sich für berechtigt und berufen hält, die Grundlagen des

Reiches in Frage zu stellen.‹«

[Illustration: Bismarck als Schachspieler: Die Könige sind seine

Schachfiguren]

Bismarck setzte seine Reform durch, fast zwei Drittel des deutschen

Reichstages hatte er für seinen Kampf gegen das herrschende

Wirtschaftssystem gewonnen. Allerdings hat er wiederholt sich gezwungen

gesehen, selbst mit der äußersten Maßregel seines Rücktrittes zu

drohen, innerlich allerdings wohl immer gewiß, daß so, wie er selbst in

Treuen zu seinem Kaiser stand, so auch sein alter Herr dem Gefolgsmann

die Treue bewahren werde. Zu den politischen Schwierigkeiten aber,

die ihm wie Disteln auf einem Felde erwuchsen, gesellten sich dauernd

höfische Friktionen, die ihm die Freude am Amt vergällten. Es war auch

hier die Kaiserin Augusta, »der Feuerkopf«, die es nicht ertragen

konnte, andere Autoritäten gewähren zu lassen, und die, wie Bismarck

in seinen »Erinnerungen« klagt, ohne Rücksicht auf das Alter und

die Gesundheit des Gemahls und im Vertrauen auf die ritterlichen

Empfindungen, die ihn der Kaiserin gegenüber beseelten, sich an

die Spitze der frondierenden Elemente stellte. Gerade diese Kämpfe

persönlicher Natur wirkten schädigend auf des Kanzlers Gesundheit, so

daß er in eine Art von »Gesundheitsbankrott« fiel, aus dem ihn dann

Schweninger gerettet hat, der Mann, der bis in die letzten Jahre seines

Lebens sein treuester und ehrlichster Freund geblieben ist.

Bismarck in Geschichte, Karikatur und Anekdote · 第 249 / 334 题