Während der Kanzler einmal im Urlaub verweilte, erschienen in
Varzin drei Beamte der Telegraphenverwaltung, um dem Reichskanzler
die damals neue Einrichtung zu erläutern und die Anlage einer
Telephonverbindung zwischen Varzin und Berlin auszuführen. Bismarck
aber hatte keine Neigung, sich während seiner friedlichen Varziner
Abgeschiedenheit in die »Rufweite« der Reichshauptstadt bringen
zu lassen. Ergötzlich schilderte der »Kladderadatsch« die Szene,
bei welcher der Dichter den Kanzler in Varzin durch das Telephon
eine Sitzung im Abgeordnetenhause anhören läßt, in der Windthorst,
Schorlemer, Bennigsen, Lasker reden:
— — — »Ich danke, Ihr Herrn, für diese Erfindung,
Welche die friedlichen Tage mir stört des erquicklichen Urlaubs!« —
Sprach’s und warf auf den Boden mit Macht die gedrechselte Röhre,
Daß sie zerbarst und in Wimmern erstarb die gediegene Rede.
»Packen Sie ein, meine Herren, und sagen Sie Stephan, ich danke,
Danke recht sehr für das Ding! Adieu und glückliche Reise!«
[Illustration: ~Zur Beendigung des deutschen Kulturkampfes~
Der olle Wilhelm sitzt im Bad gemütlich drin
Und schreibt an seinen lieben braven Bismarck hin:
Jeh’ Du zum Papste nach Kanossa nur jeschwind
Und tue dort für mir der König Heinrich sind.
(»Humoristische Blätter«, August 1881)]
Es kam jetzt die Zeit, in der Bismarck weit hinübergreifen sollte
in das Feld der wirtschaftlichen und sozialen, der rechtlichen und
steuerpolitischen Fragen, in der er unserem ganzen wirtschaftlichen
Leben eine neue Grundlage schuf. Auch hier ist er nirgends ein
Nachbeter gewesen; stets entsprangen seinem Geiste, der überall den
Kern erfaßte, neue Anregungen und Gedanken, und wenn er auch lange, der
Autorität Camphausens und Delbrücks vertrauend, die gewohnten Wege des
Freihandels nicht verließ, so wagte er doch auch den mutigen Schritt
zur Umkehr, ohne Rücksicht darauf, daß ihn nun abermals alte Freunde
verließen.
[Illustration: »Justament bleibe ich! Ihr werdet mich nicht vom Platze
kitzeln!«
Bismarcks Antwort auf Eugen Richters Sturmlauf gegen seine
Finanzpolitik. (»Figaro«, Februar 1881)]
Hier trat zu dem rein wirtschaftlichen Bedürfnis entscheidend der
politische Gesichtspunkt hinzu: Deutschland sollte fähig bleiben,
unabhängig von der Zufuhr des Auslandes sich durch seine eigene Kraft
zu erhalten, sich die Notdurft und Nahrung des täglichen Lebens
zu sichern. Denn Deutschlands geographische Lage konnte, wenn die
»=Coalition à la Kaunitz=« sich wiederholte, oder wenn gar, wie wir
es heute erleben, England sich unseren Feinden anschloß, zu völliger
wirtschaftlicher Isolierung, zur Trennung von allen Zufuhren und so
zur Aushungerung führen. Ein anderer, entscheidender Gesichtspunkt
entsprang dem Verlangen, das Reich finanzpolitisch möglichst unabhängig
zu machen von den Zuschüssen der Einzelstaaten, es sozusagen auf die
eigenen Füße zu stellen. Denn die Bedürfnisse des Reiches wuchsen, und
nur der Partikularismus konnte seine Freude daran haben, daß die vom
Reiche geforderten Lasten dem Steuerzahler und der einzelstaatlichen
Finanzwirtschaft direkt die Schultern drückten. Auch hier haben die
harten Ereignisse der späteren Zeiten den Fernblick des Sehers erwiesen.
[Illustration: Botho Eulenburg und Hobrecht sind preußische Minister
geworden; sie tanzen angeblich nach Bismarcks Pfeife. (»Hum. Blätter«,
April 1878)]
[Illustration: ~Das Mädchen aus der Fremde~
Sie teilte jedem eine Gabe,
Dem Hiebe, jenem Stöße aus,
Der Jüngling und der Greis am Stabe,
Ein jeder ging gepufft nach Haus.
Bismarck hat soeben in seiner großen Rede vom 8. Mai sich scharf sowohl
gegen die Liberalen wie gegen das Zentrum gewandt. Eugen Richter,
Miguel, Windthorst und die Freihändler empfingen jeder »eine Gabe«.
(»Ulk«, Mai 1880)]
Den ersten Anstoß zum Wechsel der wirtschaftlichen Überzeugungen bot
dem Kanzler die Katastrophe, die durch die Aufhebung der Eisenzölle
über die deutsche Schwerindustrie hereinbrach. Die Maßregeln waren ohne
die Teilnahme des Kanzlers getroffen worden, und eben deshalb hatte er
das Vertrauen zu seinen bisherigen Gehilfen, Camphausen und Delbrück,
verloren. Als er aber den neuen Weg einschlug, da scharten sich doch
bereits im Reichstag zahlreiche Männer um ihn, die gleich ihm bereit
waren, die deutsche Arbeit durch erhöhte Zollschranken zu schützen,
den geltenden Tarif gründlich zu revidieren. Mitglieder des Zentrums,
der konservativen und auch der nationalliberalen Partei traten ihm
zur Seite in dem Bestreben, den deutschen Markt der nationalen
Produktion zu erhalten. Diese Tat ward uns zum Heile: sie hat uns die
wirtschaftliche Rüstung für den Weltkrieg geschaffen!
Meyer, wie denke ich über schwedisches Eisen?
Freimütig bemerkte Bismarck an einem seiner parlamentarischen
Abende: Die Zollpolitik sei mit der Medizin zu vergleichen; es gebe
darin keine absolute Wissenschaft. Zur Zeit, als er sich Delbrücks
Führung überlassen, habe er sich allerdings um volkswirtschaftliche
Fragen nicht gekümmert und nichts zu antworten gewußt. Das erinnere
ihn an einen Vorfall. Zu Rothschild sei ein Geschäftsfreund
gekommen mit der Frage: »Wie ist Ihre Ansicht über schwedisches
Eisen?« Rothschild wandte sich verwundert an seinen Kommis und
fragte: »Meyer, wie denke ich über schwedisches Eisen?«
[Illustration: ~Die Steuerfrage oder das kaudinische Joch~
Bismarck hatte soeben die neue Steuerpolitik eingeleitet, die u. a.
das Tabakmonopol vorschlug. Sie führte zu Camphausens Rücktritt, wurde
jedoch im Reichstag mit einer winzigen Ausnahme abgelehnt. Die »Frankf.
Laterne« (Januar 1878) irrte also, wenn sie schrieb:
»Wenn der Ast nicht brechen soll,
Gehet durch das Joch!
Ludwig, blase du in Moll:
Hunde sind wir doch!«
]