Von seinem Auftreten im Reichstag entwarf der »Schwäb. Merkur«
in jener Zeit folgendes Bild: »Der große stattliche Mann in der
kleidsamen blauen Generalsuniform mit den gelben Aufschlägen hat
das beste, gesundeste Aussehen von der Sommerfrische mitgebracht.
Er überschaut zuerst mit der Lorgnette die Situation, die er im
Reichstage vorfindet, öffnet sodann sein Portefeuille und liest
verschiedene Akten, wobei er seinen großen Bleistift anmerkend
oder durchstreichend mit Energie handhabt. Doch jetzt ist Hänel
zu Ende, und Fürst Bismarck erhebt sich, indem er sich gegen
den Präsidenten des Hauses verneigt. Der letztere ruft: ›Fürst
Bismarck hat das Wort!‹, und plötzlich kehrt eine lautlose Stille
im Saale ein. Die Abgeordneten drängen sich mit Macht in die Nähe
des Reichskanzlers. Selbst Bebel macht sich auf den Weg und setzt
sich zur Notierung alles Wichtigen in Bereitschaft. Doch wie
erstaunen gemeiniglich diejenigen, die den Fürsten zum erstenmal
sprechen hören! Statt einer kräftigen, sonoren Stimme, statt des
vermuteten Pathos, statt einer vom Feuer klassischer Beredsamkeit
durchglühten Philippika fließt das so leise und sacht, fast im
Konversationstone hervor über die Lippen des großen Mannes, und
stockt zuweilen und windet sich, bis der rechte Ausdruck gefunden
ist. Ja, fast eine Art Verlegenheit ist anfänglich dem Redner
anzuspüren. Sein Oberkörper ist in wiegender Bewegung, und alle
Augenblicke holt der Kanzler sein Taschentuch aus der hinteren
Rocktasche, wischt sich das Gesicht, steckt das Tuch in die Tasche
und holt es wieder hervor. Doch ohne jegliche Beklemmung folgt der
Hörer den zögernden Ausführungen des Redners. Denn dieser fällt nie
aus der Konstruktion, und ein hoher, geistvoller Gedanke um den
anderen wirft Licht auf den Weg. So fließt das murmelnde Bächlein
dahin bis zum gewaltigen Fluß, oft unterbrochen vom homerischen
Gelächter der Hörer über den eingestreuten attischen Witz, aber
ohne jegliches Pathos, selbst bei seinen letzten hochernsten Worten
von ›den Opfern, die der Kampf noch fordern könnte‹. Doch gerade
dieser Verzicht auf jeden Effekt, diese sachliche Ruhe verleiht den
leise gesprochenen Worten eine durchschlagende Wirkung, und das
beruhigende Gefühl, das Steuerruder des Staatsschiffes in diesen
nervigen Händen zu wissen, kehrt nach Bismarcks Rede in neuer
Stärke ein in jeder deutschen Brust.«
[Illustration: Bismarck verhandelt mit Rom über die Beilegung des
Kulturkampfes. (»Le Grelot«, 15. September 1878)]