Der letzte Kampf mit Kaiser Wilhelm

Um mich der Zustimmung meines allergnädigsten Herrn zu versichern,

hatte ich schon in Gastein täglich einen Teil der für die Kur

bestimmten Zeit am Schreibtische zugebracht und auseinandergesetzt,

daß es notwendig sei, den Kreis der möglichen gegen uns

gerichteten Koalitionen einzuschränken, und daß der zweckmäßigste

Weg dazu ein Bündnis mit Österreich sei. Ich hatte freilich

wenig Hoffnung, daß der tote Buchstabe meiner Abhandlungen die

mehr auf Gemütsregungen als auf politischer Erwägung beruhende

Auffassung Seiner Majestät ändern werde. Der Abschluß eines

Vertrages, dessen wenn auch defensives doch kriegerisches Ziel ein

Ausdruck des Mißtrauens gegen den Freund und Neffen war, mit dem

er eben in Alexandrowo von neuem unter Tränen und in der vollsten

Aufrichtigkeit des Herzens die Versicherungen der althergebrachten

Freundschaft ausgetauscht hatte, lief zu sehr gegen die

ritterlichen Gefühle, mit denen der Kaiser sein Verhältnis zu einem

ebenbürtigen Freunde auffaßte. ... Alle Erwägungen und Argumente,

die ich dem in Baden befindlichen Kaiser schriftlich aus Gastein,

aus Wien und demnächst aus Berlin unterbreitete, waren ohne die

gewünschte Wirkung. Um die Zustimmung des Kaisers zu dem von mir

mit Andrassy vereinbarten und von dem Kaiser Franz Joseph unter der

Voraussetzung, daß Kaiser Wilhelm dasselbe tun würde, genehmigten

Vertragsentwurfe herbeizuführen, war ich genötigt, zu dem für

mich sehr peinlichen Mittel der Kabinettsfrage zu greifen, und

es gelang mir, meine Kollegen für mein Vorhaben zu gewinnen. Da

ich selbst von den Anstrengungen der letzten Wochen und von der

Unterbrechung der Gasteiner Kur zu angegriffen war, um die Reise

nach Baden-Baden zu machen, so übernahm sie Graf Stolberg; er

führte die Verhandlungen, wenn auch unter starkem Widerstreben

Seiner Majestät, glücklich zu Ende. Der Kaiser war von den

politischen Argumenten nicht überzeugt worden, sondern erteilte das

Versprechen, den Vertrag zu ratifizieren, nur aus Abneigung gegen

einen Personenwechsel in dem Ministerium. Der Kronprinz war von

Hause aus für das österreichische Bündnis lebhaft eingenommen, aber

ohne Einfluß auf seinen Vater.

[Illustration: Bismarck am Strumpf des Friedens strickend, das Schwert

im Munde, auf der Kanone sitzend. (»Hum. Listy«, 10. November 1877)]

Graf Andrassy wurde unmittelbar nach dem Abschluß des Vertrages

durch die Torheit des deutschen Liberalismus in Österreich, der

»Herbstzeitlosen«, gestürzt. Sein letzter Abschiedsgruß galt dem

Fürsten Bismarck und der Hoffnung, daß dieser von ihm so hoch verehrte

Freund mit Kraft und Ausdauer seine dornenvolle Bahn zum Heile seines

Landes und zu seinem stets wachsenden Ruhme weiter verfolgen werde.

Vier Jahre später hat sich durch Italiens Beitritt das Bündnis zu

einem Dreibund gewandelt. Kaiser Franz Joseph aber hat durch einen

persönlichen Besuch dem Staatsmann gehuldigt, der ihm die Hegemonie

entrissen hatte.

[Illustration: ~Das Meerungeheuer.~ (Franz. Flugblatt 1887)]

Jetzt sollte auch in Deutschland, wo inzwischen jede Wahl zum Reichstag

eine neue Verstärkung der sozialistischen Mandate gebracht hatte, mit

aller Kraft der Kampf gegen die Partei der Revolution begonnen werden.

Hier war es Bismarcks Überzeugung, daß mit dem auf dem Boden der

Staatsmacht zu führenden Kampfe eine Reihe von Arbeiten parallel gehen

müsse, in denen der rechtmäßige Kern der Bewegung herausgeschält würde

und berechtigte Forderungen Befriedigung fänden. Mit der Abneigung

gegen die Agitatoren verband Fürst Bismarck ein ehrliches Mitleid mit

dem Schicksal der Enterbten, den Invaliden des Alters und der Arbeit,

und schon im Jahre 1877 trat er für eine umfassende soziale Reform

ein. Aber in diesem friedlichen Streben wurde er gestört durch die Tat

des Maurergesellen Max Hödel aus Leipzig, der Unter den Linden eine

Kugel gegen das ehrwürdige Haupt des Kaisers sandte. Während jedoch

durch ganz Europa nur ein Schrei der Entrüstung hallte, war Bismarck

sofort der Mann der Tat. Schon neun Tage nach dem Attentat wurde

dem Reichstag ein Gesetz gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen

der Sozialdemokratie vorgelegt. Aber Bismarck war in den Tagen, in

denen es zur Beratung kam, an der Gürtelrose erkrankt; er konnte an

den Verhandlungen nicht teilnehmen, und weil die Fassung einzelner

Bestimmungen den Volksvertretern zu kautschukartig erschien, wurde das

Gesetz mit großer Mehrheit abgelehnt. Unmittelbar darauf wurde der

Reichstag geschlossen.

Da erfolgte wenige Tage später, am 2. Juli, nachmittags drei Uhr, ein

zweites Attentat auf das Leben des ehrwürdigen Kaisers. Der Ausgang

war entsetzlich; die Schrotschüsse, die Nobiling gegen den greisen

Monarchen abgefeuert hatte, verwundeten ihn schwer am Kopf, an beiden

Armen und im Rücken. Bismarck erhielt die erschütternde Nachricht in

Friedrichsruh bei der Rückkehr von einer Spazierfahrt; er blieb einen

Augenblick wie erstarrt stehen, stieß den Spazierstock in die Erde und

bemerkte dann plötzlich: »Jetzt wird der Reichstag aufgelöst.« Sofort

reiste er nach Berlin, um einem Ministerrat zu präsidieren, in dem die

Berufung des Kronprinzen zur Stellvertretung des schwerverwundeten

Kaisers beschlossen wurde, dann eilte der Kanzler zu seinem greisen

Herrn, um ihm sein schmerzlichstes Beileid auszusprechen. Vom

Kronprinzen erhielt er sofort die Genehmigung zur Auflösung des

Parlamentes.

[Illustration: ~Don Juan-Bismarck~

Bismarck in Geschichte, Karikatur und Anekdote · 第 241 / 334 题