Bei einem gemeinsamen Diner der Mitglieder des Berliner Kongresses
lautete die Parole: »Kein Wort von Politik!« Trotzdem gelang es dem
griechischen Gesandten Rhangabé, eine Gelegenheit zu erhaschen,
das, was ihm und seinem Vaterlande am Herzen lag, zum Ausdruck
zu bringen. Die Speisekarte spiegelte gleich der Tafelmusik den
internationalen Charakter der Veranstaltung wider. So gab es denn
auch einen Gang, der auf den Namen »Mazedonien« getauft war; als
dies Gericht, eine Gemüseart, Rhangabé gereicht wurde, wies er die
Schüssel zurück. »Aber Exzellenz,« rief Bismarck, der ihm gegenüber
saß, »weshalb nehmen Sie nicht ein bißchen Mazedonien?« Darauf die
Exzellenz zu allgemeinem Ergötzen: »Nur ein bißchen, Durchlaucht?
Das Ganze möchte ich.«
[Illustration: ~Eine Liebeserklärung~
Fürst Bismarck: »O teure Austria, Sie ahnen nicht, wie ich Sie liebe!«
Die Austria: »Möchten S’ schon wieder wem anschmieren?«
Bismarck, der in den Augen des Wiener Witzblattes um Österreichs Liebe
wirbt. (»Kikeriki«, Dezember 1876)]
Unter dem Eindruck des russischen Verhaltens, das mehr und mehr dem
panslawistischen Drängen nachgab, hielt Bismarck es für erwünscht,
die Brücke nach Österreich hin noch zu befestigen, um die Möglichkeit
einer antideutschen Koalition durch vertragsmäßige Sicherstellung
der Beziehungen wenigstens zu einer der Großmächte einzuschränken.
Ursprünglich war er durchaus für ein Bündnis mit Rußland gewesen;
zahlreiche und große Bedenken stellten sich ihm für eine Verbindung mit
Österreich entgegen. Vor allem machte ihm die eigentümliche nationale
Zusammensetzung dieses Staates Sorgen. Aber er bekämpfte alle Bedenken,
und in Gastein traf er zur Beratung mit dem Grafen Andrassy zusammen.
Die Verständigung war leicht, soweit es sich um ein rein defensives
Bündnis gegen einen russischen Angriff auf einen von beiden Teilen
handelte; dagegen fand Bismarcks Vorschlag, das Bündnis auch auf andere
als russische Angriffe auszudehnen, keinen Anklang. Nach erneuten
Verhandlungen, die Fürst Bismarck in Wien mit Andrassy und Tisza pflog,
entstand der Bund zwischen dem Sieger und dem Besiegten von Königgrätz,
der auch heute noch seine Tragkraft behauptet.
Aber das Werk gelang nicht, ohne daß bis zu dem letzten Schritt der
Unterzeichnung sich noch neue Hemmnisse türmten. Es bedurfte noch
harter Arbeit, ehe es dem Staatsmann gelang, seinen alten Kaiser für
den neuen Plan zu gewinnen. In einer ausführlichen Denkschrift hat er
erst den Beweis für die Richtigkeit seiner Ansicht erbracht und die
Zustimmung des Monarchen geerntet.