Neue Kämpfe und Bekenntnisse

Es war in den folgenden Jahren Bismarcks vornehmstes Werk, durch ein

System von Bündnissen dafür zu sorgen, daß das Deutsche Reich, wenn

neue Konflikte nahten, nicht nur auf die Macht seiner Bajonette,

sondern auch auf die Freundschaft anderer Völker bauen durfte.

Vielleicht ist es die größte politische Tat, jedenfalls aber der

Beweis einer in alle Fernen blickenden Weisheit gewesen, daß der große

Staatsmann einst in Nikolsburg selbst dem tiefen Groll seines geliebten

Herrn widerstand und die Schonung des Habsburger Kaiserstaates

durchsetzte. Schon damals, das ist längst bezeugt, erkannte er die

Notwendigkeit eines engen Zusammenschlusses der beiden zentralen

Kaisermächte, sah er voraus, daß das russische Expansionsbedürfnis

gegen Österreich-Ungarn vordringen, nach der Adria verlangen und so

Deutschland in der Flanke bedrohen würde, und klar stand ihm die Gefahr

einer Verbindung dieses Riesenreiches mit dem westlichen Nachbar vor

Augen. Zwischen diesen beiden Staaten jeden Brückenbau zu verhindern,

ihrer Macht für alle Fälle, wenn einmal das traditionelle Band zwischen

Berlin und Petersburg zerriß, ein Gegengewicht zu schaffen, hielt

er für eine Lebensbedingung des Deutschen Reiches, wie er in diesem

Bündnis die machtvollste Bürgschaft für den Frieden des Weltteils

erkannte. Erwog er doch sogar den Plan, einen organischen Verband

zwischen dem Deutschen Reiche und Österreich-Ungarn zu schaffen, der

nicht kündbar, sondern der Gesetzgebung beider Reiche einverleibt

werden sollte. Hier hat später das in Polen gemeinsam vergossene Blut

einen stärkeren Kitt als alle Verträge geschaffen.

[Illustration: ~Bismarck als Reichslokomotive~

Zurufe: »Fahr zu, Kutscher, wenn du Herz hast!« (Wird er bremsen?)

Die ersten Entwürfe des Reichseisenbahnprojektes waren eben im Kopfe

Bismarcks entstanden. (»Berliner Wespen«, März 1876)]

Es ist bereits darauf hingewiesen worden, wie die Fragen des Orients

sich drohend in das europäische Leben drängten, wie dort unten am

Balkan unterdrückte Völker um ihre Freiheit rangen, wie die Herrschaft

der Türken durch Serben, Bulgaren und Rumänen eingeengt wurde, wie

Rußland auf dem Plan erschien, nicht nur um als Schutzmacht slawischer

Brüder den Kampf zu führen, sondern auch um sich den heiß ersehnten

Weg zum Goldenen Horne und zum Meere zu erobern. Hier hat Fürst

Bismarck allem Drängen der Liberalen zum Trotz die Ruhe des Maklers

bewahrt. Denn wieder erhob sich, wie in der Konfliktszeit im Sinne

der Polen, so jetzt im Interesse der Türken die Fortschrittspartei,

um dem großen Staatsmann von ihrem winzigen Standpunkte aus Lehren

zu geben, wie er das Schiff zu lenken und zum Hafen zu führen hat.

Nach Virchow — Eugen Richter. Es war dieselbe Weisheit, jetzt wie

damals. Und sie wird wiederkehren und unsere Ohren betäuben, wenn

abermals der Name Bulgarien uns an die Ohren klingt und Alexander von

Battenberg den rührenden Roman mit der deutschen Kaisertochter beginnt.

Wäre es nach dem Willen der Fortschrittspartei geschehen, so wäre

damals, in der Mitte der siebziger Jahre, der Weltkrieg entbrannt.

Nur der unvergleichlichen Staatskunst des großen Kanzlers verdankte

es Deutschland, daß das Gewitter sich immer tiefer gegen Südosten

verzog. Hatte aber Rußland auf einen aktiven Anteil Deutschlands an

den orientalischen Händeln gehofft, und war es verstimmt, weil dieser

Wunsch unerfüllt blieb, so wußte Bismarck doch, daß, wenn das eine

Eisen im Feuer versagte, sich ihm noch ein anderes bot. Österreich

blieb neutral, Bosnien und die Herzegowina waren sein Lohn. Den Russen

blieb freilich der Weg zum Goldenen Horne versagt, aber am Balkan wie

in Asien wuchs seine Macht gewaltig, und wenn es auch dem ehrlichen

Makler Dank und Lohn vorenthielt, so hat doch Bismarcks Politik es

erreicht, daß noch durch lange Jahrzehnte der Weltenbrand vermieden

wurde.

[Illustration: Der Reichskanzler teilte dem Ministerpräsidenten nichts

mit und umgekehrt. Nun kam der Erboberjägermeister hinzu. Der Arme! Mit

dem reden beide nichts.

Kaiser Wilhelm hatte an seinem 80. Geburtstag seinen Kanzler zum

Erboberlandjägermeister des Herzogtums Pommern ernannt. (»Berliner

Wespen«, März 1877)]

Bismarck in Geschichte, Karikatur und Anekdote · 第 237 / 334 题