»Als ich einmal«, schreibt Bismarck, »den geärgerten und darüber
erkrankten Kaiser des Morgens aufsuchen mußte, um über eine
höfische Demonstration zugunsten des Zentrums eine unter den
obwaltenden Umständen dringliche Beschwerde zu führen, fand ich ihn
im Bette und neben ihm die Kaiserin in einer Toilette, die darauf
schließen ließ, daß sie erst auf meine Anmeldung herunter gekommen
war. Auf meine Bitte, mit dem Kaiser allein sprechen zu dürfen,
entfernte sie sich, aber nur bis zu einem dicht außerhalb der von
ihr nicht ganz geschlossenen Türe stehenden Stuhle, und trug Sorge,
durch Bewegungen mich erkennen zu lassen, daß sie alles hörte. Ich
ließ mich durch diesen, nicht den ersten, Einschüchterungsversuch
nicht abhalten, meinen Vortrag zu erstatten. An dem Abende
desselben Tages war ich in einer Gesellschaft im Palais. Ihre
Majestät redete mich in einer Weise an, die mich vermuten ließ,
daß der Kaiser meine Beschwerde ihr gegenüber vertreten hatte.
Die Unterhaltung nahm die Wendung, daß ich die Kaiserin bat,
die schon bedenkliche Gesundheit ihres Gemahls zu schonen und
ihn nicht zwiespältigen politischen Einwirkungen auszusetzen.
Diese nach höfischen Traditionen unerwartete Andeutung hatte
einen merkwürdigen Effekt. Ich habe die Kaiserin Augusta in dem
letzten Jahrzehnt ihres Lebens nie so schön gesehen wie in diesem
Augenblicke; ihre Haltung richtete sich auf, ihr Auge belebte
sich zu einem Feuer, wie ich es weder vorher noch nachher erlebt
habe. Sie brach ab, ließ mich stehen und hat, wie ich von einem
befreundeten Hofmanne erfuhr, gesagt: ›Unser allergnädigster
Reichskanzler ist heute sehr ungnädig.‹ — Alle Gegner,« fügt
Bismarck hinzu, »die ich mir in den verschiedensten Regionen im
Laufe meiner politischen Kämpfe notwendigerweise und im Interesse
des Dienstes zugezogen hatte, fanden in ihrem gemeinsamen Hasse
gegen mich ein Band, das einstweilen stärker war als ihre
gegenseitigen Abneigungen gegeneinander. Sie vertagten ihre
Feindschaft, um einstweilen der stärkeren gegen mich zu dienen.
Den Kristallisationspunkt für diese Übereinstimmung bildete die
Kaiserin Augusta, deren Temperament, wenn es galt, ihren Willen
durchzusetzen, auch in der Rücksicht auf Alter und Gesundheit des
Gemahls nicht immer Grenze fand.«
[Illustration: ~Landtagsabschied~
»Ihr habt jetzt leeres Stroh genug gedroschen und könnt nach Haus
gehn.« (»Frankf. Laterne«, Juni 1875)]
In alter Treue aber standen zwei Männer auch in diesen schweren
Tagen auf Bismarcks Seite: König Wilhelm und Albrecht von Roon. In
seinem letzten Briefe hat der alte Kampfgefährte, der jetzt dem Tode
entgegenging, an Bismarck noch geschrieben, er möge nicht erlahmen,
er möge über alle Bitternisse der Gegenwart sich das Bewußtsein
erhalten, daß er dem Vaterlande noch vieles und Großes schulde,
aber er hatte dem »verwegenen Steuermann« auch zugerufen, daß »die
Triumphe und Erfolge menschlicher Größe, daß alle Freude, aller Glanz
und Schimmer dieses unseres dunstigen, frönerischen Erdendaseins
nichts ist im Vergleich mit der uns in Jesu Christo verheißenen
dereinstigen Herrlichkeit«. Auch König Wilhelm hat nicht an seinem
getreuen Diener gezweifelt. Und auch das deutsche Volk und auch das
Ausland hat gerade in jener Zeit ihm am eifrigsten gehuldigt. Eine
Fülle von Ehrenbürgerbriefen kam in sein Haus, zahllose vornehme
Körperschaften machten ihn zum Ehrenmitglied; von England, aus Amerika
kamen tausend Zeichen der Verehrung. Und zuletzt haben sie alle,
die als Deklaranten gegen Bismarck aufgestanden waren, den Weg nach
Kanossa betreten und des Schwergekränkten Verzeihung erfleht. In einer
neuen »deutschkonservativen« Partei gewann Fürst Bismarck alsbald für
seine neuen großen Pläne eine feste Stütze, die er zugleich gegen den
wachsenden Übermut und die zunehmende Nörgelei der »Fraktion Lasker«
ins Feld führen konnte.
Es war zuerst das gewaltige Projekt der Reichseisenbahn, an dessen
Verwirklichung Fürst Bismarck herantrat. Hier hatte er nicht nur gegen
die Parlamente, sondern auch gegen das Mißtrauen der Bundesstaaten
zu kämpfen. Der erste aber, der sich gegen ihn erhob, war Herr Eugen
Richter, der die Prophezeiung aussprach, dieses Projekt werde das Reich
wie Preußen zerstören. Unter der Heiterkeit des Hauses hat hierauf
der Kanzler erwidert: »Daß uns die deutsche Einheit und Freiheit auf
der ersten Reichslokomotive davonfahren werde, das glaube ich nicht.«
Es war dieses Projekt in der Tat gleich den Justizgesetzen ein neuer
starker Nagel, der das eiserne Band der Einheit zusammenhielt. Nur
215 gegen 160 Stimmen traten auf die Seite Bismarcks — wer möchte
sich heute wohl noch zu denen bekennen, die damals für die Ablehnung
sprachen?
[Illustration: »Mit dem Engländer werde ich es wohl ein bißchen schwer
haben, aber ich hoffe, ihn endlich doch noch kaltzustellen.« Bismarck
hat durch den Dreibund England kaltgestellt. (»Figaro«, November 1880)]
Wenn aber jetzt Fürst Bismarck zurückschaute auf das Werk seiner Hände,
auf die ersten sechs Jahre im neuen Deutschen Reiche, dann konnte
er allen Bitternissen der ihm aufgezwungenen Kämpfe zum Trotz doch
befriedigt erkennen, daß das deutsche Gemeingefühl durch eine Fülle
neuer Reichsgesetze gefördert war, daß das junge Deutsche Reich in
seinen auswärtigen Beziehungen eine Reihe von Freunden gewonnen hatte,
daß gewaltige Aufgaben gelöst worden waren. Wohl dachte Bismarck
zuweilen daran, sich auf das Altenteil zu setzen, aber er fühlte es
doch, daß seine Kraft und seine Erfahrung noch notwendig seien, um das
Schiff, das er erbaut und ausgerüstet, noch durch manche wilde Brandung
zu leiten. Und so hielt er aus in den Sielen, noch weit hinaus bis über
den Tag, der ihm in König Wilhelm den treuesten Freund, den tapferen
Lehnsherrn und Kriegsfürsten raubte.
[Illustration: ~Bismarck-Cäsar und Arnim-Brutus~
»Nur ein Cäsar mochte Rom verderben,
Nur nicht Brutus mochte Cäsar stehn,
Wo ein Brutus lebt, muß Cäsar sterben,
Geh du linkwärts, laß mich rechtwärts gehn.« (Schiller)
(»Ulk«, April 1874)]
[Illustration: ~Was der Bismarck alles imstand ist~
Eine Anspielung auf den Prozeß des Grafen Arnim, der zu schwerer Strafe
verurteilt worden war. Der Scherz geht dahin, daß Bismarck bei seiner
großen Macht selbst Kaiser Wilhelm in die Stadtvogtei abführen lassen
könnte. Dort harren seiner bereits Generale und Minister. (»Kikeriki«,
Oktober 1874)]