In seiner Antwort schrieb Bismarck: »... Gott hat die Fahnenflucht
unserer Junker von Thron und Evangelium zugelassen und dadurch
unser Rüstzeug schwer geschädigt; aber ich schöpfe auch hier wie
63, 66, 70 in allen den Kämpfen, die wir, lieber alter Freund,
Schulter an Schulter siegreich bestanden haben, Mut aus dem
mich innerlich tief berührenden Worte: ›Gott widersteht den
Hoffärtigen.‹ Und auch im Kampfe mit Kleist, Waldow und Gerlach,
wie mit den ehrgeizigen Priestern des römischen Götzendienstes
sehe ich die Hoffart zu meinem Trost im feindlichen Lager.
Gefochten soll sein, das ist mir so klar, als ob Gott mir es auf
deutsch befohlen hätte. Ich stehe dienstlich auf der Bresche,
und mein irdischer Herr hat keine Rückzugslinie, also: =vexilla
regis prodeunt=, und ich will, krank oder gesund, die Fahne
meines Lehnsherrn halten, gegen meine faktiösen Vettern so fest
wie gegen Papst, Türken und Franzosen. Vermüde ich, so bin ich
anschlagmäßig verwendet, und der Verbrauch meiner Person ist vor
jedem Rechnungshofe justifiziert. Durch Ihren Rücktritt bin ich
vereinsamt, unter Philistern die einzig fühlende Brust. Der alte
Rest vom alten Stamm, der bleibt, ist faul. Ich will nicht zu ihm
sagen: ›Heinrich, mir graut vor dir‹, aber ich habe mitunter Lust,
falls ich noch körperlich stärker bin, es ihn empfinden zu lassen.
Ich wollte Ihnen nur ein herzliches Lebewohl schreiben, und nun
komme ich auf sechs Seiten solcher Abirrungen. Sehen werden wir uns
ja doch im Winter, und persönlich also nehme ich nicht Abschied.
Wir werden mündlich doch noch manchen Rückblick auf die elf
Geschichtsjahre tun können, die Gott uns zusammen hat durchkämpfen
lassen, und in denen wir mehr von seiner Gnade erlebt haben, als
wenigstens mein Verstehen und Erwarten faßte. Im Amte aber wird es
einsam um mich sein, je länger je mehr; die alten Freunde sterben
oder werden Feinde, und neue erwirbt man nicht mehr. Wie Gott will:
Im gelben Sitzungszimmer werde ich die Lücke auf Ihrem Sofaplatze
nicht ausgefüllt finden und dabei denken: ›Ich hatt’ einen
Kameraden.‹ — Man wird alt, das hat sein Gutes; man ist zufrieden
mit Knochen und Leder, an sich und anderen. Der Postbote mahnt.
Herzlichen Gruß und auf baldiges Wiedersehen. Ihr getreuer Freund
von Bismarck.«
[Illustration: ~Der Sturz der Titanen~
Skizze zu einem Deckengemälde für das Zentrum. Zum Andenken an die
Sitzung des Reichstags am 4. Dezember 1874
Es handelt sich um die Sitzung, in der Bismarck den Attentäter Kullmann
an die Rockschöße des Zentrums gehängt hat. Windthorst, Jörg, Majunke,
Kullmann stürmen gegen ihn an. (»Berliner Wespen«, Dezember 1874)]
[Illustration: ~In Friedrichsruhe~
Bismarck: »Ick soll Ihnen wegen der Reformen in Rußland raten? Det is
wohl ganz einfach: Jeben Sie die Freiheit wie in Preußen! He? Wat sagen
Sie?«
Der Zar: »Geniale Idee!«
(»Humoristische Blätter«, 2. März 1884)]
In Kissingen, wo der Kanzler, dessen Gesundheit unter all den Kämpfen
wiederholt zusammenbrach, auch im Sommer 1874 Genesung suchte,
entlud sich nun der gegen ihn gesammelte Haß in dem Mordversuch
des Böttchergesellen Kullmann. Er war ein roher und gewalttätiger
Bursche, Mitglied in einem katholischen Gesellenverein, aufgereizt
durch Flugblätter und Reden, aber sicherlich nicht in das Verständnis
der großen Gegensätze gedrungen, die nach der großen Kriegszeit das
deutsche Volk erschütterten. Bei ihm wie bei all den anderen, die zur
Mordwaffe griffen, mündet der weite Strom der Ideen in den engen Kanal
der geistigen Beschränktheit, und während große Männer in wundervollem
erregendem Kampfe ihre Kräfte messen, sitzt irgendwo in der engen
Kammer einer von den ganz Dumpfen und ganz Engen, nur eines einzigen
Gedankens fähig, und zähe an diesem Gedanken haftend, bis er zur Tat
wird. Er begreift es nicht, worin die Größe des Daseins besteht, und er
greift mit plumper Hand in das feine Gewebe der Gottheit.
[Illustration: ~Jahresregent Jupiter~
Jupiter (Bismarck) als Stier, der Europa trägt. An den Schwanz des
Tieres klammern sich Russen, Franzosen und andere Völker. (Der »Floh«,
Januar 1875)]