Kullmanns Attentat

Der 13. Juli war gekommen. Bismarck fuhr gegen Mittag aus. Aber

der Wagen hatte von der Ausfahrt des Wohnhauses an nur erst etwa

fünfzehn Schritte langsam zurückgelegt — da ein katholischer

Landgeistlicher in der Fahrbahn stand und nicht ausweichen wollte

—, als plötzlich aus nächster Nähe eine Pistole auf den Fürsten

Bismarck abgefeuert wurde. Er hatte zufällig gerade die Hand zu

militärischer Begrüßung der ihn umjubelnden Menge an seine Schläfe

erhoben, als der Schuß krachte. Diese Bewegung rettete sein Leben.

Der Mörder gestand es später selbst ein mit den ihn bezeichnenden

Worten: »Ich habe mich einexerziert, schon öfter, ja hundertmal aus

der Pistole geschossen, aber der Kerl hat eine Bewegung gemacht,

und so habe ich ihn gefehlt.« Die zum Gruß erhobene Hand entzog dem

Mörder das edle Ziel, das Haupt des Fürsten. Die Kugel streifte

nur den Knöchel seiner Rechten. Der Kutscher, fast starr vor

Schrecken, hatte doch die Geistesgegenwart, sich umzudrehen. Er

sieht den Fürsten anscheinend unversehrt, will also weiterfahren

und wendet sein Auge wieder den Pferden zu. Da bemerkt er den

Mörder, der die Pistole fortwirft und in der dichten Menschenmenge

verschwinden will. Durch einen wuchtigen Peitschenhieb über

das Gesicht des Mörders bringt der Kutscher diesen zum Stehen.

Gleichzeitig wirft sich der als Badegast in Kissingen anwesende

Hofschauspieler Lederer aus Darmstadt auf den Mörder und packt ihn

an der Kehle, hält ihn auch — obwohl der Mensch um sich beißt —

fest, bis hundert Arme ihn dingfest machen, zu zerreißen drohen. Da

springt Fürst Bismarck aus dem Wagen, und rettet den Mörder vor der

Volksvergeltung mit dem Worte: man solle den Menschen dem Gesetze

überlassen. Nun wird der Täter nach dem Stadtgefängnis geschleift.

Nachdem er verbunden war, suchte Bismarck den Attentäter selbst

auf und hatte mit ihm im Gefängnis eine Unterredung. Die Frage

des Fürsten: »Kennt Ihr mich?« beantwortete Kullmann mit lautem

»Ja«, dagegen mit »Nein« die Frage, ob er Bismarck schon früher

gekannt habe. Auf die Frage, weshalb er die Tat begangen,

antwortete er ziemlich rasch: »Wegen der Maigesetze!« — Auch

nannte er, wie Bismarck später im Reichstag erzählte, das Zentrum

»seine Fraktion«. — Alle an ihn gestellten Fragen beantwortete

Kullmann mit großer Frechheit und ohne jeden Versuch irgendeiner

Beschönigung seiner Tat. Doch war interessant, zu sehen, daß der

freche Mensch den festen Blick des Fürsten nicht ertragen konnte,

sondern immer sofort die Augen niederschlug. Der Fürst schloß mit

den Worten: »Das ist nicht schön, wenn Landsleute aufeinander

schießen.«

Bismarck in Geschichte, Karikatur und Anekdote · 第 232 / 334 题