Bei diesem Besuche hat sich eine Episode ereignet, von der die
Welt erst durch Bismarcks letztes Gedenkbuch erfuhr: »Ich hatte«,
so erzählt der Kanzler, »durch Herrn v. Keudell erfahren, daß
der König eine Dose mit Brillanten, deren Wert auf 50000–60000
Franken, ungefähr auf das Sechs- bis Achtfache des bei solchen
Gelegenheiten Üblichen, angegeben wurde, hatte anfertigen und
dem Grafen Launay zur Überreichung an mich zustellen lassen.
Gleichzeitig kam es zu meiner Kenntnis, daß Launay die Dose mit
Angabe des Wertes seinem Hausnachbarn, dem bayrischen Gesandten
Baron Pergler von Perglas, gezeigt hatte, der unseren Gegnern
in dem Kulturkampfe persönlich nahestand. Der hohe Wert des mir
zugedachten Geschenkes konnte also Anlaß geben, es in Verbindung
zu bringen mit der Anlehnung, die der König von Italien bei dem
Deutschen Reiche damals erstrebte und erlangte. Als ich dem Kaiser
meine Bedenken gegen die Annahme des Geschenkes vortrug, hatte
er zunächst den Eindruck, als ob ich es überhaupt unter meiner
Würde fände, eine Porträtdose anzunehmen, und sah darin eine
Verschiebung der Traditionen, an die er gewöhnt war. Ich sagte:
›Gegenüber einem solchen Geschenke von durchschnittlichem Werte
würde ich auf den Gedanken der Ablehnung nicht gekommen sein. In
diesem Falle aber hätte nicht das fürstliche Bildnis, sondern
hätten die verkäuflichen Diamanten das für die Beurteilung des
Vorgangs entscheidende Gewicht; mit Rücksicht auf die Lage des
Kulturkampfes müßte ich Anknüpfungspunkte für Verdächtigungen
vermeiden, nachdem der den Umständen nach übertriebene Wert der
Dose durch die nachbarlichen Beziehungen von Perglas konstatiert
und in der Gesellschaft hervorgehoben worden sei.‹ Der Kaiser
wurde schließlich meiner Auseinandersetzung zugänglich und schloß
den Vortrag mit den Worten: ›Sie haben recht, nehmen Sie die Dose
nicht an.‹ Nachdem ich meine Auffassung durch Herrn v. Keudell zur
Kenntnis des Grafen Launay gebracht hatte, wurde der Dose ein sehr
hübsches und ähnliches Porträt des Königs substituiert mit seiner
eigenhändigen Unterschrift. Der König behielt jedoch das Bedürfnis,
mir einen verstärkten Ausdruck seines Wohlwollens zu geben durch
ein dem ursprünglich beabsichtigten im Werte analoges, aber
nicht verkäufliches Geschenk, und ich erhielt als Zugabe zu der
schmeichelhaften Unterschrift des Porträts eine Alabastervase von
ungewöhnlicher Größe und Schönheit, deren sichere Verpackung und
Beförderung bei der überstürzten Räumung meiner Amtswohnung, zu der
mein Nachfolger mich nötigte, nicht ohne Schwierigkeit war. Anderer
Ansicht über die Annahme einer mit Brillanten gefüllten Dose war
übrigens Gortschakow. Bei unserem Besuch in Petersburg fragte mich
Seine Majestät: ›Was kann ich nur dem Fürsten Gortschakow geben?
Er hat schon alles, auch Porträt; vielleicht eine Büste oder Dose
mit Brillanten?‹ Ich erhob gegen eine teuere Dose Einwendungen,
die ich aus der Stellung und dem Reichtum des Fürsten Gortschakow
herleitete, und der Kaiser gab mir recht. Ich sondierte darauf den
Fürsten vertraulich und erhielt sofort die Antwort: ›Laß Er mir
(Russizismus) eine tüchtige Dose geben mit guten Steinen (=avec
de grosses bonnes pierres=).‹ Ich meldete dies Seiner Majestät
etwas beschämt über meine Menschenkenntnis; wir lachten beide, und
Gortschakow bekam seine Dose.«
[Illustration: ~Kullmanns Attentat~
Darauf haben die Attentatsfreunde nicht gedacht, daß bei dem Schusse
auf Bismarck — eigentlich doch wieder nur die stolze Kirche getroffen
ward. (»Kikeriki«, 27. Juli 1874)]
Am schwersten traf den Fürsten Bismarck der Verlust seines alten
Kampfgenossen Roon, der jetzt endgültig vom Schauplatz seiner Taten
Abschied nahm. Die Briefe, die in diesen Tagen die beiden heldenmütigen
Männer tauschten, bilden vielleicht eines der ergreifendsten Dokumente
eines wahrhaft großen und darum innerlich stets bescheidenen
Menschentums.
=Adelantador=
In seinem Abschiedsbriefe an Bismarck schrieb Roon: »Zum Schlusse
dieser Zeilen erlauben Sie mir, Ihnen aus vollem Herzen nochmals
mein ›=Adelante, adelantador atrevido!=‹ (Vorwärts, immer vorwärts,
kühner Held) zuzurufen und Gottes Segen für Ihr ferneres
gedeihliches und großartiges Wirken zu erflehen; und das werde ich
immer tun, bis an mein vielleicht nicht mehr fernes Lebensende,
gleichviel ob ich auf der Bühne oder im Zuschauerraum meinen Platz
habe!«