Von ihm erzählt Bismarck in seinem Gedenkbuch: Graf Harry Arnim
vertrug wenig Wein und sagte mir einmal nach einem Frühstücksglase:
»In jedem Vordermanne in der Karriere sehe ich einen persönlichen
Feind und behandle ihn dementsprechend. Nur darf er es nicht
merken, solange er mein Vorgesetzter ist.« Es war dies in der Zeit,
als er, nach dem Tode seiner ersten Frau aus Rom zurückgekommen,
durch eine italienische Amme seines Sohnes in rot und gold Aufsehen
auf den Promenaden erregte und in politischen Gesprächen gern
Macchiavell und die Werke italienischer Jesuiten und Biographen
zitierte. Er posierte damals in der Rolle eines Ehrgeizigen, der
keine Skrupel kannte, spielte hinreißend Klavier und war vermöge
seiner Schönheit und Gewandtheit gefährlich für die Damen, denen er
den Hof machte. Diese Gewandtheit auszubilden, hatte er frühzeitig
begonnen, indem er als Schüler des Neustettiner Gymnasiums von
den Damen einer wandernden Schauspielertruppe sich in die Lehre
nehmen ließ und das mangelnde Orchester am Klavier ersetzte. Unter
den Persönlichkeiten, die neben ausländischen Einflüssen, neben
der »Reichsglocke« und ihren Mitarbeitern in aristokratischen
und Hofkreisen und in den Ministerien meiner Kollegen, neben dem
verstimmten Junkertum und dessen Ära-Artikeln in der »Kreuzzeitung«
daran arbeiteten, mir das Vertrauen des Kaisers zu entziehen,
spielte Graf Harry Arnim eine hervorragende Rolle. Am 23. August
1871 wurde er auf meinen Antrag zum Gesandten, demnächst zum
Botschafter in Paris ernannt, wo ich seine hohe Begabung trotz
seiner Fehler im Interesse des Dienstes nützlich zu verwerten
hoffte; er sah in seiner Stellung dort aber nur eine Stufe, von der
aus er mit mehr Erfolg daran arbeiten konnte, mich zu beseitigen
und mein Nachfolger zu werden. Nachdem Arnim sich 1873 in Berlin
überzeugt hatte, daß seine Aussichten, an meine Stelle zu treten,
noch nicht so reif waren, wie er angenommen hatte, versuchte er
einstweilen das frühere gute Verhältnis herzustellen, suchte mich
auf, bedauerte, daß wir durch Mißverständnisse und Intrigen anderer
auseinandergekommen wären, und erinnerte an Beziehungen, die er
einst mit mir gehabt und gesucht hatte. Zu gut von seinem Treiben
und von dem Ernst seines Angriffes auf mich unterrichtet, um mich
täuschen zu lassen, sprach ich ganz offen mit ihm, hielt ihm vor,
daß er mit allen mir feindlichen Elementen in Verbindung getreten
sei, um meine politische Stellung zu erschüttern, in der irrigen
Annahme, er werde mein Nachfolger werden, und daß ich an seine
versöhnliche Gesinnung nicht glaube. Er verließ mich, indem er
mit der ihm eigenen Leichtigkeit des Weinens eine Träne im Auge
zerdrückte. Ich kannte ihn von seiner Kindheit an.
[Illustration: ~Bismarck als Figaro singt das »Largo an das Faktotum«~
»=Bizzimarck here,
Bizzimarck there,
Bizzimarck, Bizzimarck everywhere!!=«
(»Punch«, 31. Oktober 1874)]
Inzwischen tobte der Kulturkampf weiter. Auch der Papst hatte
öffentlich Stellung genommen und die herrschende Erregung noch
aufgestachelt. Ja, er hatte sogar in einer Ansprache an deutsche Pilger
die Wendung gebraucht, im Reiche herrsche eine Verfolgung gegen die
Kirche, an deren Spitze der erste Minister stehe, und er hatte mit
den Worten geschlossen: »Wer weiß, ob nicht bald das Steinchen sich
von der Höhe löst, daß es den Fuß des Kolosses zertrümmert.« Und im
Parlament war einer der Führer des Zentrums, Herr von Schorlemer-Alst,
so weit gegangen, Anklagen gegen den Kanzler zu erheben, daß er nicht
nur den Umsturz der Bundesverfassung vorbereitet und durchgeführt
habe, sondern daß er auch im Jahre 1866, verbündet mit Garibaldi und
Klapka, die ungarischen und kroatischen Regimenter zum Bruch ihres
Fahneneides zu verführen versuchte. Herr von Mallinckrodt fügte
hinzu, daß Bismarck bereit war, einen Teil des linken Rheinlandes,
den die bayrische Pfalz und Koblenz und Trier bilden, an Frankreich
abzutreten. Er habe dies »in amtlichen Aktenstücken gelesen und sich
bisher vergeblich nach einem Widerspruch umgesehen«. Es waren die
Fälschungen des Generals Lamarmora, die den Zentrumsführern den Stoff
zu ihren wilden Angriffen boten. Sie mußten aber aus Bismarcks Munde
die grimmige Antwort vernehmen, daß sie sich auf dreiste, lügenhafte
Erfindungen stützen, gemacht in gehässiger Absicht gegen ihn, der sich
rühmen dürfe, in Europa der bestgehaßte Mann zu sein. »Ich habe niemals
irgend jemandem«, so rief Bismarck, »die Abtretung auch nur eines
Dorfes oder eines Kleefeldes zugesichert oder in Aussicht gestellt.«
Auch hier sollte die persönliche Verdächtigung den Mann fällen, der
auch in diesem schweren Kampfe immer und immer wieder versuchte, aus
der Niederung der persönlichen Gehässigkeit den Streit auf die Höhen
des Prinzips zu tragen. Niemals in so gewaltiger Weise wie in jener
Rede, in der er den Streit des Tages hinstellte als eine Episode in
dem uralten Machtstreit zwischen Königtum und Priestertum, der viel
älter sei als die Erscheinung unseres Erlösers in der Welt, in dem
Agamemnon bereits in Aulis mit seinen Sehern lag, der die deutsche
Geschichte des Mittelalters unter dem Namen der Kämpfe der Päpste mit
den Kaisern erfüllte und seinen Abschluß damit fand, daß der letzte
Vertreter des erlauchten schwäbischen Kaiserstammes unter dem Beile
eines französischen Eroberers auf dem Schafott starb. Das Papsttum,
so rief er aus, sei eine politische Macht zu jeder Zeit gewesen,
die mit der größten Entschiedenheit und dem größten Erfolge in die
Verhältnisse dieser Zeit eingriff. Das Ziel sei die Unterwerfung der
weltlichen unter die geistliche Gewalt. Der Kampf aber des Priestertums
mit dem Königtum sei zu beurteilen wie jeder andere Kampf: er hat
seine Bündnisse, seine Friedensschlüsse, seine Haltepunkte und
Waffenstillstände. »Es handelt sich um die Verteidigung des Staates, es
handelt sich um die Abgrenzung, wie weit die Priesterherrschaft und
wie weit die Königsherrschaft gehen soll; aber diese Abgrenzung muß so
gefunden werden, daß der Staat seinerseits dabei bestehen kann. Denn in
dem Reiche dieser Welt hat er das Regiment und den Vortritt. ... Die
Zentrumspartei in ihren Wirkungen ist eine Breschbatterie, aufgeführt
gegen den Staat; die Artilleristen, die sie leiten, die Ingenieure, die
sie erbauten, wissen genau, was sie beabsichtigten.«