Von seinem alten Herrn erhielt Bismarck zum Silberfeste eine
kostbare Vase in Begleitung des folgenden Handschreibens aus
Koblenz vom 26. Juli: »Sie werden am 28. ein schönes Familienfest
begehen, das Ihnen der Allmächtige in seiner Gnade beschert. Daher
darf und kann Ich mit Meiner Teilnahme an diesem Feste nicht
zurückbleiben, und so wollen Sie und die Fürstin, Ihre Gemahlin,
hier Meinen innigsten und herzlichsten Glückwunsch zu diesem
erhebenden Feste entgegennehmen! Daß Ihnen beiden, unter so vielen
Glücksgütern, die Ihnen die Vorsehung für Sie erkoren hat, doch
immer das häusliche Glück obenan stand, das ist es, wofür unsere
Dankgebete zum Himmel steigen! Unsere und Meine Dankbarkeit gehen
aber weiter, indem sie den Dank in sich schließen, daß Gott Sie
Mir in entscheidender Stunde zur Seite stellte und damit eine
Laufbahn Meiner Regierung eröffnete, die weit über Denken und
Verstehen geht. Aber auch hierfür werden Sie Ihre Dankgebete nach
oben senden, daß Gott Sie begnadigte, so Hohes zu leisten! Und in
und nach allen Ihren Mühen fanden Sie stets in der Häuslichkeit
Erholung und Frieden, — das erhielt Sie Ihrem schweren Berufe! Für
diesen sich zu erhalten und zu kräftigen, ist Mein stetes Anliegen
an Sie, und freue Ich mich, aus Ihrem Briefe durch Oberst Graf
Lehndorff und von diesem selbst zu hören, daß Sie jetzt mehr an
sich als an die Papiere denken werden. — Zur Erinnerung an Ihre
Silberne Hochzeit wird Ihnen eine Vase übergeben werden, die eine
dankbare Borussia darstellt, und die, so zerbrechlich ihr Material
auch sein mag, doch selbst in jeder Scherbe dereinst aussprechen
soll, was Preußen Ihnen durch die Erhebung auf die Höhe, auf
welcher es jetzt steht, verdankt. Ihr treuergebener, dankbarer
König Wilhelm.«
Im Spätsommer kehrte Bismarck nach Berlin zurück und stürzte sich
mitten in den Trubel, den der Besuch der Kaiser von Österreich und
Rußland und ihrer Minister in Berlin heraufbeschwor. In täglichen
Beratungen erreichte er ein außerordentlich herzliches Verhältnis zu
diesen beiden Monarchen, das Einverständnis der drei Kaiser und ihrer
Staatsmänner umfaßte den gesamten Inhalt der Politik. Bismarck hatte
in der Tat die Achtung und das Vertrauen aller Völker für Deutschland
gewonnen.
In der Fülle der Erfolge aber traf den großen Staatsmann ein besonderer
Kummer: Sein alter Kampfgenosse Roon reichte dem Kaiser die Bitte um
Entlassung aus all seinen Staatsämtern ein.
[Illustration: ~Der beurlaubte Bismarck~
»Welch ein Verlust für die Witzblätter, wenn sich der gekränkte Mann
am Ende gar die berühmten drei Haare ausreißt.« Es ist die Zeit, in
der verbissene Konservative auf Bismarcks »erzwungenen Rücktritt«
hinarbeiten, voran Graf Harry von Arnim. Der Urlaub, den der Kanzler
genommen hatte, wurde ohnehin durch eine Erkrankung gestört.
(»Kikeriki«, April 1874)]
Dieser Schlag traf Bismarck ungeheuer hart, wenn er auch die von dem
alten Gefährten angegebene Begründung, die in seinem zerrütteten
Gesundheitszustand lag, durchaus anerkennen mußte. In diesen Tagen ist
in ihm stärker als je zuvor der Wunsch lebendig geworden, einen Teil
der Bürde, die auf ihm lag, von den Schultern zu werfen und nur noch
Minister des Auswärtigen zu bleiben. Dieser Dienst, so schreibt er in
dem Briefe an Roon, nehme eine volle Manneskraft in Anspruch, er könne
nicht auch noch die volle Verantwortung für die innere Politik tragen.
Auch habe er im Innern den Boden, der ihm annehmbar sei, durch die
Desertion der Konservativen Partei in der katholischen Frage verloren:
»Meine Federn sind durch Überspannung erlahmt, der König als Reiter
im Sattel weiß wohl kaum, daß und wie er in mir ein braves Pferd
zuschanden geritten hat; die Faulen halten länger aus, aber =ultra
posse nemo obligatur=.«
Der Roon-Krisis folgte eine Bismarck-Krisis. Aber Roon nahm schließlich
sein Entlassungsgesuch zurück, und da er unter den Ministern allein das
volle Vertrauen des Königs besaß, so übernahm er sogar an Bismarcks
Stelle den Vorsitz im Ministerrat und die Leitung der preußischen
Geschäfte. Jetzt wäre sicher die günstigste Gelegenheit für die
Konservativen gewesen, die Versöhnung mit dem großen Kanzler zu
suchen. Solche Schritte sind leider unterblieben; die Aktion wurde
sogar mit verstärkter Heftigkeit fortgeführt, und tausend Versuche
wurden gemacht, dem Staatsmann das Vertrauen des Königs zu rauben.
Aber König Wilhelm hielt fest in Treuen, und niemals sind die Beweise
seiner Freundschaft und Huld so zahlreich gewesen wie eben in diesen
Tagen. So durfte der Minister am Weihnacht-Heiligabend von seinem
königlichen Freunde die Nachbildung des Standbildes Friedrichs des
Großen entgegennehmen, für die er in einem wundervollen Briefe seinen
Dank aussprach:
[Illustration: ~Der Vogelfänger bin ich ja, stets lustig — heisa
hopsasa!~
General Lamarmora hatte Fälschungen in Gestalt von diplomatischen
Aktenstücken veröffentlicht, die sich gegen Bismarck richteten. Der
Kanzler trägt hier als Papageno die drei von ihm eingefangenen Vögel
Napoleon, Beust und Lamarmora auf seiner Stange. (»Kladderadatsch«,
September 1873)]