Aus der Feder des Gastes haben wir eine überaus reizvolle
Schilderung des Bismarck von damals in einem nach der Heimat
gerichteten Briefe: »Liebe Mary! Wir verließen Berlin gestern
morgen ¾9 Uhr und kamen auf Station Schlawe um ½5 Uhr an. Wir
hatten bis Varzin anderthalb Stunden zu fahren. Als der Postillon
sein Horn blies und an der Tür vorfuhr, kamen Bismarck, seine Frau,
Marie und Herbert alle heraus und bewillkommneten uns schon am
Wagen in der herzlichsten Weise. Ich fand seine Erscheinung wenig
verändert seit 1864, was mich überrascht hat. Er ist etwas stärker
geworden und sein Gesicht verwitterter, aber ebenso ausdrucksvoll
und gewaltig wie immer. Frau v. Bismarck hat sich noch weniger
verändert in den vierzehn Jahren, seit ich sie gesehen. Sie
sind beide so gütig und liebenswürdig gegen Lilli, daß es ihr
vorkommt, als hätte sie sie zeit ihres Lebens gekannt. Marie ist
ein niedliches Mädchen mit schönem dunklem Haar und grauen Augen —
einfach, ungeziert und gleich Vater und Mutter voll Übermut. Die
Lebensweise ist höchst ungeniert, wie Du Dir denken wirst, wenn
ich Dir sage, daß wir direkt vom Wagen in den Speisesaal geführt
wurden (nach einer staubigen, heißen Reise, in Eisenbahn und
Wagen zehn Stunden unterwegs) und uns niedersetzen und das Essen
nachholen mußten, welches schon halb vorüber war, da wir durch
irgendein contretemps eine Stunde später anlangten als wir erwartet
wurden. Nach Tisch machte Bismarck mit mir einen Spaziergang in
den Wald, wobei er die ganze Zeit in der einfachsten, lustigsten
und interessantesten Weise über alles sprach, was sich in diesen
furchtbaren Jahren ereignet hat; aber er sprach davon, wie
alltägliche Leute von den alltäglichsten Dingen reden, ohne jede
Affektation. Und gerade weil er so einfach ist, sich so gehen läßt,
muß man innerlich zu sich selbst sagen: Das ist der große Bismarck,
der größte der jetzt lebenden Menschen und einer der größten
Charaktere, die es je gegeben hat. Wenn man im vertrauten Umgange
mit Brobdingnags (Riesen aus Gullivers Reisen von Swift) lebt, so
scheint es augenblicklich, als wären wir alle auch Brobdingnags,
und das wäre überhaupt so die Regel, man vergißt den Vergleich mit
der eigenen Kleinheit. Es gibt dagegen viele Leute in gewissen
Dörfern, die uns bekannt sind, welche über ihre Umgebung einen viel
erkältenderen Hauch wegblasen, als wenn sie Bismarck wären. — Am
Abend saßen wir wieder als gemischte Gesellschaft beisammen, indem
die einen Tee tranken, die anderen Bier und einige Selterwasser,
während Bismarck eine Pfeife rauchte. Er raucht jetzt aber wenig
und nur ganz leichten Tabak in der Pfeife. Früher, als ich ihn
kannte, rauchte er unaufhörlich die stärksten Zigarren, und jetzt,
sagte er, könne er nicht mehr, um sein Leben zu retten, Zigarren
rauchen, solchen Widerwillen erregen sie ihm. Ein Gutsnachbar,
Herr v. Thadden und Frau, waren die einzigen Gäste, und sie gehen
heute nachmittag wieder fort. Dieser Freund hatte die Schlacht von
Königgrätz mitgemacht, und Bismarck erzählte eine Menge Anekdoten
von jener Schlacht. ... Ich wünschte, Du hättest ihm zuhören
können. Du kennst seine Art und Weise. Von allen Männern, die
ich je gesehen, klein oder groß, ist er am wenigsten =poseur=.
Alles kommt so nebenbei und nachlässig heraus. Ich fragte ihn, ob
er nun mit dem Kaiser von Österreich gut Freund wäre. Er sagte
ja, und der Kaiser wäre im vorigen Jahre in Salzburg ausnehmend
höflich gegen ihn gewesen und durch den ganzen Saal sogleich auf
ihn zugekommen, als er sich in der Türe gezeigt. Er sagte, als
er noch jünger war, habe er sich für einen ganz klugen Burschen
gehalten, aber sich allmählich überzeugt, daß niemand wirklich
mächtig oder groß sei, und er müsse darüber lachen, wenn er sich
preisen höre als weise, vorherrschend und als übe er große Macht
aus in der Welt. Ein Mann in seiner Stellung sei genötigt, während
Unbeteiligte erwägen, ob es morgen Regen oder Sonnenschein geben
würde, prompt zu entscheiden: es wird regnen oder es wird schön
Wetter sein, und demgemäß zu handeln mit allen ihm zu Gebote
stehenden Mitteln. Hatte er recht geraten, so rief alle Welt:
welche Weisheit, welche Prophetengabe! Hatte er unrecht, so möchten
alle alten Weiber mit Besenstielen nach ihm schlagen. — Wenn er
weiter nichts gelernt hätte, so hätte er Bescheidenheit gelernt.
Ganz gewiß lebte nie ein Sterblicher, der so unaffektiert war,
und auch kein genialerer. Er sieht aus wie ein Koloß, aber seine
Gesundheit ist schon erschüttert. Er kann nie vor vier oder fünf
Uhr morgens einschlafen. Natürlich folgt ihm seine Arbeit hierher
nach, doch schien sie ihn wenig zu belästigen. Er sieht aus wie ein
Landedelmann, der vollkommen Muße hat. ...«
[Illustration: ~Das Berliner Friedenskonzert~
»Lieber Gortschakow, mir scheint, der Bismarck bläst falsch.«
Gortschakow und Andrassy weilten im September 1872 mit ihren Souveränen
in Berlin. Hier wurde auch die Versöhnung zwischen Rußland und
Österreich besiegelt. (»Kikeriki«, Oktober 1872)]