Bismarck als Dichter

Kleist-Retzow ist bei beiden Söhnen Bismarcks Pate gewesen. Von der

Innigkeit der Beziehungen dieser beiden Männer, die in Bismarcks

Jugendzeit auch die Wohnung miteinander teilten, zeugt ein

scherzhaftes Gedicht aus der Feder des jungen Bismarck, mit dem er

einst das Geschenk einer großen braunen Kaffeetasse an den Freund

begleitet hat. Das Gedicht lautet:

»Nicht ganz so schwarz wie Ebenholz, doch braun wie Mahagoni

Wünsch’ ich Dir, aller Pommern Stolz, ein Leben süß wie Honig.

Wenn Wenzel Dich gelangweilt hat, Schwerin den Zorn erregt in Dir,

Wenn übel Dir vom Doktorat, dann, Hans, erhole Dich bei mir.

Wenn dann der Kaffee Dir behagt und Du, um streng Dich zu kastein,

Die zweite Tasse Dir versagt, dann, Hans, laß mich die erste sein.

Und schein’ ich Dir zu groß und weit für ein so kleines Landrätlein,

So denk’, es ist die höchste Zeit, Dir eine Gattin anzufrei’n.

Ihr trinkt dann aus mir alle beide Kaffee, Schokolade oder Tee,

Zu Tante Adelgundens Freude, in Kieckon auf dem Kanapee.

Geliebter Onkel Schievelbein, schaff bald uns eine Tante,

Dann wirst Du alles hoch erfreun, was jemals Hans Dich nannte.

Ingleichen Belgard und Polzin, Schievelbein und Tempelburg,

Ratzebur und Neu-Stettin, Kallies nebst Dramburg, Falkenburg.

Sie und die Leute all nicht minder aus Kieckon, Tychow und Krössin,

Sowie die beiden Typhuskinder woll’n all zu Landrats Hochzeit ziehn.

Aber Hochzeit, hohe Zeit! Hans, schon ist Dein Härchen grau,

Wart’ nicht länger, es wird Dir leid, Du kriegst wahrhaftig keine Frau.

Und uns wär’ es großer Jammer, wenn die Art aus sollt sterben!

Wem willst dann in Stadt und Kreis Deine Stelle Du vererben?«

=Va banque=

Unter den Konservativen hatte Bismarck schon in den älteren Zeiten

heftige Gegner. Zu ihnen gehörte vor allem Herr von Bethmann

Hollweg, der noch kurz vor dem Kriege gegen Österreich an den König

ein Schreiben richtete, in dem er ihn auf das dringendste bat,

sich von Bismarck zu trennen. »Gegen den Urheber unserer Politik«,

schreibt Herr von Bethmann, »hege ich keine feindliche Gesinnung.

Im März 1862 riet ich selbst Ew. Majestät, einen Steuermann von

konservativen Antezedenzien zu wählen, der Ehrgeiz, Kühnheit und

Geschick genug besitze, um das Staatsschiff aus den Klippen, in

die es geraten, herauszuführen, und ich würde Herrn von Bismarck

genannt haben, hätte ich geglaubt, daß er mit jenen Eigenschaften

die Besonnenheit und Folgerichtigkeit des Denkens und Handelns

verbände, deren Mangel der Jugend kaum verziehen wird, bei einem

Manne aber für den Staat, den er führt, lebensgefährlich ist.

In der Tat war des Grafen Bismarck Tun von Anfang an voller

Widersprüche. ... Viele betrachten diese und ähnliche Maßregeln,

die stets, weil in sich widersprechend, in das Gegenteil des

Bezweckten umschlugen, als Fehler der Unbesonnenheit. Anderen

erscheinen sie als Schritte eines Mannes, der auf Abenteuer

ausgeht, alles durcheinanderwirft und es darauf ankommen läßt, was

ihm zur Beute wird, oder eines Spielers, der nach jedem Verlust

höher pointiert und endlich va banque sagt. Dies alles ist schlimm,

aber noch viel schlimmer in meinen Augen, daß Graf Bismarck sich

in dieser Handlungsweise mit der Gesinnung und den Zielen seines

Königs in Widerspruch setzte und sein größtes Geschick darin

bewies, daß er ihn Schritt für Schritt dem entgegengesetzten Ziel

näher führte, bis die Umkehr unmöglich schien, während es nach

meinem Dafürhalten die erste Pflicht eines Ministers ist, seinen

Fürsten treu zu beraten, ihm die Mittel zur Ausführung seiner

Absichten darzureichen und vor allem dessen Bild vor der Welt rein

zu erhalten. ... Graf Bismarck hat es dahin gebracht, daß Ew.

Majestät edelste Worte dem eigenen Lande gegenüber, weil nicht

geglaubt, wirkungslos verhallen und weil das Vertrauen durch eine

ränkevolle Politik zerstört worden ist. ... Aber jede Verständigung

ist unmöglich, so lange der Mann an Ew. Majestät Seite steht,

Ihr entschiedenes Vertrauen besitzt, der dieses Ew. Majestät bei

allen anderen Mächten geraubt hat.« König Wilhelm eröffnete den

Brief erst in Nikolsburg im Juli 1866. Seine Antwort begann: »In

Nikolsburg eröffnete ich erst Ihren Brief, und Ort und Datum der

Antwort wären Antwort genug.«

[Illustration: ~Gegen welfisches Gelüst~

»Zurück! Für euch wird hier nichts verschenkt!« (»Ulk«, April 1873)]

Die schwerste Anklage aber muß heute noch gegen jenen Teil der

Rechten erhoben werden, der in den Kampf eine ungeheure persönliche

Verbitterung trug, der seine Führer in Perrot, Diest-Daber und seinen

publizistischen Vertreter in Joachim Gehlsen fand. Jetzt hatte Bismarck

den Kampf gegen zwei Fronten zu führen, jetzt mußte er ebenso gegen die

Konservativen wie gegen das Zentrum auf dem Wachtposten stehen. Und

waren die Gehilfen, die ihm zur Seite traten, durchweg verläßlich?

Zu ihnen gehörten ja auch die Fortschrittler unter Virchows Führung.

Sie jubelten ihm wohl zu, als er den Sturmlauf gegen den Klerikalismus

begann und wenn er das Wort für liberale Gesetze ergriff. Aber im

schwierigsten Augenblick haben sie ihn dennoch verlassen.

Doch Bismarck ließ sich nicht entmutigen; er ging seinen Weg gerade und

fest. Und so hielt er am 14. Mai 1872 jene gewaltige Rede, die in dem

Rufe ausklang: »Seien Sie außer Sorge — nach Kanossa gehen wir nicht,

weder körperlich noch geistig!«

Bald darauf begab sich Bismarck zur Erholung nach Varzin, so daß er an

der Beratung des Jesuitengesetzes nicht mehr teilnahm. Hier fand er

auch seinen alten Humor wieder, und hier durfte er, als er am 28. Juli

die Silberne Hochzeit feierte, seinen Jugendfreund Motley mit Frau und

Tochter begrüßen.

[Illustration: ~Durchaus glaubwürdig~

Fürst Bismarck: »Das Ideal des Herrn Richter, ein schwächlicher,

schüchterner Kanzler, werde ich wohl nie werden.« (»Ulk«, März 1881)]

Bismarck in Geschichte, Karikatur und Anekdote · 第 224 / 334 题