Bismarck erzählte an seiner Tafelrunde: »Der Papst wird vielleicht
doch aus Rom gehen müssen. Wohin aber? Nach Frankreich kann er
nicht, da ist Garibaldi. Nach Österreich mag er nicht. Nach
Spanien? Ich habe ihm — Bayern vorgeschlagen.« Nach einem
Augenblick des Nachsinnens fuhr er fort: »Es bleibt ihm nichts als
Belgien — oder Norddeutschland. Es ist in der Tat schon angefragt,
ob wir ihm ein Asyl gewähren könnten. Ich habe nichts dagegen
einzuwenden — Köln oder Fulda. Es wäre eine unerhörte Wendung, aber
doch nicht so unerklärlich, und für uns wäre es recht nützlich,
wenn wir den Katholiken als das erschienen, was wir in Wirklichkeit
sind, als die einzige Macht gegenwärtig, die dem obersten Fürsten
ihrer Kirche Schutz gewähren könnte und wollte. Für die Opposition
der Ultramontanen hörte jeder Vorwand auf — in Belgien, in Bayern.
Mallinckrodt träte auf die Seite der Regierung. In Deutschland, wo
man den Papst vor Augen hätte als hilfesuchenden Greis, als guten
alten Herrn, als einen der Bischöfe, der wie die anderen ißt und
trinkt, eine Prise nimmt, wohl gar auch seine Zigarre raucht —
da hat’s keine große Gefahr. Na, und schließlich, wenn nun auch
etliche Leute in Deutschland wieder katholisch würden — ich werd’s
nicht — so hätte das nicht viel zu bedeuten, wenn sie nur gläubige
Christen wären. Die Konfessionen machen’s nicht, sondern der
Glaube. Man muß toleranter denken.«
[Illustration: Wie Bismarck den Jesuiten den Kopf wäscht und Herr
von Stremayr, der österreichische Minister, ihnen die Stiefel putzt.
(»Figaro«, März 1872)]
Im neuen Reichstag erschien das Zentrum bereits als ein Heerhaufen von
57 Abgeordneten; an ihrer Spitze standen die beiden Reichensperger,
Mallinckrodt, Karl von Savigny und der Minister des Königs Georg; in
ihre Reihen mischten sich Polen und Welfen, Demokraten und Feudale,
Westfalen und Rheinländer, Bayern und Schlesier. Wenn aber auch ihre
Führer erklärten, nicht konfessionell zu sein, und wenn hier und da
sogar ein Protestant, wie der Welfe Brüel und der alte verbitterte
Gerlach, einen Platz fand, so blieb doch das Zentrum nichts anderes als
die Repräsentation der streitenden Kirche. Und schon vorher hatte die
Kirche sich selbst und alle ihre Kraft organisiert, indem sie durch
das Dogma von der Unfehlbarkeit dem theokratischen Absolutismus die
letzte Weihe gab. Aber die Ansprüche Roms gingen weit und weiter, sie
gipfelten zuletzt in dem Anspruch, der Kirche die Verfügung über den
weltlichen Arm zu gewähren, und im geheimen auch in der Hoffnung, daß
die Romfahrten der alten Kaiser über die Alpen wieder erwachen und der
deutsche Arm dem Papste die Hauptstadt und die Herrschaft zurückgeben
werde. Hier konnte Bismarck sich so wenig fügen wie dem Wunsche des
Zentrums, den staatlichen Willen der Kirche unterzuordnen, natürliche
Rechte des Königs preiszugeben. Indem aber hier die alten Freunde von
der rechten Seite versagten, indem sie ihm die Heeresfolge verweigerten
und den großen Staatsmann auf die Seite des Liberalismus drängten,
läuteten sie eine neue Ära ein, in der sie, die einst mit ihm zu den
stolzesten Höhen gezogen waren, sich selbst ihrer Macht beraubten und
zu mißvergnügten Zuschauern wurden.
[Illustration: Einige Blitze zucken von Rom nach Berlin, ohne zu
zünden. (»Figaro«, Januar 1875)]
Aber ehe der Staatsmann sich noch mit voller Kraft in all die neuen
Kämpfe stürzen konnte, die ihm jetzt drohten, hatte er doch dem
großen Werke, das er dort draußen in Versailles schon zur Vollendung
gebracht, den letzten Stempel zu geben. Es galt noch, den Frieden mit
Frankreich endgültig abzuschließen. Im Hotel zum Schwan in Frankfurt
am Main wurde das Werk der Einigung Deutschlands zum letzten Abschluß
gebracht. Fünfzehn Stunden mußte Bismarck auch hier noch mit den
Franzosen verhandeln. Am 12. Mai des Jahres erschien er dann wieder
im Reichstag, von der Versammlung mit stürmischem Jubel begrüßt. Hier
legte er dar, was wir erreichten: Nicht jeder werde zufrieden sein,
nicht jeder persönliche Wunsch sei erfüllt worden; die Trennung alter
Verbindungen, der Abschluß neuer Beziehungen seien ohne Verlust und
Nachteil niemals durchzuführen. Aber wir dürften hoffen, so schloß er,
daß dieser Frieden dauerhaft und segensreich sein wird und daß wir
der Bürgschaften, deren wir uns versichert haben, um gegen einen etwa
wiederholten Angriff beschützt zu sein, auf lange Zeit nicht bedürfen
werden. Und da sang dann der treue Diener das hohe Lied seines alten
Herrn und seines Verdienstes: »Stellen Sie sich nur indirekt die Frage,
wie alles hätte verlaufen können, wenn auf dem Throne Preußens ein
anderer Monarch saß! War es nicht möglich, daß dieser große Krieg,
der größte unseres Zeitalters, der ein Menschenalter, ein halbes
Jahrhundert hindurch wie eine drohende Wolke am Horizonte Deutschlands
schwebte, bei dem Monarchen, der auf dem mächtigsten Throne
Deutschlands saß, nicht die gleiche Entschlossenheit, den gleichen Mut,
diesen hohen Mut, der Krone, Reich und Leben einsetzt, vereinigt fand?
War es nicht möglich, daß dann der Krieg im Augenblick vermieden wurde
unter Umständen, die das deutsche Nationalgefühl tief geschädigt und
gekränkt hätten? War es nicht möglich, daß er aufgeschoben worden wäre,
bis der Feind Bundesgenossen fand? War es nicht möglich, daß dieser
Krieg mit weniger Geschick, mit weniger Entschlossenheit, vor allen
Dingen mit weniger sorgfältig gewählten Mitteln geführt wurde? Daß er
so geführt wurde, wie geschehen, verdanken wir in erster Linie unserm
kaiserlichen Feldherrn, dem Könige von Preußen, in zweiter Linie der
echtdeutschen entschlossenen Hingebung seiner erhabenen Bundesgenossen
für die nationale Sache.« Bismarck fuhr fort: