[Illustration: ~Bismarck in der Debatte~
Und der Leu mit Gebrüll richtet sich auf, da wird’s still.
(»Kladderadatsch«, 10. Februar 1872)]
Eine kurze Pause des Atemholens — dann begann die neue gewaltige
Arbeit, das Reich, dessen Mauern nun standen, aufzubauen und wohnlich
zu gestalten. Tausend Widerstände regten sich; die gewaltigen Taten,
deren Zeuge der Boden Böhmens wie der französische Boden waren, haben
die Gegner, haben Haß und Intrige nicht entwaffnet. Auch die neue
Gestaltung der Dinge hat den alten Stammessinn der Deutschen, die
partikularistischen Tendenzen, nicht ausgelöscht. Noch bestand der
Gegensatz zwischen dem Norden und dem Süden, noch bestand auch und
erwachte gerade jetzt in neuer Stärke der Gegensatz der Konfessionen.
Und noch war der radikale Liberalismus innerlich unversöhnt, daß nicht
nach dem eigenen Rezepte, nicht auf Schützenfahrten und Turnerfesten
das Kaisertum geschaffen war, sondern unter den ehernen Klängen
der Kriegstrompete. Der Kulturkampf entbrannte, und mit ihm erhob
sich der Zwang, in der Ostmark, wo die Polen das Haupt erhoben, dem
Reiche neue Sicherheit zu schaffen, die eroberte Westmark galt es
zu gewinnen, der gesamten Nation gemeinsame Institutionen zu geben.
»Wir haben erreicht,« so hieß es in der Thronrede, mit der Kaiser
Wilhelm den Reichstag begrüßte, »was seit der Zeit unserer Väter
für Deutschland erstrebt wurde, die Einheit und deren organische
Gestaltung, die Sicherung unserer Grenzen, die Unabhängigkeit unserer
nationalen Rechtsentwicklung. Der Geist, welcher in dem deutschen
Volke lebt und seine Bildung und Gesittung durchdringt, nicht minder
die Verfassung des Reiches und seine Heereseinrichtungen bewahren
Deutschland inmitten seiner Erfolge vor jeder Versuchung zum Mißbrauch
seiner durch seine Einigung gewonnenen Kraft. Die Achtung, welche
Deutschland für seine eigene Selbständigkeit in Anspruch nimmt, zollt
es bereitwillig der Unabhängigkeit aller anderen Staaten und Völker,
der schwachen wie der starken. Das neue Deutschland, wie es aus der
Feuerprobe des gegenwärtigen Krieges hervorgegangen ist, wird ein
zuverlässiger Bürge des europäischen Friedens sein, weil es stark und
selbstbewußt genug ist, um sich die Ordnung seiner Angelegenheiten als
ein ausschließliches, aber auch ausreichendes und zufriedenstellendes
Erbteil zu bewahren ... Möge dem deutschen Reichskriege, den wir so
ruhmreich geführt, ein nicht minder glorreicher Reichsfrieden folgen,
und möge die Aufgabe des deutschen Volkes fortan darin beschlossen
sein, sich in dem Wettkampf um die Güter des Friedens als Sieger
zu erweisen. Das walte Gott!« Länger als vierzig Jahre hat der
Reichsfrieden gewährt, aber es war dennoch nicht Frieden im Reiche, und
in Bismarcks Leben ist kein Tag ohne Kampf geblieben!
[Illustration: ~Biblisches~
Bismarck als Moses, gestützt von Lasker und Falck. Das Bild deutet auf
2. Moses 17 Vers 11 und 12: »Und dieweil Moses seine Hände emporhielt,
siegte Israel; wenn er aber seine Hände niederließ, siegte Amalek. Aber
die Hände Mose waren schwer, darum nahmen sie einen Stein und legten
ihn unter ihn, daß er sich darauf setzte. Aron (Lasker) aber und Chur
(Falck) stützten seine Hände, auf jeglicher Seite einer. Also wurden
seine Hände nicht müde, bis die Sonne unterging.« (Der »Floh«, Februar
1875)]
Gerade der Partikularismus in seiner Unzufriedenheit und in seinen
zentrifugalen Neigungen fand eine starke Stütze an dem neu erstarkenden
Klerikalismus, dessen Wortführer in Bayern bereits gegen den Krieg
mit Frankreich opponierten und dessen Wortführer selbst ein Welfe
wurde, der Vertrauensmann des Königs Georg, Ludwig Windthorst. Um
ihn kristallisierten sich die Reichsverdrossenen aller Farben, die
Protestler der Reichslande, die Polen und Dänen. Der Kampf, der jetzt
begann, unmittelbar nachdem die Sieger heimgekehrt waren, lebt unter
dem Namen »~Kulturkampf~« in dem Gedächtnis der Geschichte. Dieser
Kampf hat fortgedauert bis tief hinein in die folgenden Jahrzehnte,
er hat zu jenen Faktoren gehört, die an der Freude am neuen Deutschen
Reiche am schärfsten nagten. Ihn zu führen hat Bismarck sich nur
entschlossen unter dem Gesichtspunkt der polnischen Politik, nicht aber
aus Haß gegen den katholischen Glauben.
Schon während des Krieges hatte Bismarck eine Reihe von Verhandlungen
mit dem Erzbischof von Posen, Grafen Ledochowski, gehabt, aber
wenn er auch überzeugt war, daß von Rom aus heftige Treibereien
gegen Deutschland versucht würden, daß überhaupt der Krieg im
Einverständnis mit der römischen Politik begonnen worden sei, daß
jesuitische Einflüsse für den Entschluß des Kaisers Napoleon, trotz
alles Widerstrebens in den Kampf einzutreten, maßgebend waren, hat
er doch den Papst mit äußerster Schonung behandelt. Es widerstrebte
ihm auch später, von den Gesetzen gegen den politischen Katholizismus
Gebrauch zu machen, und noch stärker war seine Abneigung, den alten
Gegensatz, der seit Luthers Zeiten auf religiösem Gebiete im deutschen
Volke bestand, noch zu vertiefen. Als nach der Eroberung Roms durch
Italien und die Vernichtung des Kirchenstaates die Frage drängend
wurde, ob der Papst die alte Hauptstadt verlassen solle und ob er
auf die Unterstützung des Königs von Preußen rechnen könne, daß man
ihn ungehindert und in schicklicher Weise abreisen lasse, da hat er
nicht nur bejahend geantwortet, sondern ihm auch willig ein Asyl in
Deutschland geboten.
[Illustration: ~=Les coiffures.=~ (»Le Grelot«, 8. Juli 1883)]