Das Bombardement

Schon gegen Ende November äußerte Bismarck: »Gebe man mir

den Oberbefehl auf vierundzwanzig Stunden, und ich nehme die

Verantwortung auf mich. Ich würde dann bloß einen einzigen Befehl

geben: Es wird gefeuert! Die Villa Coublay ist ein Ort, nicht weit

von hier, wo der herbeigeschaffte Belagerungspark noch immer steht,

statt in die Schanzen und Batterien gebracht zu sein. Auch habe

ich bereits in einer Immediatvorstellung um Beschleunigung des

Bombardements gebeten. ... Ich habe mit Artilleristen gesprochen,

die sagen, bei Straßburg hätten sie nicht die Hälfte gebraucht

von dem, was hier schon aufgehäuft ist, und Straßburg war gegen

Paris ein Gibraltar. ... Sie haben dreihundert Kanonen beisammen,«

so fuhr er fort, »und fünfzig oder sechzig Mörser und für jedes

Geschütz fünfhundert Schuß. Das ist gewiß genug. ... Eine Kaserne

auf dem Mont Valerien wäre vielleicht in Brand zu schießen,

und wenn man die Forts Issy und Banvres gehörig mit Granaten

überschüttete, daß sie herauslaufen müßten — die Enceinte ist von

geringer Stärke, ihr Graben war sonst nicht breiter als dieses

Zimmer lang ist —, ich bin überzeugt, wenn wir ihnen hier vier

oder fünf Tage lang Granaten hineinwerfen in die Stadt selber und

sie gewahr werden, daß wir weiter schießen als sie — neuntausend

Schritt nämlich —, so werden sie in Paris klein beigeben. Freilich

liegen auf dieser Seite die vornehmeren Quartiere, und da ist

es denen in Belleville ganz einerlei, ob die zusammengeschossen

werden, ja, sie freuen sich darüber, wenn wir die Häuser der

reichen Leute zerstören. ... Wir hätten überhaupt wohl Paris liegen

lassen und weitergehen können; nun wir’s aber einmal angefangen

haben, sollte auch Ernst gemacht werden. Mit dem Aushungern kann es

noch lange dauern, vielleicht bis zum Frühjahr, jedenfalls haben

sie Mehl bis zum Januar. ... Hätten wir vor vier Wochen angefangen

zu bombardieren, so wären wir jetzt aller Wahrscheinlichkeit nach

in Paris, und das ist die Hauptsache. So aber bilden die Pariser

sich ein, es ist uns von London, Petersburg und Wien verboten zu

schießen, und die Neutralen wieder glauben, daß wir’s nicht können.

Die wahren Ursachen aber werden wohl einmal bekannt werden.«

Ob nicht in jenen Tagen der Stoßseufzer, den er einst in Frankfurt

ausstieß, ihm oft über die Lippen kam: »Ja, wenn man so über das Ganze

disponieren könnte! Ja, wenn man selbst beschließen und befehlen

könnte!« Auch in Versailles klagte er wohl: »Ach, ich dachte eben

wieder einmal, was ich oft schon gedacht habe: wenn ich doch nur einmal

die Gewalt hätte, zu sagen: So wird es, und so wird es nicht! Daß man

nicht zu beweisen und zu betteln hätte bei den einfachsten Dingen! Das

ging doch viel rascher bei Leuten wie Friedrich dem Großen, die selber

Militärs waren und zugleich was vom Gange der Verwaltung verstanden und

ihre eigenen Minister waren. Auch mit Napoleon. Aber hier! Dieses ewige

Reden- und Bettelnmüssen. Ja, wenn man Landgraf wäre! Das Hartsein

traue ich mir zu. Aber Landgraf ist man nicht!«

Hier ist in der Tat die Tragik eines Mannes gegeben, der zum Herrscher

berufen war und doch nicht Herrscher sein durfte, der abhängig blieb

vom Willen eines anderen und nie die Macht empfing, in letzter Instanz

zu entscheiden. Und diese Tragik stieg zur letzten und steilsten Höhe

am Tage der Entlassung empor.

[Illustration: Merkwürdige Friedensflöte des Deutschen Kaisers.

(»Kikeriki«, November 1874)]

Selbst dann, als Bismarck die Sehnsucht der Nation erfüllen wollte,

als er mit eisernem Hammer an das Tor des Kyffhäuser schlug, damit es

sich öffne und die alte Kaiserherrlichkeit wieder erstehe, hat er nicht

nur in mühsamen Verhandlungen mit den Fürsten der Macht des künftigen

Kaisers Ausdehnung und Grenze bestimmen müssen, sondern er hatte den

schwersten Kampf mit König Wilhelm selbst zu führen, der den Untergang

oder doch das Versinken Preußens von dem Erstehen des Reiches besorgte.

Am schwersten von den deutschen Fürsten entschloß sich König Ludwig von

Bayern dazu, einem »gleichgestellten« Monarchen einen Teil der ererbten

Rechte preiszugeben. Als es hier dem Kanzler gelang, mit der Sendung

des Grafen Holnstein den Widerstand des Königs zu brechen, da wußte er,

daß die Form des künftigen Reiches wohl noch manche Gebrechen zeigen,

aber dennoch fest genug gefugt sein werde, um allen Stürmen zu trotzen.

Aber fast härter noch war der Kampf, den der Staatsmann mit dem

Altpreußentum zu führen hatte, wie es auch in König Wilhelm verkörpert

war, im Gegensatz allerdings zum Kronprinzen Friedrich Wilhelm, der

weit über Bismarcks Wünsche hinausging und mit der Kaiserwürde zugleich

die höhere Gewalt gegenüber dem Fürsten ersehnte, wie sie einst von

den Unitariern der Paulskirche erträumt sein mochte. Bismarck sah

in der Annahme des Kaisertitels durch seinen König ein politisches

Bedürfnis, ein werbendes Element für die Zentralisation; er wußte aber

auch, daß ihr Träger das gefährliche Bestreben vermeiden mußte, den

anderen Dynastien die Überlegenheit der eigenen Dynastie unter die

Augen zu rücken. Von solcher Neigung war König Wilhelm nicht frei,

und sein Widerstreben gegen den Titel war nicht ohne Zusammenhang

mit dem Bedürfnis, gerade das angestammte Ansehen des preußischen

Königtums mehr als das des Kaisertitels zur Anerkennung zu bringen. Die

Kaiserkrone erschien ihm im Lichte eines übertragenen modernen Amtes,

dessen Autorität von Friedrich dem Großen bekämpft war und den Großen

Kurfürsten bedrückt hatte. Bei den ersten Erörterungen sagte er: »Was

soll mir der Charakter-Major?«, worauf der Kanzler erwiderte: »Euere

Majestät wollen doch nicht ewig ein Neutrum bleiben, das Präsidium?

In dem Ausdruck Präsidium liegt eine Abstraktion, in dem Worte Kaiser

eine große Schwungkraft.« Dem Könige schien es eben, als ob ein mit der

Führung eines Regimentes beauftragter Offizier definitiv zum Kommandeur

ernannt würde; für sein dynastisches Gefühl war es schmeichelhafter,

gerade als geborener König von Preußen und nicht als erwählter und

»durch ein Verfassungsgesetz hergestellter Kaiser« die betreffende

Macht auszuüben, analog wie ein prinzlicher Regimentskommandeur es

vorzieht, nicht Herr Oberst, sondern Königliche Hoheit genannt zu

werden, und der gräfliche Leutnant nicht Herr Leutnant, sondern Herr

Graf.

Die letzte und größte Schwierigkeit in der Haltung des Königs Wilhelm

bot noch im letzten Moment die Formulierung des Titels. Denn König

Wilhelm wollte, wenn er schon Kaiser hieß, Kaiser von Deutschland

heißen. Noch in der Schlußberatung am 17. Januar 1871 lehnte er die

Bezeichnung Deutscher Kaiser ab und erklärte, er wolle Kaiser von

Deutschland oder gar nicht Kaiser sein. Die Erörterung der Titelfrage

kam zu keinem klaren Abschluß. Trotzdem hielt sich Bismarck doch für

berechtigt, die Zeremonie der Kaiserproklamation anzuberaumen, obwohl

der König befahl, daß nicht von dem Deutschen Kaiser, sondern von dem

Kaiser von Deutschland die Rede sei. Als der Großherzog von Baden

später im Krönungssaale das Wort ergriff, da wich er dadurch aus, daß

er ein Hoch weder auf den Deutschen Kaiser, noch auf den Kaiser von

Deutschland, sondern auf »Kaiser Wilhelm« ausbrachte.

Bismarck in Geschichte, Karikatur und Anekdote · 第 204 / 334 题