Bismarck schließt die Darstellung seiner Kämpfe um die Krone mit
den Worten: »Seine Majestät hatte mir diesen Verlauf so übel
genommen, daß er beim Herabtreten von dem erhöhten Stande der
Fürsten mich, der ich allein auf dem freien Platze davor stand,
ignorierte, an mir vorüberging, um den hinter mir stehenden
Generalen die Hand zu bieten, und in dieser Haltung mehrere Tage
verharrte, bis allmählich die gegenseitigen Beziehungen wieder in
das alte Geleise kamen.« — Nüchtern und ruhig erzählt Busch am
Abend dieses glorreichen Tages: »Zwischen zwölf und halb zwei Uhr
im großen Saale des Schlosses Ordensfest und Proklamierung des
Deutschen Reichs und Kaisers unter militärischem Gepränge. Soll
ein sehr stattliches und feierliches Schauspiel gewesen sein. Bei
Tische fehlte der Chef, der beim Kaiser zum Diner war. Abends
wurde ich zweimal zu ihm gerufen, um Aufträge zu erhalten. Er
sprach dabei mit ungewöhnlich schwacher Stimme und sah ermüdet und
abgespannt aus.«
Am Mittag desselben Tages war Otto von Bismarck zum Reichskanzler
ernannt worden. Der Kaiser hatte diese Ernennung in eigentümlicher
Weise vollzogen. Er pflegte nämlich die Briefumschläge, in denen die
Minister ihm dienstliche Mitteilungen sandten, in seiner sparsamen Art
zu benutzen, indem er die Aufschrift nur durch Umstellung der Worte
»an« und »von« änderte. Bismarck hatte ihm die auf die Ereignisse des
Tages bezüglichen Papiere in einem Umschlag gesandt, der die Aufschrift
trug: »An des Kaisers Majestät vom Bundeskanzler.« Der Kaiser sandte
sie ihm zurück, indem er die Aufschrift dahin abänderte: »Von des
Kaisers Majestät an den Reichskanzler.« Dieser Titel war Bismarck schon
tags zuvor in den Beratungen über die neuen Titulaturen zugeteilt
worden, und da hatte er mit seiner gewohnten Offenheit geäußert:
»Eine mit dem Grafen Beust gleichnamige Bezeichnung sei ihm höchst
widerwärtig; er käme dadurch in eine zu schlechte Gesellschaft.«
Es liegt ein tragisches Moment in der Darstellung, die Bismarck gibt:
In dem Augenblick, da durch ihn das Ziel erreicht war, das von dem
deutschen Volke durch lange Jahrhunderte ersehnt und erträumt war, als
seine Kraft und Weisheit, als die Treue des Lehnsmannes dem Lehnsherrn
eine Krone zum Geschenk gab, als sein Herz von dem Frohgefühl eines
Mannes erfüllt war, der nach mühsamer Arbeit die Ernte heimbringt,
in diesem Augenblick, da alle froh waren und dennoch sein König ihn
»ignorierte«, fühlte er nur das, was seine Grabschrift sagt: Er blieb
ein treuer deutscher Diener seines alten Königs.
Am 23. Januar erschien Jules Favre bei Bismarck, um mit ihm über die
Kapitulation von Paris und den Friedensschluß in Unterhandlung zu
treten. Bismarck war hierzu bereit. Noch um elf Uhr abends begab er
sich zum König, die nötigen Vollmachten zu erhalten.
[Illustration: Am 25. Gründungstage des Reiches. (»Jugend«, 18. Januar
1896)]