Pferdefleisch

Als Paris umschlossen war und von dort die Nachrichten kamen, daß

man dort bereits zum Pferde- und anderem Fleisch greifen müsse,

fragte Bismarck bei Tisch, als der Braten kam: »Ist das =du

cheval=?« Einer der Anwesenden antwortete, nein, es wäre Rind.

Er sagte: »Es ist doch eigen, daß man kein Pferdefleisch ißt,

wenn man nicht muß, wie die in Paris drinnen, die nun bald nichts

anderes mehr haben werden. Es kommt wohl davon, daß uns das Pferd

nähersteht als andere Tiere. Man ist als Reiter gleichsam eins

mit ihm. Es ist uns auch an Verstand am nächsten. Mit dem Hunde

ist’s ebenso. =Du chien= soll ganz gut schmecken, und doch essen

wir es nicht. Je ähnlicher uns etwas ist, desto weniger mögen

wir es. Es muß sehr ekelhaft sein, Affen zu essen, wo die Hände

wie menschliche aussehen. Sonst ißt man von Tieren nicht gern

Fleischfresser — Raubzeug, Wölfe, Löwen — nun ja, Bären, aber die

leben doch weniger von Fleisch als von Pflanzen. Ich mag nicht

einmal von einem Huhn essen, das mit Fleisch gefüttert ist — nicht

einmal die Eier.«

[Illustration: »Möge euer unreines Blut unsere Fluren tränken.« (Franz.

Spottblatt aus dem Jahre 1870)]

Es ist selbstverständlich, daß gerade in einer Zeit, in der

die französische Volksseele nicht nur durch die endlose Kette

von Niederlagen ins Kochen geraten war, sondern auch im jungen

republikanischen Selbstbewußtsein wild emporflammte, gegen ihn eine

Fülle von Drohungen ausgestoßen, ihm fast täglich ein naher gewaltsamer

Tod angekündigt wurde, daß andererseits sich der wild entflammte Haß

in den bösartigsten Karikaturen zu entladen suchte. Zahlreiche Blätter

sind längst vernichtet. Die französische Beschämung mochte selbst

keinen Wert darauf legen, der Nachwelt diese Zeugen eines kleinlichen

Fanatismus zu erhalten. Aber was wir aus diesen Bildern erkennen, das

zeugt doch noch genügend von der damals Frankreich beherrschenden

Stimmung, ob nun Bismarck als doppelzüngiger Jesuit dargestellt oder

auf der Guillotine geköpft oder ob sein blutiges Haupt in einen Sumpf

von Unrat gestoßen wird, ob man ihn kreuzigt oder an den Marterpfahl

bindet. Bismarck hatte dafür selbst nur ein Lächeln. So hat er einmal

sogar scherzend eines der Bilder nach Hause gesandt. Nachdem er von

einer Spickgans berichtet, die er seinem jüngeren, mit Appetit begabten

Sohne Bill mitgegeben, schreibt er der Gattin: »So sehe ich jetzt aus

wie Anlage.« Nachstehend (S. 149) das immerhin noch harmlose Konterfei,

das Frau Johanna wohl kaum zu sehr erschreckt haben dürfte.

Aber wie die gehässige Karikatur, wie die Todesdrohung sich über

Bismarck ergoß, so suchte auch die Verleumdung an seiner Ehre zu

zehren. Für lange Zeit hatte Bismarck im Hause der wohlhabenden Witwe

Jessé Quartier genommen, die mit ihren Söhnen geflüchtet war und zum

Schutze ihres Eigentums nur das Gärtnerpaar zurückgelassen hatte.

Hier vollzog Bismarck die ungeheuere Arbeit, die sich für ihn aus den

Kämpfen um das Bombardement, aus den Verhandlungen mit den deutschen

Fürsten und Parlamenten über die Erhebung seines Königs zum Deutschen

Kaiser, aus der Gefahr einer Einmischung des Auslandes und den

Beratungen über den Frieden ergab. Bismarck hat das Eigentum der Madame

Jessé natürlich auf das peinlichste geschont. Trotzdem konnte man im

März 1871 in einem französischen Blatte folgende Niedertracht lesen:

[Illustration]

Bismarck in Geschichte, Karikatur und Anekdote · 第 202 / 334 题