Ins Geschäft nie

In dem vertrauten Kreise seiner Tafelrunde erzählte Bismarck

belustigt, daß Favre sich bei der Erwähnung von Landverlust höchst

erregt gebärdet, Seufzer ausgestoßen, die Augen gen Himmel gewendet

und patriotische Tränen zu vergießen versucht und anscheinend

weggewischt habe. Da Favre dieser Tränen sich in seinem amtlichen

Berichte vom 21. September besonders rühmte, so sagte Bismarck

am 27. vor seinen Tafelgästen weiter: »Es ist wahr, er sah so

aus, und ich versuchte ihn einigermaßen zu trösten. Wie ich mir

ihn aber genauer betrachtete — ich glaube ganz bestimmt, daß er

nicht eine Träne herausgebracht hatte. Er dachte vermutlich, mit

Schauspielerei auf mich zu wirken wie die Pariser Advokaten auf

ihr Publikum. Ich bin fest überzeugt, daß er in Ferrières auch

weiß geschminkt war — besonders das zweitemal. An diesem Morgen

sah er viel grauer aus, um den Angegriffenen und Tiefleidenden

vorzustellen. Es ist auch möglich, daß es ihm wirklich nahegeht,

aber er ist kein Politiker, er sollte wissen, daß Gefühlsausbrüche

nicht in die Politik gehören. Als ich was von Straßburg und Metz

fallen ließ, machte er ein Gesicht, als ob das Scherz von mir wäre.

Ich hätte ihm da erzählen können, wie ich einmal mit meiner Frau

zu dem großen Kürschner in Berlin ging — wie heißt er gleich? —,

um nach einem Pelz zu fragen, und da nannte er mir für den, der

mir gefiel, einen hohen Preis. ›Sie scherzen wohl‹, versetzte ich.

›Nein,‹ erwiderte er, ›ins Geschäft nie.‹«

=Parjure= und =infâme=

Es wurde einmal erwähnt, daß der bei Sedan in Gefangenschaft

geratene General Ducrot zum Danke dafür, daß man ihm gegen sein

Ehrenwort mehr Freiheit als anderen gestattet, auf dem Wege nach

Deutschland schmählicherweise durchgebrannt sei. Bismarck bemerkte

dazu: »Wenn man solche Schurken, die ihr Wort gegeben haben —

andere, die ausreißen, sind nicht zu tadeln —, wiederkriegt, so

sollte man sie hängen in ihren roten Hosen und auf das eine Bein

=parjure= und auf das andere =infâme= schreiben.«

Am 5. Oktober wurde das Hauptquartier nach Versailles verlegt. Ein

weiter Ring um Paris war von den deutschen Truppen geschlossen worden.

Hier aber begann frühzeitig der große historische Streit um die Frage,

ob die französische Hauptstadt, wie Moltke und der Kronprinz und die

Generale wollten, durch Hunger zerniert oder, wie Bismarck und Roon es

verlangten, mit schweren Geschützen beschossen werden sollte. Dieser

Streit, in dem Bismarck erst nach langen Mühen den Sieg davontragen

sollte, hat ihm zahllose bittere Stunden bereitet. Denn für ihn, der

den politischen Gesichtspunkt niemals vergessen durfte, der vor allem

einen Eingriff der Neutralen verhindern wollte, war die Schnelligkeit

der Erfolge von entscheidender Bedeutung. Er wußte, wie gefährlich

jede Verzögerung war. Nie haben auch die Klagen Bismarcks über die

Eifersucht der Generale herber geklungen, als in jenen Wochen, da

»die Halbgötter« sich sogar bemühten, ihm jeden Einblick in den Gang

der Operationen zu verwehren. Oft genug hat Bismarck das Erschwernis

gespürt, das ihm hieraus erwuchs. War er doch verantwortlich für die

richtige politische Ausnutzung der militärischen wie der auswärtigen

Situation, verantwortlich dafür, ob die militärische Lage irgendwelche

politischen Schritte oder die Ablehnung irgendeiner Zumutung anderer

Mächte ratsam machte. Hatte Bismarck nicht recht? Wenn es die Aufgabe

der Heeresleitung war, die feindlichen Streitkräfte zu vernichten, so

war doch der Zweck des Krieges die Erkämpfung des Friedens und der

Bedingungen, die der vom Staate befolgten Politik entsprechen. So hat

vor allem die Frage, ob Paris bombardiert werden solle oder nicht,

einen tiefen Einfluß auch auf die politischen Verhältnisse geübt. Denn

stärker als je regten sich jetzt die Neutralen, um den Krieg so zu

begrenzen, daß Preußen seine Forderungen möglichst einschränken mußte.

Bismarck wußte aber auch, daß dieser gewaltige Krieg mit seinen Siegen

und seiner Begeisterung nicht ohne Wirkung für die nationale Einigung

bleiben durfte: »Es war mir niemals zweifelhaft, daß der Herstellung

des Deutschen Reiches der Sieg über Frankreich vorhergehen mußte, und

wenn es uns nicht gelang, ihn diesmal zum vollen Abschluß zu bringen,

so waren weitere Kriege ohne vorherige Sicherstellung unserer völligen

Einigung in Sicht.«

[Illustration: ~Bismarck als Kugelläufer~

»Deibel noch mal, ich weeß nich, was das bedeitet! Ich gloobe sogar,

ich habe die Palance verloren, mel eenes Been glitscht schon!« (Franz.

Flugblatt 1870)

(Das französische Flugblatt läßt Bismarck sächsisch sprechen, wohl in

der Vorstellung, daß er als Niedersachse den Dresdener Dialekt redet.

Dies wiederholt sich oft.)]

Bismarck in Geschichte, Karikatur und Anekdote · 第 184 / 334 题