Die fast übermenschliche Befähigung des Kanzlers zu arbeiten,
schöpferisch aufnehmend, kritisch zu arbeiten, die schwierigsten
Aufgaben zu lösen, überall ohne Verzug das Rechte zu finden und das
allein Geeignete anzuordnen, war vielleicht nie so bewundernswert
wie während dieser Zeit, und sie war in ihrer Unerschöpflichkeit um
so erstaunlicher, als nur wenig Schlaf die bei solcher Tätigkeit
aufgewandten Kräfte ersetzte. Wie daheim stand der Minister auch
im Felde, wenn ihn nicht eine zu erwartende Schlacht schon vor
Tagesanbruch an die Seite des Königs und zum Heere rief, meist
spät, in der Regel gegen zehn Uhr auf. Aber er hatte dann die
Nacht durchwacht und war erst mit dem durchs Fenster scheinenden
Morgenlichte eingeschlafen. Oft kaum aus dem Bette und noch nicht
in den Kleidern, begann er schon wieder zu denken und zu schaffen,
zu studieren, den Räten und anderen Mitarbeitern Instruktionen
zu erteilen, Fragen vorzulegen und Aufgaben der verschiedensten
Art zu stellen, selbst zu schreiben oder zu diktieren. Später
waren Besuche zu empfangen oder Audienzen zu geben, oder es war
dem König Vortrag zu halten. Dann wieder Studium von Depeschen
und Landkarten, Korrektur von befohlenen Aufsätzen, Niederschrift
von Konzepten mit den bekannten großen Bleistiften, Abfassung
von Briefen, Information zu Telegrammen oder Äußerungen in der
Presse, und dazwischen mitunter abermals Empfang unabweislicher
Besuche, die zuweilen nicht willkommen sein konnten. Erst nach
zwei, manchmal erst nach drei Uhr gönnte sich der Kanzler an Orten,
wo für längere Zeit haltgemacht worden war, einige Erholung,
indem er einen Spazierritt in die Nachbarschaft unternahm. Darauf
wurde nochmals gearbeitet, bis man zwischen fünf und sechs Uhr zum
Mittagsmahl ging. Spätestens anderthalb Stunden nachher war er
wieder in seinem Zimmer am Schreibtisch, und häufig sah ihn noch
die Mitternacht lesen oder Gedanken zu Papier bringen.
Wie der Graf es mit dem Schlafen hielt, anders als unter
gewöhnlichen Menschen üblich, so lebte er auch hinsichtlich seiner
Mahlzeiten in eigner Weise. Früh genoß er eine Tasse Tee und wohl
auch ein oder zwei Eier, dann aber in der Regel nichts bis zu dem
in die Abendstunden verlegten Mittagsmahl. Sehr selten nahm er am
zweiten Frühstück und nur dann und wann am Tee teil, der zwischen
neun und zehn Uhr serviert wurde. Er aß somit, gelegentliche
Ausnahmen abgerechnet, innerhalb der vierundzwanzig Stunden des
Tages eigentlich nur einmal, dann aber — beiläufig wie Friedrich
der Große — reichlich.
Am 13. September erließ Bismarck das berühmte Rundschreiben an die
deutschen Vertreter im Ausland, in dem er erklärte, man dürfe sich
nicht darüber täuschen, daß Deutschland, auch wenn die siegreichen
Heere ohne jede Gebietsabtretung aus Frankreich fortzögen, doch
keinen dauernden Frieden genießen werde; Deutschland müßte sichere
Bürgschaften für die Verteidigung der westlichen Grenzen haben. In
Meaux erfuhr er dann von der Rundreise des Herrn Thiers, der eine
diplomatische Einmischung herbeiführen wollte, aber, wie er selbst
sich ausgedrückt hat, »Europa nicht finden konnte«. Zu gleicher Zeit
erschien bereits Jules Favre zur Unterhandlung bei Bismarck. Aber die
Besprechung verlief resultatlos. Und auch weitere Versuche, einen
Waffenstillstand oder den Frieden herbeizuführen, mißlangen.