Feldzugsbriefe

Köstlich in ihrer Plastik, in ihrer darstellerischen Kraft,

zugleich charakteristisch für das Eindringen des großen

Staatsmannes in alle Details, für seine Sorge um jede Einzelheit

sind seine Feldzugsbriefe, vor allem an die Gattin. Hier einige

Proben daraus:

Aus Herny schreibt er am 14. August: »Mein Liebling! Einige

Stunden östlich von Metz in der Richtung nach Falkenberg zu

findest Du vielleicht auf der Karte das Dorf, wo wir heute sind,

aber nicht die vielen Fliegen, die mich zwingen, kopfschüttelnd

zu schreiben. Ich liege in einem von den Einwohnern verlassenen

Bauernhause; die Nachbarin ist geblieben und hat mich gestern mit

einem Huhne regaliert, welches zwei Stunden vor Tisch noch lebend

meine Bekanntschaft machte; seiner Leiche vermochten meine guten

Zähne nichts anzuhaben. Dagegen erfuhr ich, daß ein =civet= von

einem zahmen Kaninchen für hungrige Leute sehr eßbar ist, selbst

dann, wenn die Bestandteile uns noch eine Stunde zuvor durch ihre

munteren Sprünge ergötzt haben. Daneben esse ich wie ein gesunder

Mensch gebratenen und rohen Speck mit so viel Knoblauch, daß mir

mein Atem schon wie ein Salpeterkeller zu riechen scheint. Das

alles bekommt mir sehr gut, und ich wäre recht zufrieden, wenn

ich nur einmal ein Wort von Bill und Herbert hören könnte. Gott

schütze die geliebten Jungen vor Krankheit und Wunden ... Eiserne

Kreuze noch keine ausgegeben, wahrscheinlich nicht fertig. Es

ist vielleicht recht gut, denn wenn erst einige damit gehen, so

sind die anderen gar nicht mehr zu halten und stecken die Köpfe

in die Mündung der französischen Kanonen: sie sind so schon wie

die Berserker. Der Franzose meint, die Unseren wären so an das

Manöverschießen gewöhnt, daß sie ganz vergäßen, daß hier mit Kugeln

geschossen würde! Ein schönes Lob der Tapferkeit. Nun lebwohl, mein

Herz, umarme unsere Tochter für mich und bete für unsere Söhne mit

mir.«

In einem Briefe aus Pont-à-Mousson, zwei Tage später: »Die Leute

müssen mich hier für einen Bluthund halten; die alten Weiber, wenn

sie meinen Namen hören, fallen auf die Knie und bitten mich um ihr

Leben. Attila war ein Lamm gegen mich.«

Am 17. August: Bismarcks Söhne in der Schlacht. Am 17. August

schreibt der Kanzler an Johanna: »Ich fand Herbert mit

zweihundertfünfzig Verwundeten in einem Pachthof, Bill zum Besuch

bei ihm unter dem Vorwande, sich ein anderes Pferd zu requirieren;

er fand wirklich eine magere Mähre. Herbert sah aus wie sonst, nur

zwei Löcher in der linken Lende, Aus- und Einschuß gut verbunden.

Ich bestellte meinen Wagen hin, blieb vier Stunden, um ihn zu

erwarten, und als er kam, fand sich, daß ihn das Sitzen schmerzte,

und die Hitze zu groß. Ich requirierte einen Liegewagen, in dem

er heute bei kühler Nacht ankommen wird. Er hatte noch zwei

Kleiderstreifschüsse, deren einer an meiner schwarzen Holzuhr unter

Zertrümmerung derselben abgeglitten. Ich nahm sie mit und ließ ihm

meine in St. Avold gekaufte Zehn-Franken-Uhr dafür. Die schwarze

bringe ich Dir mit und kaufe mir hier wieder eine neue. Bills Pferd

wurde bei der Attacke erschossen, so daß er kopfüber ging und erst

totgesagt wurde. Er ist aber dick und lustig, sah sehr schmierig

aus. Für Herbert ist nun der Feldzug hiermit vorbei und er, wenn

Gott kein Unglück schickt, in Deckung gegen Weiteres, denn einige

Wochen wird er doch daran heilen. Ich will ihn gleich mit Eisenbahn

nach Deutschland schicken. Wenn er nicht das Kreuz bekommt, so will

ich nie wieder Orden tragen ...«

[Illustration: Die Kapitulation von Metz. (»Zündnadeln«, Oktober

1870)]

Aus einem späteren Briefe: »Bills Erlebnis am 16. ist nicht, wie

ich früher schrieb; sein Pferd wurde nicht unter ihm erschossen,

sondern stürzte fünfzig Schritt vor dem feindlichen Karree über

ein vor ihm erschossenes. Wieder aufgestanden, hat er es im vollen

Kugelregen unter Gottes Schutz am Zaume zu Fuß fortgeführt, nachdem

er vorher einen verwundet daneben liegenden Dragoner in den Sattel

gesetzt, statt selbst aufzusitzen. Er zu Fuß und sein Kamerad zu

Pferde haben von allen nachgesandten Kugeln keine weiter bekommen,

das Pferd aber viele, so daß es totgestürzt, nachdem Bill es mit

dem geretteten Kameraden aus dem Feuer geführt. Er hat sich sehr

unverzagt und kameradschaftlich benommen. Ich danke Gott, daß er

mich diese Freude an beiden Jungen erleben läßt und sie uns dennoch

erhalten hat. Seine Gnade wird ja auch ferner mit ihnen und uns

bleiben ...«

Aus Clermont: »... sehr nett ist es hier nicht, mit dem einzigen

Binsenstuhl, Generalstab mit Nachtdienst unter mir, Bureau mit

=ditto= über mir, zwanzig Leute, die in dem dünnen schallenden

Hause wohnen; fünf schreiende Kinder neben mir, und nicht einmal

ein — —; man muß sich daran gewöhnen, angesichts des Publikums

schamlos zu verfahren, wie es eben geht, und die Schildwachen

zu bewegen, daß sie wenigstens nicht mit präsentiertem Gewehr

dabeistehen. Verzeih’ dieses Detail, aber es ist mir die

unangenehmste der kriegerischen Entbehrungen.«

Aus Versailles am 8. Oktober: »... Bill überfiel mich am 2. Oktober

im Bette, mit Blumenthals Uniform und fremden Hosen an, dazu hängte

er Karls Landwehrkartusche um, setzte meinen, nur in der Spitze

nicht richtigen Generalshelm auf, und so nahm ich ihn mit zur

Kirche, wo er sich vor Sr. Majestät meldete, der über den Anzug

nichts sagte. Zu Tisch tranken wir Sekt, aus Rothschilds Keller

gekauft, bis Dein Sohn einen roten Sattel auf der Nase hatte, und

dann ritt er mit Philipp wieder in sein drei Meilen entferntes

Quartier, nicht ohne mir mein Gold aus der Westentasche und zwei

Paar Handschuhe abgenommen zu haben, auch mit Kognak und Zigarren

versehen ... ich entfloh heute der Plage, um in der weichen stillen

Herbstluft durch Louis =XIV.= lange gerade Parkgänge, durch

rauschendes Laub und geschnittene Hecken, an stillen Teichflächen

und Marmorgöttinnen vorbei Röschen eine Stunde zu galoppieren

und nichts Menschliches als Josephs klappernden Trainsäbel

hinter mir zu hören und dem Heimweh nachzuhängen, wie es der

Blätterfall und die Einsamkeit in der Fremde mit sich bringen, mit

Kindererinnerungen an geschorene Hecken, die nicht mehr sind ...«

[Illustration: »Napoleon, Napoleon! Siehst du wohl, das kommt davon!«

(»Zündnadeln«, August 1870)]

Bismarck in Geschichte, Karikatur und Anekdote · 第 174 / 334 题