Das Vorspiel zum großen Kriege

Im Frühling des Jahres 1870 hatte Bismarck schon zu dem

Staatsrechtslehrer Bluntschli gesagt, daß die Scheu vor Frankreich ihn

keinen Augenblick von dem Vorgehen in der deutschen Sache abhalten

werde. Er fürchte Frankreich nicht. Deutschland sei den Franzosen

weit überlegen. Zugeständnisse werde er nicht machen: »Wenn nicht

Gott uns ungünstig und den Franzosen günstig ist, so werden wir

einen französischen Angriff abschlagen und nach dem Siege nach Paris

marschieren.« Österreich, so war er überzeugt, werde unter allen

Umständen neutral bleiben; im Notfall werden wir mit Rußland dieses

Land gänzlich im Schach halten. Sie werden nicht wagen, das Schwert

aus der Scheide zu ziehen. Seine Hauptarbeit war, schon aus dieser

Erkenntnis heraus, die Brücke über den Main auch für die kommende

schwere Belastung tragfähig zu erhalten.

Aber das Antlitz des Jahres schien freundlich. Noch am 30. Juni hat

ja Frankreichs Minister Ollivier im gesetzgebenden Körper erklärt:

»Zu keiner Zeit war die Aufrechterhaltung des Friedens mehr gesichert

als jetzt. Wohin man auch blickt, kann man nirgends eine Frage

entdecken, die Gefahr bringen könnte.« Da wurde die Hohenzollernsche

Kronkandidatur von Spanien noch einmal angeregt. Unter Zuziehung Roons

und Moltkes in einer Konferenz, die schon am 15. März im Königlichen

Schlosse stattfand und an der auch der Kronprinz und die Träger der

wichtigsten Staatsämter teilnahmen, war einstimmig die Annahme der

Krone durch den Erbprinzen Leopold beschlossen worden. Aber Bismarck

riet den Spaniern, um zunächst nicht Preußen zu engagieren, mit dem

Fürstenhause von Hohenzollern direkt zu verhandeln. Am 14. Juni ging

ein neuer Unterhändler zum Fürsten Anton nach Sigmaringen; dort wurde

das Anerbieten angenommen, ohne daß offiziell die Zustimmung des

Familienhauptes, des Königs von Preußen, eingeholt wurde. In Paris

aber entstand sofort eine heftige Erregung. Am 5. Juli folgte in der

Kammer eine Interpellation, und Herr von Grammont gab unter stürmischem

Beifall die Antwort: »Wir glauben nicht, daß die Achtung vor den

Rechten eines Nachbarvolkes (Spanien) uns verpflichtet, zu dulden,

daß eine fremde Macht (Preußen), indem sie einen ihrer Prinzen auf

den Thron Karls =V.= setzt, dadurch zu ihrem Vorteil das gegenwärtige

Gleichgewicht der Mächte derangieren und so die Interessen und die

Ehre Frankreichs gefährden könnte. Wir hoffen, daß diese Eventualität

sich nicht verwirklichen wird. Sollte es aber anders kommen, so würden

wir unsere Pflicht ohne Zaudern und ohne Schwäche zu erfüllen haben.«

Und Ollivier fügte hinzu: »Wenn Sie über diese Erklärung nachgedacht

haben, so werden Sie sich überzeugen, daß sie keine Ungewißheit über

den Gedanken der Regierung läßt, insofern es sich darum handelt, ob

sie den Frieden will oder den Krieg herbeiführt.« Ganz Paris tönte

von Kriegsgeschrei wider. Bismarcks erster Gedanke aber, als er die

Pariser Telegramme las, war der, das sei der Krieg; sein zweiter, jetzt

müsse man die ganze Armee mobil machen und über Frankreich herfallen;

das wäre der Sieg. »Leider«, fügte er hinzu, »geht das nicht — aus

verschiedenen Gründen.«

[Illustration: =~Le roi s’amuse~=

Bismarck und der König, der sich an Soldatenspielerei ergötzt und einen

Humpen Emser Wasser dabei leert. (»L’Eclipse«, 24. Juni 1870)]

Am 8. Juli abends traf Benedetti aus Wildbad in Ems ein. Er hatte die

Order, den König aufzufordern, wenn nicht durch einen Befehl, so doch

durch einen ernsten Ratschlag den Prinzen Leopold zum Rücktritt zu

bewegen. Ein Geheimschreiben Grammonts erklärte jedoch schon jetzt,

die einzige Antwort, die den Krieg verhindern könnte, wäre diese: Die

Königliche Regierung billigt die Annahme durch den Prinzen nicht und

befiehlt ihm, diesen Entschluß zurückzunehmen. — König Wilhelm erklärte

zunächst mit würdevoller Bestimmtheit, er habe als Familienhaupt nur

eine negative Rolle gespielt, indem er die Annahme nicht untersagte, er

könne jetzt seine Stellung nicht dahin geltend machen, den Prinzen zum

Rücktritt zu zwingen. Unter der Hand erklärte er sich jedoch bereit,

sich mit dem Vater des Prinzen in Verbindung zu setzen. In Paris jedoch

genügte dies nicht; die Hitze, die in den Köpfen der Pariser herrschte,

schlug auch in die Ministerien hinüber. Benedetti verstärkte seine

Sprache, König Wilhelm sah sich indessen genötigt, den preußischen

Gesandten aus dem Urlaub sofort auf seinen Posten zurückzusenden und

Bismarck sobald als möglich von Varzin nach Ems zu entbieten. Bismarck

reiste sofort ab. In Berlin besprach er sich mit Roon und dem Grafen

Eulenburg, den er sofort nach Ems absandte. Schon am Abend jedoch

traf eine Botschaft des Herrn von Werther ein, daß der spanische

Gesandte amtlich den Verzicht Leopolds der französischen Regierung

angezeigt habe. Da gab Bismarck die Reise nach Ems auf und schrieb

der Gattin, sie möge nicht nachkommen, vermutlich werde er in einigen

Tagen nach Varzin zurückkehren, ob noch als Minister, sei eine andere

Frage. Bismarck hatte eine schlaflose Nacht. Am folgenden Tage aber

ging ein Bericht des Herrn von Werther ein, wonach die französische

Regierung wünsche, der König möge an den Kaiser Napoleon einen für die

Öffentlichkeit geeigneten Entschuldigungsbrief richten. Dieser Bericht

führte zur sofortigen Abberufung des preußischen Gesandten, der eine so

beleidigende Zumutung zu überbringen bereit gewesen war. An demselben

Tage aber stellte Graf Benedetti auf der Brunnenpromenade in Ems, wo

keiner der Minister gegenwärtig war, an den König das Ansinnen eines

Versprechens, niemals in Zukunft der Erhebung eines hohenzollerischen

Prinzen auf den spanischen Thron zuzustimmen.

Vorher schon hatte Bismarck seine Entlassung als Ministerpräsident und

Bundeskanzler eingereicht. Am Abend des 14. Juli hatte er dann Moltke

und Roon zu Tische geladen. Da traf Abekens Depesche ein:

Bismarck in Geschichte, Karikatur und Anekdote · 第 168 / 334 题