Noch von zwei anderen gefährlichen Stürzen mit dem Pferde erzählte
Bismarck in Versailles. »Ich glaube,« so bemerkte er, »daß es nicht
reicht, wenn ich sage, daß ich wohl fünfzigmal vom Pferde gestürzt
bin. Vom Pferde fallen ist nichts, aber mit dem Pferde, so daß es
auf einem liegt, das ist schlimm. Zuletzt noch in Varzin, wo ich
drei Rippen brach. Da dachte ich: jetzt ist’s aus. Es war nicht so
viel Gefahr, wie es schien, aber es tat doch ganz erschrecklich
weh. — Früher aber, da hatte ich einen merkwürdigen Zufall, der
zeigt, wie das Denken des Menschen doch von seinem körperlichen
Gehirn abhängt. Ich war mit meinem Bruder eines Abends auf dem
Heimwege, und wir ritten, was die Pferde laufen wollten. Da hört
mein Bruder, der etwas voraus ist, auf einmal einen fürchterlichen
Knall. Es war mein Kopf, der auf die Chaussee aufschlug. Mein
Pferd hatte vor der Laterne eines uns entgegenkommenden Wagens
gescheut und war mit mir rückwärts überschlagen und auch auf den
Kopf gefallen. Ich verlor die Besinnung, und als ich wieder zu mir
kam, da hatt’ ich sie nur halb wieder. Das heißt, ein Teil meines
Denkvermögens war ganz gut und klar, die andere Hälfte war weg.
Ich untersuchte mein Pferd und fand, daß der Sattel gebrochen war.
Da rief ich den Reitknecht und ließ mir sein Pferd geben und ritt
nach Hause. Als mich da die Hunde anbellten — zur Begrüßung —,
hielt ich sie für fremde Hunde, ärgerte mich und schalt auf sie.
Dann sagte ich, der Reitknecht sei mit dem Pferde gestürzt, man
solle ihn doch mit einer Bahre holen, und war sehr böse, als sie
das auf einen Wink meines Bruders nicht tun wollten. Ob sie denn
den armen Menschen auf der Straße liegen lassen wollten? Ich wußte
nicht, daß ich ich war, und daß ich mich zu Hause befand, oder
vielmehr, ich war ich selber und auch der Reitknecht. Ich verlangte
nun zu essen, und dann ging ich zu Bette, und als ich ausgeschlafen
hatte am Morgen, war alles gut. — Es war ein seltsamer Fall: den
Sattel hatte ich untersucht, mir ein anderes Pferd geben lassen und
dergleichen mehr — alles praktisch Notwendige tat ich also. Hierin
war durch den Sturz keine Verwirrung der Begriffe herbeigeführt.
Ein eigentümliches Beispiel, wie das Gehirn verschiedene
Geisteskräfte beherbergt; nur eine davon war durch den Fall länger
betäubt worden. — Ich erinnere mich noch eines anderen Sturzes. Da
ritt ich rasch durch junges Holz in einem großen Walde, weit weg
von zu Hause. Wie ich über einen Hohlweg weg wollte, stürze ich mit
dem Pferde und verliere das Bewußtsein. Ich muß wohl drei Stunden
ohne Bewußtsein dagelegen haben; denn es war schon dämmerig, als
ich aufwachte. Das Pferd stand neben mir. Die Gegend war, wie
gesagt, weit weg von unserem Gut und mir ganz unbekannt. Ich hatte
meine Geisteskräfte noch nicht außerordentlich wieder. Aber das
Notwendige tat ich auch hier. Ich machte die Martingale ab, die
entzwei war, steckte sie ein und ritt auf einem Wege, der, wie
ich dann erfuhr, der nächste war — es ging da auf einer ziemlich
langen Brücke über einen Fluß — nach einem nahe gelegenen Gute,
wo die Pachtersfrau, als sie den großen Mann mit dem Gesicht voll
Blut vor sich stehen sah, davonlief. Der Mann kam dann herbei und
wusch mir das Blut ab, und ich sagte ihm, wer ich wäre, und daß
ich die zwei oder drei Meilen nach Hause wohl nicht würde reiten
können; er möchte mich fahren, was er denn auch tat. Ich muß wohl
fünfundzwanzig Schritte fortgeflogen sein bei der Lerche, die ich
schoß, und war an eine Baumwurzel gefallen, und als der Doktor den
Schaden besah, sagte er, es wäre gegen alle Regeln der Kunst, daß
ich nicht den Hals gebrochen hätte.«
[Illustration: ~Die bösen Buben und der böse Drache~
»Endlich ist die Zeit gekommen, in der sie ihn steigen lassen können«
(»Brumm-Brumm«, November 1869)]
Bismarck wurde am 18. Oktober 1868 zum Chef des ersten Magdeburger
Landwehrregimentes ernannt und =à la suite= des Magdeburger
Kürassierregimentes Nummer sieben gestellt. Seit jener Zeit sind wir
gewohnt gewesen, ihn in der historischen Uniform mit Helm und Küraß zu
erblicken.
Das Jahr 1869 ging zu Ende, das Schicksalsjahr zog herauf. Schon in die
Zeiten des Norddeutschen Bundes ragten tief die Ahnungen der künftigen
Entscheidungen hinein. Vielleicht — wer kann die Möglichkeiten
ermessen! — hätte schon damals, als die Luxemburger Frage den Krieg
auf des Messers Schneide führte, die Entscheidung gefällt werden
können. Sicher aber ist es, daß jetzt, wo die Arbeit von vier Jahren
ihre Wirkung ausgeübt hatte, das Fundament des Sieges ungleich fester
gefügt war. Denn als der Frühling des Schicksalsjahres heraufzog, stand
Deutschland gerüstet da, nicht nur mit seinen militärischen Waffen,
sondern auch mit jenem neuen Geiste, der aus Bismarcks Heldenseele
hinübergeflutet war über die Nation bis hinauf an die Gestade der
Ostsee und fernhin zu den ragenden Firnen der Alpen.
[Illustration: ~Das verschleierte Bild zu Saïs~
Der Alt-Reichskanzler (indem er die verhüllende Emser Depesche
fortzieht): »Seht, so habe ich im Jahre 1870 Fanfare geblasen!«
(»Lustige Blätter«, 1892)]