In Nikolsburg

»Der Widerstand,« so erzählt Bismarck in seinem Gedenkbuch, »den

ich in den Absichten Sr. Majestät in betreff der Ausnutzung

der militärischen Erfolge und seiner Neigung, den Siegeslauf

fortzusetzen, meiner Überzeugung gemäß leisten mußte, führte eine

so lebhafte Erregung des Königs herbei, daß eine Verlängerung

der Erörterung unmöglich war und ich mit dem Eindruck, meine

Auffassung sei abgelehnt, das Zimmer verließ mit dem Gedanken,

den König zu bitten, daß er mir erlauben möge, in meiner

Eigenschaft als Offizier in mein Regiment einzutreten. In mein

Zimmer zurückgekehrt, war ich in der Stimmung, daß mir der

Gedanke nahetrat, ob es nicht besser sei, aus dem offenstehenden,

vier Stock hohen Fenster zu fallen, und ich sah mich nicht um,

als ich die Tür öffnen hörte, obwohl ich vermutete, daß der

Eintretende der Kronprinz sei, an dessen Zimmer ich auf dem

Korridor vorübergegangen war. Ich fühlte seine Hand auf meiner

Schulter, während er sagte: ›Sie wissen, daß ich gegen den Krieg

gewesen bin; Sie haben ihn für notwendig gehalten und tragen die

Verantwortlichkeit dafür. Wenn Sie nun überzeugt sind, daß der

Zweck erreicht ist und jetzt Friede geschlossen werden muß, so

bin ich bereit, Ihnen beizustehen und Ihre Meinung bei meinem

Vater zu vertreten.‹ Er begab sich dann zum Könige, kam nach

einer kleinen halben Stunde zurück in derselben ruhigen und

freundlichen Stimmung, aber mit den Worten: ›Es hat sehr schwer

gehalten, aber mein Vater hat zugestimmt.‹ Diese Zustimmung hatte

ihren Ausdruck gefunden in einem mit Bleistift an den Rand einer

meiner letzten Eingaben geschriebenen Marginale ungefähr des

Inhaltes: ›Nachdem mein Ministerpräsident mich vor dem Feind im

Stiche läßt und ich hier außerstande bin, ihn zu ersetzen, habe

ich die Frage mit meinem Sohn erörtert, und da sich derselbe der

Auffassung des Ministerpräsidenten angeschlossen hat, sehe ich

mich zu meinem Schmerze gezwungen, nach so glänzenden Siegen der

Armee in diesen sauren Apfel zu beißen und einen so schmachvollen

Frieden anzunehmen.‹ — Ich glaube mich nicht im Wortlaut zu irren,

obschon mir das Aktenstück gegenwärtig nicht zugänglich ist; der

Sinn war jedenfalls der angegebene und mir damals trotz der Schärfe

der Ausdrücke eine erfreuliche Lösung der für mich unerträglichen

Spannung. Ich nahm die königliche Zustimmung zu dem von mir als

politisch notwendig Erkannten gern entgegen, ohne mich an ihrer

unverbindlichen Form zu stoßen. Im Geiste des Königs waren eben

die militärischen Eindrücke damals die vorherrschenden, und das

Bedürfnis, die bis dahin so glänzende Siegeslaufbahn fortzusetzen,

war vielleicht stärker als die politischen und diplomatischen

Erwägungen. Von dem erwähnten Marginale des Königs, das mir

der Kronprinz überbrachte, blieb mir als einziges Residuum die

Erinnerung an die heftige Gemütsbewegung, in die ich meinen alten

Herrn hatte versetzen müssen, um zu erlangen, was ich im Interesse

des Vaterlandes für geboten hielt, wenn ich verantwortlich bleiben

sollte. Noch heute haben diese und analoge Vorgänge bei mir keinen

anderen Eindruck hinterlassen als die schmerzliche Erinnerung, daß

ich einen Herrn, den ich persönlich liebte wie diesen, so habe

verstimmen müssen.«

Wie oft hat Bismarck später dieser Kämpfe gedacht! Des Kriegsrates

in seiner Krankenstube, und wie er, zurückgewiesen, in die Kammer

nebenan gegangen sei, sich aufs Bett geworfen und laut geweint habe

vor nervöser Aufregung, wie er am Fenster des Schlosses gestanden und

ihm der Gedanke gekommen sei: besser, er läge da unten, wie der König

ihm grollte und das Wort von einem »schmachvollen Frieden« an den Rand

seiner Eingabe schrieb. Auch hier das Bild, das auch später noch

wiederkehrt: Bismarcks Körper erliegt der geistigen Qual, dem Schmerze

um das Vaterland.

Auch König Wilhelm gelangte zu anderer Meinung; in seinem

nachdenklichen Geiste wirkten Bismarcks Gründe nach, und als der

Frieden unterzeichnet war, da sprang er auf, umarmte, wie Roon nach

Hause schreibt, und küßte dankend und weinend mit viel beweglichen

Worten zuerst Bismarck, dann Roon und Moltke. Napoleons Gesandter kam

zu spät. Als Bismarck eben unterzeichnen wollte, ließ sich Benedetti

melden, um für Frankreich erneut eine Entschädigung zu fordern. Der

preußische Staatsmann erwiderte freundlich, er sei bereit, diese

Vorschläge zu erwägen. Als aber der Gesandte vom linken Rheinufer zu

sprechen anfing, fiel ihm Bismarck ins Wort: »Machen Sie mir heute

keine amtlichen Mitteilungen dieser Art«, darauf wandte er sich

zur Unterzeichnung des Friedensvertrages. Er hatte »die Stirnlocke

Fortunas« mit fester Hand ergriffen. In Frankreich aber erhob sich

fortan der Schrei nach Revanche für Sadowa.

[Illustration: Es ist ein fröhlich Wandern, wenn einer führt den

andern! (»Figaro«, November 1867)]

Noch stand eine dreifache Arbeit für Bismarck bevor. Zuerst galt es,

mit den feindlichen deutschen Staaten nicht nur Frieden zu schließen,

sondern sie auch für die Zukunft zu gewinnen. Dann galt es, Frankreich,

das jetzt Belgien forderte, in Schranken zu halten — damals vollzog

Bismarck in der Verhandlung mit Benedetti jenes Meisterstück, das ihm

vier Jahre später so große Dienste leisten sollte: Er behielt das von

des Franzosen Hand geschriebene Entwurfskonzept im Besitz, um es im

Juli des Kriegsjahres in die Welt zu schleudern und die heuchlerische

Politik Napoleons der allgemeinen Entrüstung preiszugeben. Und die

dritte Aufgabe war, das Volk und die Volksvertretung zu versöhnen, dem

Könige Frieden mit der Nation zu schaffen, die nationale Flut schon aus

Rücksicht auf das Ausland mit fester Hand in das rechte Bett zu leiten.

Am 9. Mai war der Landtag aufgelöst worden, noch vor dem Ausbruch des

Krieges waren die Neuwahlen ausgeschrieben, und am Tage der Schlacht

von Königgrätz maßen sich im Wahlkampf die Parteien. Die Rechte ging

um das Vierfache verstärkt aus diesem Kampfe hervor, noch behielten

die Liberalen die Mehrheit. Aber die Stimmung war verändert, auch die

Liberalen waren bereit, in die Wege Bismarcks zu lenken. Sollte nun der

Sieger die Besiegten strafen oder Schonung üben? Sollte er, wie die

Konservativen es wollten, starr auf seinem Rechtspunkt stehen oder ein

Kompromiß schließen? Wieder nur unter schweren Kämpfen bewog Bismarck

seinen König dazu, durch Nachsuchen der Indemnität den alten Streit

zu begraben. Er sah eben weiter als alle. »Die Leutchen haben alle

nicht genug zu tun, sehen nichts als ihre eigene Nase und üben ihre

Schwimmkunst auf der stürmischen Welle der Phrasen. Mit den Feinden

wird man fertig, aber die Freunde! Sie tragen fast alle Scheuklappen

und sehen nur einen Fleck von der Welt!« Als am 5. August König

Wilhelm an der Spitze der Prinzen seines Hauses den Landtag eröffnet

hatte, begrüßt von begeistertem Jubel, und als dann Bismarck im

Parlament mit der Mahnung, daß die Feder nicht verderben solle, was das

Schwert gewonnen hat, die Versöhnung empfahl, da betraten bereits 230

Volksvertreter die goldene Brücke, und alsbald vollzog sich innerhalb

der Opposition die Trennung der Nationalliberalen vom Fortschritt.

So war alles erreicht, was einst der Frühling an Hoffen brachte. Und

es war erreicht ohne jede Konzession, ohne den Verlust einer Handbreit

Erde an Frankreich. Das letzte, was Benedetti vor seiner Heimkehr aus

Bismarcks Munde auf Napoleons Drohen vernahm, war das Wort: »Machen

Sie den Kaiser darauf aufmerksam, daß ein Krieg mit uns unter gewissen

Umständen ein Krieg mit revolutionären Donnerschlägen werden könnte,

und daß angesichts revolutionärer Gefahren die deutschen Dynastien

doch wohl eine größere Festigkeit bewähren würden als die des Kaisers

Napoleon.«

* * * * *

Die heißen Kämpfe der Konfliktszeit sind vorüber; der

Entscheidungskampf um die deutsche Zukunft ist geschlagen. Aber die

furchtbare Spannung dieser Zeiten und die rastlose Arbeit führte zu

Bismarcks körperlichem Zusammenbruch. An dem Siegeseinzug nahm er

noch teil, zwischen Moltke und Roon ritt er seinem König voran. Dann

aber versagte die Kraft. In Putbus, wo er sich erholen wollte, befiel

ihn eine schwere Krankheit. Seine Nerven, die auch die Kämpfe der

nächsten Zeiten immer wieder aufwühlten, wie seit Jahren, in denen das

Einigungswerk erst wachsen sollte, in denen aber mangelnde Einsicht,

Mißgunst, Intrige, partikularistische Neigung ihr Unkraut säten,

und auch das Ausland sich mühte, störend in das neue werdende Leben

zu greifen, gewannen erst ihre Vollkraft wieder, als es zur letzten

Entscheidung, zum Kampfe mit Frankreich ging.

Gewiß, das Zündnadelgewehr hatte die Doktrinäre widerlegt, aber es

hatte den Hader und den Haß der Parteien nicht vernichtet und auch dem

erfolggekrönten Mann den Weg zu neuen Erfolgen nicht befreit. Zwar

haben ihn Männer wie Treitschke, Sybel, Fritz Reuter mit jubelnder

Zustimmung geleitet, aber er mußte dennoch in zerreibender Arbeit

Schritt für Schritt sich das Terrain erkämpfen, dessen er bedurfte.

Es galt vor allem, Zeit zu gewinnen für die innere Konsolidierung,

damit in dem sicher vorausgesehenen Kampfe gegen Napoleon sich die

deutsche Kraft nicht wieder zersplittere; es mußte die Überlegenheit

auf militärischem Gebiete gesichert werden, es galt die Verfassung

des Norddeutschen Bundes zu schaffen, mit den süddeutschen Staaten

zu verhandeln, im Zollparlament einen neuen Reifen um die Einheit zu

schmieden und die Nation gegen die Übergriffe Frankreichs zu sichern.

Was Bismarck später einmal sagte: »Meine politische Laufbahn war

ein Hetzen und Jagen, bei dem man zum Genuß nie gekommen ist; viel

glücklicher als der Staatsmann ist der Landmann, wenn er seine Felder

und Rieselwiesen gedeihen sieht«, das galt auch damals.

Das Deutsche Reich wurde als Torso gegründet. Die neuen Provinzen

mußten geordnet, die Bewohner an die neue Lage gewöhnt werden. Die

Hauptarbeit galt darum zuerst der Verfassung. Sie war das eigenste

Werk des großen Staatsmannes, der am Nachmittag des 13. Dezembers sie

aus dem Kopfe seinem vertrauten Rate Lothar Bucher diktierte und im

Gegensatz zu aller Schulmeinung die Bedingungen schuf, die auch heute

noch den Kern und Inhalt unseres Verfassungslebens bilden. Noch in der

Nacht arbeitete Lothar Bucher die Skizze aus, am nächsten Tage kam sie

an den Kronrat, und am 15. abends wurde sie den Bevollmächtigten der

Verbündeten vorgelegt. »So frisch kamen die Abzüge aus der Druckerei,

daß während der Sitzung immer noch Exemplare hereingebracht wurden.« Zu

einem konstituierenden Reichstage wurden die Wahlen ausgeschrieben. Am

24. Februar trat er zusammen.

Bismarck in Geschichte, Karikatur und Anekdote · 第 161 / 334 题