Als Prophet

Bei einem Mittagessen bei dem sächsischen Gesandten Grafen

Hohenthal fragte im Laufe der Unterhaltung die Hausfrau den neben

ihr sitzenden preußischen Ministerpräsidenten: »Sagen Sie mir doch,

Exzellenz, ist es wirklich wahr, daß Sie Österreich bekriegen

und Sachsen erobern wollen?« Bismarck erwiderte mit größter

Freundlichkeit: »Ganz gewiß ist das wahr, teuerste Gräfin; vom

ersten Tage meines Ministeriums an habe ich keinen anderen Gedanken

gehabt; unsere Kanonen sind heute gegossen, und Sie sollen bald

sehen, wie sie der österreichischen Artillerie überlegen sind.«

— »Entsetzlich!« rief die Dame; »aber« — fuhr sie fort — »dann

geben Sie mir einen Freundesrat, da Sie einmal in offenherziger

Laune sind: ich habe zwei Besitzungen, auf welche soll ich mich

flüchten, auf mein Gut in Böhmen oder auf mein Schloß bei Leipzig?«

— »Wenn Sie mir glauben wollen« — antwortete Bismarck — »reisen

Sie nicht nach Böhmen; eben dort, und wenn ich nicht irre, gerade

in der Nähe ihres Gutes, werden wir die Österreicher schlagen; Sie

könnten dort also schreckliche Abenteuer erleben. Gehen Sie ruhig

nach Sachsen; bei Leipzig wird nichts vorfallen, und Sie werden

nicht einmal durch Einquartierung belästigt werden, denn Ihr Schloß

Knauthayn liegt an keiner Etappenstraße.« Als bald nachher Bismarck

von anderen Diplomaten über diese Äußerung besorglich interpelliert

wurde, lachte er, daß man von der Verspottung einer unpassenden

Frage Notiz nähme. Herr von Beust aber nahm, in Erinnerung an

seine langjährige Feindseligkeit gegen Preußens Politik, die Sache

äußerst ernsthaft, sandte die wichtige Enthüllung nach Wien,

rief Österreichs mächtigen Schutz an und erklärte, daß, wenn

Österreich jetzt rüste, sämtliche Mittelstaaten fest zu ihm stehen,

anderenfalls aber der Freundschaft Österreichs für immer den Rücken

kehren würden.

Es war, wie Sybel sagt, die entscheidende Epoche in Bismarcks mächtigem

Lebensgang. Ein neues Preußen war nicht denkbar ohne ein neues

Deutschland, die Kräftigung Preußens hing eng zusammen mit der Lösung

der deutschen Frage. Jetzt gab es von allen Alternativen nur noch die

eine: Ein Hinausdrängen Österreichs aus dem Bunde und Vereinigung

des übrigen Deutschland unter preußischer Leitung. Bei Bismarck

fielen Vorsicht und Kühnheit, Vorwärtsdrängen und Mäßigung untrennbar

zusammen. Jetzt aber, wo nur auf dem Wege über Olmütz ein Ausweichen

möglich war, blieb nur, wenn Preußens Ehre nicht verletzt werden

sollte, der steile Pfad der kriegerischen Entscheidung.

[Illustration: »Dieses alles will ich dir geben, wenn du mir hilfst,

Belgien und Luxemburg zu gewinnen.« (Spottblatt)]

Schriften und Gegenschriften flogen herüber und hinüber, das Bündnis

mit Italien wurde geschlossen, Napoleon, der Kompensationen forderte,

durch ein dilatorisches Verhalten beruhigt. Die Volksstimmung suchte

Bismarck durch die Ankündigung eines allgemeinen deutschen Parlaments

und des allgemeinen Stimmrechts zu gewinnen, überzeugt, daß die Massen

ehrlicher an der Erhaltung der staatlichen Ordnung interessiert seien

als die Führer jener Klassen, die man durch die Einführung eines Zensus

privilegiert hatte. Er glaubte, wie er dem Grafen Bernstorff schrieb,

daß in einem Lande mit monarchischen Traditionen und loyaler Gesinnung

das allgemeine Stimmrecht, indem es die Einflüsse der liberalen

Bourgeoisie beseitigt, auch zu monarchischen Wahlen führen werde. In

Preußen seien neun Zehntel des Volkes dem Könige treu und nur durch

den künstlichen Mechanismus der Wahl um den Ausdruck ihrer Meinung

gebracht. Später sah Bismarck seinen Irrtum ein. Aber »er konnte nicht

ganze Bibliotheken studieren, um ein besseres Wahlrecht auszuklügeln«.

Überdies war dieses Wahlrecht eine Hinterlassenschaft der Paulskirche;

es wurde von Bismarck nicht erschaffen, sondern als Erbe übernommen.

»Die Karte war ausgespielt, und wir haben sie als auf dem Tische

liegende Hinterlassenschaft vorgefunden.«

Die Anträge auf die Einberufung einer deutschen Nationalversammlung

wurden in Frankfurt eingebracht. Die Abstimmung wurde ausgesetzt — sie

ist nie vollzogen worden. Die Ereignisse gingen einen zu raschen Weg.

Aber blieb auch das Reformwerk ein Torso, so wurde es doch gegenüber

dem tobenden Unglauben der Parteien das feste Wahrzeichen, daß

Deutschlands Einheit unter Preußens Führung auf dem Boden politischer

Freiheit gegründet werden sollte. Es war der Tropfen demokratischen

Öles, mit dem einst Uhland die Stirn des künftigen Deutschen Kaisers

gesalbt wissen wollte.

Während Preußen und Österreich mit aller Macht rüsteten, betonten

sie noch immer ihre Friedensliebe in höflichen Worten. Bayern und

Württemberg, Nassau und Hessen mobilisierten; am 20. Mai verlangte

Preußen von Hannover und Kurhessen die Zusage unbewaffneter

Neutralität. Als beide ablehnten, ließ Bismarck erklären, Preußen werde

fortan die beiden Länder als seine Gegner ansehen. Auch nach Sachsen

erfolgte eine gleiche Erklärung. Überhaupt sorgte Bismarck mit Energie

und Umsicht an den norddeutschen Höfen für unbedingte Klarheit.

Bismarck in Geschichte, Karikatur und Anekdote · 第 147 / 334 题