In jener Zeit der mühevollsten Arbeit richtete sich gegen Bismarck
die Mordwaffe eines Fanatikers. Am 7. Mai hatte er Vortrag beim
Könige gehalten; er schritt die Linden entlang, als er plötzlich
in der Nähe der Schadowstraße zweimal hinter sich schießen
hörte. Er blickte sich um und sah, wie ein kleiner Mensch von
jüdischem Aussehen einen Revolver auf ihn anlegte. Bismarck
sprang hinzu und packte ihn mit ehernem Griff am Faustgelenk,
so daß auch der dritte Schuß fehlging. Der Attentäter wurde
ergriffen, während Bismarck, der nur leichte Kontusionen erlitten
hatte, ruhig nach Hause ging. Der Täter hieß Karl Cohen, er war
der Stiefsohn des bekannten badischen Flüchtlings Karl Blind.
Später erzählte Bismarck von jenem Vorgange: »Ich hatte Mühe, den
kräftigen jungen Mann von mir abzuwehren, und lange hätte das
Ringen mit ihm nicht dauern dürfen, denn ich fühlte mich einer
Ohnmacht nahe. In diesem entscheidenden Augenblick erhob sich
ein Gewehrkolben über meinem Haupte, der Soldat, welcher in der
Nähe Posten stand, wollte nämlich intervenieren. Da wurde eine
lederbehandschuhte Hand sichtbar, welche den Gewehrkolben faßte,
und eine Stentorstimme, die einem Offizier gehörte, schrie:
›Rindvieh‹. Die Erregung in Berlin war groß.« — An jenem Tage fand
im Hause des Ministers ein Familiendiner statt. Als Bismarck nicht
rechtzeitig erschien, war man kaum verwundert. Denn es war in der
Zeit vor dem Kriege gegen Österreich nichts Ungewöhnliches, daß
der Ministerpräsident länger als sonst bei dem König blieb, so daß
häufig das für fünf Uhr bestimmte Diner um eine halbe Stunde und
länger hinausgeschoben werden mußte. Niemand im Hause hatte auch
nur eine Ahnung von dem meuchlerischen Mordanfall Unter den Linden
und von der wunderbaren Rettung des Hausherrn. Es war eine kleine
Gesellschaft im Salon der Frau von Bismarck versammelt, die den
Ministerpräsidenten erwartete; dieser trat endlich ein, niemand
merkte ihm irgendwelche Unruhe oder Aufregung an, nur schien es
einigen, als ob er freundlicher noch als sonst grüßte. Mit den
Worten: »Ei! wie eine liebe Gesellschaft!« nahm er seinen Weg
nach seinem Arbeitszimmer, wo er in der Regel noch einige Minuten
verweilte, bevor er zu Tische ging. Heute berichtete er kurz den
Vorfall dem Könige. Darauf kam er zurück zu der Tischgesellschaft
und sagte, wie er das häufig zu tun pflegte, wenn er sehr spät
kam, in spaßhaft vorwurfsvollem Tone zu seiner Gemahlin: »Warum
essen wir denn heute gar nicht?« Er näherte sich einer Dame, um
dieselbe zu Tisch zu führen; da erst, beim Ausgang aus dem Salon,
trat er auf seine Gemahlin zu, küßte sie auf die Stirn und sprach:
»Mein Kind! sie haben auf mich geschossen, aber es ist nichts!«
So zart und vorsichtig nun auch diese Mitteilung gemacht wurde,
so malte sich doch begreiflicherweise das Erschrecken auf allen
Gesichtern, dann drängte sich alles um Bismarck in Freude um die
wunderbare Errettung. Dieser aber ließ sich nicht aufhalten, ging
zum Speisesaal und saß nach dem kurzen Tischgebet vor seiner
Suppe, die ihm um so trefflicher munden mochte, je weniger er,
nach Menschengedanken, noch eine halbe Stunde zuvor ein Anrecht
auf sie zu haben schien. Der hinzugekommene Arzt sagte nachher,
als man allerlei Theorien darüber aufstellte, wie das Attentat so
unschädlich habe verlaufen können, mit Recht: »Meine Herren, es ist
hier nur eine Erklärung: Gott hat seine Hand dazwischen gehabt!«
Auch der letzte Versuch einer Verständigung, den Anton von Gabelenz
machte, ist gescheitert, ebenso alle Versuche, die Höfe von Hannover
und Kassel zur Vernunft zu mahnen. Vergebens suchte auch Napoleon den
Vorschlag einer Konferenz, die Frage vor einem europäischen Areopag. Am
1. Juni fiel im Bunde die erste wichtige Entscheidung. Österreich hatte
gefordert, daß die Schleswig-Holsteinische Frage nach Recht und Gesetz
des Deutschen Bundes, nicht von den beiden Großmächten entschieden
werde; es hatte also offen und deutlich den Vertrag von Gastein
gebrochen. In der schärfsten Weise wies Bismarck dieses Vorgehen
zurück, indem er zugleich erklärte, daß jetzt der König von Preußen
den General von Manteuffel mit der Wahrung seiner Souveränitätsrechte
in Holstein beauftragen werde. Zugleich sandte er an alle deutschen
Regierungen seinen Entwurf einer künftigen deutschen Bundesverfassung.
Manteuffel aber erließ eine Bekanntmachung, daß er Holstein besetzt
habe und genötigt sei, die Regierung in die Hand zu nehmen; die Truppen
Österreichs zogen sich alsbald nach Altona und von dort über Hannover,
Hessen und Bayern nach Böhmen zurück. Da stellte Österreich beim Bunde
den Antrag auf Mobilmachung des ganzen Bundesheeres und die Ernennung
eines Bundesfeldherrn. Bismarck erklärte, als mit neun gegen sechs
Stimmen der Antrag angenommen war, den Bundesvertrag für gebrochen, den
Bund für aufgelöst und lud die Freunde der nationalen Sache ein, die
preußische Bundesreform anzunehmen. Damit endete die letzte Sitzung des
Bundestages; er starb ruhmlos, wie er ruhmlos gelebt hatte. Für König
Wilhelm aber war jetzt die Stunde des letzten Entschlusses gekommen.
Als Bismarck sie forderte, weil die letzte Friedenshoffnung erloschen
sei, da erklärte er dem Minister den Wunsch, sich auf kurze Zeit in
sein Zimmer zurückziehen zu dürfen. Bismarck erzählt über diese Szene: