Hier unten ist Bismarck auch einmal in ernster Lebensgefahr
gewesen. »Da erinnere ich mich,« so hat er später in Versailles
erzählt, »ich war einmal mit einer Gesellschaft, unter der sich
auch die Orloffs befanden, im südlichen Frankreich beim Point du
Gard. Es ist das eine alte Wasserleitung aus römischer Zeit, die
in mehreren Etagen über ein Tal weggeht. Da sagte die Fürstin
Orloff, eine lebhafte Frau, wir wollen oben darüber gehen. Das war
ein sehr schmaler Gang neben der Rinne, nur etwa anderthalb Fuß
breit, dann die tief eingeschnittene Rinne und auf der anderen
Seite wieder eine Mauer mit Platten darauf. — Die Sache war nicht
unbedenklich, aber ich konnte mich doch von einem Frauenzimmer
nicht an Mut übertreffen lassen. So unternahmen wir beide denn das
Kunststück. Er aber ging mit den anderen unten im Tale hin. Eine
Weile schritten wir auf den Platten fort, und da ging es gut auf
der schmalen Kante, von der man in eine Tiefe von mehreren hundert
Fuß hinabsah. Dann aber waren die Platten weggefallen, und man ging
über eine bloße schmale Mauer. Eine Strecke weiterhin kamen wir
zwar wieder auf ein Stück mit Platten, und dann gab’s wieder nur
die unsichere Mauer mit ihren schmalen Steinen. Da faßte ich mir
ein Herz, schritt rasch auf sie zu, faßte sie mit dem einen Arm
und sprang mit ihr in die vier bis fünf Fuß tiefe Rinne hinunter.
Aber die unten, die uns nun plötzlich nicht mehr sahen, hatten die
größte Angst, bis wir endlich drüben wieder erschienen.«
»Auch sonst«, erzählte er weiter, »bin ich noch ein paarmal in
Lebensgefahr gewesen. Zum Beispiel, als die Semmeringbahn noch
nicht fertig war — ich glaube, es war 1852 —, da ging ich mit
einer Gesellschaft durch einen von den Tunneln oben. Ich erinnere
mich, Graf Octavio Kinsky war dabei, etwas älter als ich, mit
gelockten Haaren. Es war ganz finster drin. Ich ging den anderen
mit einer Laterne voran. Nun zog sich da quer über den Boden
eine Schlucht oder Spalte hin, die war wohl fünfzig Fuß tief und
etwa anderthalbmal so breit wie der Tisch hier. Darüber hatten
sie ein Brett gelegt, welches zu beiden Seiten Leisten hatte,
damit die Karren nicht abrutschten. Dieses Brett mußte morsch
sein; denn wie ich in der Mitte bin, bricht es ein, und ich fahre
hinunter, bleibe aber, da ich unwillkürlich die Arme ausgebreitet
hatte, an den Leisten hängen. Die hinter mir kamen, dachten nun
— die Laterne war mir nämlich entfallen und erloschen — ich wäre
hinabgestürzt, und waren nicht wenig erstaunt, als sie fragten:
›Leben Sie noch?‹ statt von tief unten her ganz oben vor sich —
als sie da die Antwort erhielten: ›Ja, hier bin ich.‹ — Ich hatte
mich inzwischen auch mit den Beinen angeklammert und fragte, ob
ich zurück oder hinüber sollte. Der Führer meinte, es wäre besser,
hinüber, und so arbeitete ich mich denn dahin. Der Arbeiter, der
uns führte, zündete nun ein Licht an, suchte ein anderes Brett und
brachte so die Gesellschaft nach. — Man sah mit dem Brette recht,
wie liederlich und leichtsinnig solche Dinge zu der Zeit genommen
wurden. — Hernach, als wir aus dem Tunnel heraus waren, fuhren wir
in einem niedrigen Karren sausend die Bahn hinab. Wir hatten dicke
Stöcke, um zu hemmen, und taten es auch, wenn es um die Kurven
ging. Bei der stärksten brachten wir’s aber nur mit großer Mühe
fertig, daß der Karren nicht aus dem Geleise geriet und in einen
der beiden Abgründe fiel, die da waren. In den ganz tiefen konnten
wir freilich nicht hinunterfahren, aber in den anderen ging’s auch
gegen sechzig Fuß hinab.«
[Illustration: ~Ein neuer Diogenes zu Kiel~
»Annexander«-Bismarck mit König Wilhelm vor dem Augustenburger
Diogenes, der leer ausgeht. Oldenburg hatte seine Ansprüche auf
Schleswig-Holstein für eine Million Taler aufgegeben. (»Figaro«,
Februar 1865)]
Ein andermal hatte Bismarck mit einigen Begleitern bei einer
Tour in der Schweiz — wohl bei einem Ausfluge nach dem
Rosenlauigletscher — einen schmalen Grat passieren müssen. Eine
Dame und der eine ihrer beiden Führer waren schon drüben gewesen.
Nach ihnen kam ein Franzose, dann Bismarck und hierauf der andere
Führer. In der Mitte der Kante sagte der Franzose: »=Je ne peux
plus=«, und wollte durchaus nicht weiter. Ich war gleich hinter ihm
und fragte den Führer: »Was machen wir nun?« — »Steigen Sie über
ihn weg, dann schieben wir ihm die Alpenstöcke unter die Arme und
tragen ihn hinüber.« — »Sehr schön,« sagte ich, »aber ich steige
nicht über ihn hinweg; denn der Mann ist krank und packt mich in
seiner Verzweiflung, und wir fallen beide hinunter.« — »Nun, so
drehen Sie um.« — Das war schwer genug, aber ich versuchte es, und
es ging, und nun machte er das Manöver mit den Alpenstöcken mit
Hilfe des anderen Führers.
[Illustration: ~Die Entscheidung naht!~
Der neue Zusammenstoß zwischen dem Landtag, dessen Präsident Grabow
ist, und dem Ministerium steht bevor. Bismarck bereitet seinen Gegnern
das »innere Düppel«. (»Kladderadatsch«, März 1865)]
Allmählich wuchsen die Differenzen mit Österreich. Es kam sogar von
Wien aus zu einer Drohung mit dem Bruch der Allianz, wenn Preußen nicht
auf Österreichs Programm eingehe. Bismarck faßte allerdings, wie er
dem Grafen Karolyi offen sagte, die Frage sehr einfach auf. »Sehen
Sie, wir stehen da vor der Frage der Herzogtümer wie zwei Gäste, die
ein treffliches Gericht vor sich haben; der eine aber, welcher keinen
Appetit hat und es nicht verzehren will, verbietet energisch dem
anderen, den der Leckerbissen reizt, zuzulangen und zu schmausen.« Auch
der Bund trat gegen Bismarcks Forderungen auf. Er »erwarte nunmehr
vertrauensvoll die Einsetzung des Augustenburgers«, worauf Bismarck
erklärte, daß Preußen in keiner Weise dieses Vertrauen rechtfertigen
werde. Zugleich ging an den preußischen Landtag eine Vorlage über
Flottenbedürfnisse, in der auch die Kosten für eine Station in Kiel
verlangt wurden. Bei der Verteidigung erklärte Roon, Preußen werde nie
den Besitz des Kieler Hafens aufgeben. Trotz des lauten Protestes von
Wien führte in der Tat auch Preußen seine Arbeiten in der Kieler Bucht
ungestört fort. Aber noch suchte Bismarck den Bruch zu vermeiden. Noch
einmal faßte er alle Beschwerden gegen Österreich zusammen und ließ
durch den Gesandten in Wien erklären, daß ein bewaffneter Konflikt bei
einer Fortsetzung des bisherigen Verfahrens unvermeidlich sei. Auch
die Abneigung des Königs gegen den Bruch mit Österreich war noch nicht
überwunden. Am 29. Mai berief er das gesamte Staatsministerium unter
Teilnahme des Kronprinzen und Moltkes zu einer Beratung unter seinem
eigenen Vorsitz. Hier stellte Bismarck die Annexion der Herzogtümer als
notwendig dar, indem er zugleich erklärte, daß sie nur, früher oder
später, durch einen Krieg zu erreichen sei: »Den Rat dazu können wir
jedoch Ew. Majestät nicht erteilen; der Entschluß dazu kann nur aus der
freien königlichen Überzeugung hervorgehen. Würde ein solcher gefaßt,
so würde das gesamte preußische Volk ihm freudig folgen.« Die meisten
Minister erklärten sich mit Bismarck einverstanden, in entschiedenen
Gegensatz aber stellte sich der Kronprinz, der die Sorge aussprach, daß
der Krieg mit Österreich Deutschland zerfleischen und die Einmischung
der Fremden herbeiführen werde, und der zugleich versicherte, der
Erbprinz von Augustenburg sei »durchaus preußisch« gesinnt. Ehe der
König die denkwürdige Sitzung schloß, fragte er noch Moltke: »Was ist
die Meinung der Armee?« »Nach meiner persönlichen Ansicht«, war die
Antwort, »ist die Annexion die einzige heilsame Lösung für Preußen
und Schleswig-Holstein. Der Gewinn ist so groß, daß er einen Krieg
verlohnt. Auch die Meinung des Heeres geht auf Annexion. Ich halte eine
siegreiche Durchführung des Krieges für möglich, auch die numerische
Übermacht am entscheidenden Punkte kann erreicht werden.« Der König
aber behielt sich die Entschließung vor; die Verhandlungen gingen
weiter. Österreich mochte hierbei in seinem Widerstand auch durch die
Haltung des preußischen Abgeordnetenhauses bestärkt werden, das auch
jetzt der Regierung alle Forderungen versagte. Trotzdem war Bismarck
»politisch zufrieden, in stiller Kammerverachtung«: »Ich kann nicht
leugnen,« so rief er aus, »daß es mir einen peinlichen Eindruck macht,
wenn ich sehe, daß angesichts einer großen nationalen Frage, die seit
zwanzig Jahren die öffentliche Meinung beschäftigt hat, diejenige
Versammlung, die in Europa für die Konzentration der Intelligenz und
des Patriotismus in Preußen gilt, zu keiner anderen Haltung als zu
einer impotenten Negative sich erheben kann.« Im Hinblick auf diese
Haltung hat noch nach langen Jahren Fürst Bismarck die Unehrlichkeit
und Vaterlandslosigkeit der politischen Parteien in Deutschland auf
das härteste angeklagt. Und doch war schon der Weg nach Damaskus auch
für den Landtag abgesteckt, und schon kam aus altliberalem Lager
der Antrag, die unlösliche Verbindung der Herzogtümer mit Preußen
auszusprechen. Aber noch mußte die Zeit reifen.
In späteren Jahren schrieb Moltke einmal: »Der Krieg von 1866 ist nicht
aus Notwehr entsprungen gegen die Bedrohung der eigenen Existenz; es
war ein im Kabinett als notwendig erkannter, längst beabsichtigter und
ruhig vorbereiteter Kampf nicht für Ländererwerb, Gebietserweiterung
und materiellen Gewinn, sondern für ein ideales Gut, für Machtstellung.
In der Tat hat es sich um Preußens völliges Reifen zur Großmacht
gehandelt. Symbolisch hat dies in jenen Tagen auch Bismarck
ausgedrückt, als er das Geschenk eines kräftigen Handstocks, das ihm
der König machte, mit folgendem Briefe quittierte: