In dem Ländchen besaß der Adel einen verbrieften »Rezeß«; er
hatte den Wunsch, daß dieses vergilbte Vorrecht, das ihm die
Alleinherrschaft und die Ausbeutung gewährleistete, auch in
Zukunft bestehen bleibe. Von einem Junker wie Bismarck glaubten
sie sicher, die Erfüllung ihres Wunsches erwarten zu können.
Aber es kam anders. Während einer Kahnfahrt auf dem schönen
Landsee bei Ratzeburg am Nachmittage des 25. Septembers meinte
ein hervorragendes Mitglied der Lauenburger Ständeversammlung
an Bismarcks Seite, diese noch schwebende Herzensfrage der
Ritterschaft bereinigen zu müssen, und fragte leicht: »Apropos,
Exzellenz, wie steht es mit unserem Rezeß? Ich hoffe, daß
Se. Majestät ihn bewilligen werden, ehe Sie unsere Huldigung
verlangen.« — »Ich vermute, daß der König dies nicht tun wird«,
versetzte Bismarck. — »Dann werden wir uns morgen mitten in der
Kirche weigern, zu schwören«, entgegnete sein Kahnnachbar. — »Je
nun,« erwiderte Bismarck kühl, »da werden die Herren morgen mitten
in der Kirche zu hören bekommen, daß sie der nächsten preußischen
Provinz einverleibt sind.« Fortan war im Kahn nur von den Reizen
der Landschaft noch die Rede. Nach Ratzeburg zurückgekehrt,
entwarf Bismarck aber sofort ein Dekret, welches die Einverleibung
Lauenburgs in die Provinz Brandenburg verkündigte und das verlesen
werden sollte, falls die Stände die »rechte Erbhuldigung« weigern
würden. Diesem Dekrete gab der König seine Zustimmung, und Bismarck
steckte es in die Tasche, ehe er am nächsten Morgen die Kirche
betrat. Nach der Predigt forderte er die Ritter- und Landschaft
zum Schwur auf, und siehe da, sie schwuren alle ohne Anstand. Vom
»Rezeß« und den Vorrechten der Junker war in Lauenburg fortan keine
Rede mehr.
Jetzt aber brausten die Stürme der Weltgeschichte immer gewaltiger
daher; sie fuhren auch über die Häupter der Gegner Bismarcks dahin
und beugten sie tief zu Boden. In dem Antrag auf Indemnität hat dann
Bismarck mit der Geste des Kavaliers der bösen Zeit den Schlußstein
gesetzt.
[Illustration: »Na, nu kann’s anjeh’n!« (Aus »Horning, Deutsches
Militär«)]