Pauline Lucca

In Ischl war es passiert, daß Pauline Lucca, die berühmte Sängerin,

ihre Ferien gleichzeitig mit dem König Wilhelm und Bismarck

verlebte. Eines Tages blieb die Sängerin einen Augenblick vor dem

Hotel Elisabeth stehen, in dem der König und Bismarck abzusteigen

pflegten. Da trat letzterer aus dem Hause, eilte auf »Paulinchen«

zu und begrüßte sie herzlich. »Exzellenz, kommen Sie mit,« bat die

Lucca, »ich will mich eben photographieren lassen.« — »Ich kann

nicht,« antwortete der Minister, »ich erwarte meine Chiffreure, die

scheinen spazieren gegangen zu sein.« — »Gengen S’, Exzellenz, Sie

können die Depeschen später lesen«, sagte die Lucca in ihrem Wiener

Dialekt, und Bismarck, galant wie immer, ging mit zum Photographen.

Dort ließ sich erst die Sängerin, dann der Minister allein

photographieren, als mit einmal die kleine Teufelin aufsprang und

rief: »Exzellenz, ich habe eine süperbe Idee! Wie wär’s, wenn wir

uns zusammen photographieren ließen?« Bismarck stimmte wieder zu,

und der Photograph ging ans Werk. Auf dem sehr selten gewordenen

Bilde sitzt die Sängerin, den Kopf in die linke Hand gestützt,

den Beschauer voll ansehend, an der einen Ecke des Tisches, ihr

gegenüber an der anderen Ecke Bismarck, die Lucca anblickend, den

rechten Arm auf dem Tische, die linke Hand auf dem Knie ruhend.

Nach einigen Tagen war das Bild in hundert Händen, und ganz Ischl

sprach von nichts anderem. Doch einige Zeit später fanden beide

Abkonterfeite, daß es besser sei, das Bild aus dem Kunsthandel zu

ziehen, und so mußte sich der Photograph verpflichten, keine neuen

Abzüge zu machen, sowie die Platten zu vernichten. — In dem Briefe

an Andrae schreibt nun Bismarck: Ȇber die Lucca-Photographie

würden auch Sie vermutlich weniger streng urteilen, wenn Sie

wüßten, welchen Zufälligkeiten sie ihre Entstehung verdankt hat.

Außerdem ist die jetzige Frau von Rahden, wenn auch Sängerin, doch

eine Dame, der man ebensowenig wie mir selbst ~jemals~ unerlaubte

Beziehungen geschlechtlicher Art nachgesagt hat. Demungeachtet

würde ich, wenn ich in dem richtigen Augenblick das Ärgernis

erwogen hätte, welches viele und treue Freunde an diesem Scherze

genommen haben, aus dem Bereiche des auf uns gerichteten Glases

zurückgetreten sein.«

Es mag hier ein Urteil angefügt werden, das ein Freund Bismarcks über

ihn und seine Beziehungen zu der Frauenwelt gefällt hat:

Bismarck in Geschichte, Karikatur und Anekdote · 第 134 / 334 题