In einer Debatte über die Schleswigsche Politik bemerkte Virchow,
daß er, wenn der Minister die Berichte wirklich gelesen hätte,
nicht mehr wisse, was er von seiner Wahrheitsliebe halten solle.
Hierauf erwiderte Bismarck: »Der Herr Abgeordnete hat lange genug
in der Welt gelebt, um zu wissen, daß er sich damit der technischen
und spezialen Wendung gegen mich bedient hat, vermöge deren man
einen Streit auf das rein persönliche Gebiet zu werfen pflegt, um
denjenigen, gegen den man den Zweifel an seiner Wahrheitsliebe
gerichtet hat, zu zwingen, daß er sich persönliche Genugtuung
fordert. Ich frage Sie, meine Herren, wohin soll man mit diesem
Tone kommen? Wollen Sie den politischen Streit zwischen uns
auf dem Wege der Horatier und Curiatier erledigen? Es ließe
sich davon reden, wenn es Ihnen erwünscht ist!« Als Virchow es
ablehnte, seine Worte zurückzunehmen, sandte ihm Bismarck durch
den Hauptmann von Puttkamer eine Pistolenforderung, deren Annahme
das Abgeordnetenhaus, an das Herr Virchow appellierte, verbot.
Über diese Angelegenheit schrieb Bismarck an den ihm befreundeten
Roman-Andrae: »Was die Virchowsche Sache anbelangt, so bin ich über
die Jahre hinaus, wo man in dergleichen von Fleisch und Blut Rat
annimmt. Wenn ich mein Leben an eine Sache setze, so tue ich es in
demjenigen Glauben, den ich mir in langem, schwerem Kampfe, aber in
ehrlichem und demütigem Gebete vor Gott gestärkt habe, und den mir
Menschenwort, auch das eines Freundes im Herrn und eines Dieners
seiner Kirche, nicht umstößt.«
In diesem Briefe geht Bismarck auch auf eine Affäre ein, die, an sich
völlig harmlos, ihm doch manchen Ärger bereitet hat.