Der Königlich Sächsische Ministerpräsident von Beust war mehrfach
zu Tisch bei Bismarck. Beust war nach Berlin gekommen, um über den
Beitritt Sachsens zu dem französisch-preußischen Handelsvertrag
Unterhandlungen zu pflegen. Natürlich wurde er auf das gastlichste
aufgenommen; Bismarck erwies ihm alle Aufmerksamkeit und geleitete
ihn eines Abends auch in das »Wallnertheater«. Sie sahen einen
kleinen Soloscherz, betitelt: »Eine neue Bluette«, welchen
Helmerding ausführte. In dieser Rolle hatte er eine inmitten der
Bühne freistehende Theaterflügeltür anzubohren und sich darauf
hinter dieselbe zu begeben, um den Auftritt eines Schauspielers
anzudeuten. Kurz vorher sang der beliebte Komiker ein Couplet, das
die strengen Maßregeln der Regierung wider die Presse geißelte.
Der Beifall war frenetisch. Auch die beiden Minister stimmten ein.
Als man aber den Komiker immer und immer wieder zu sehen begehrte,
weigerte er sich lange, dem Hervorruf Folge zu leisten. Unbeweglich
blieb er hinter seiner Theatertür. Endlich trat er hervor und sagte
mit gesetzter Miene: »Es ist nicht nötig, mich zu rufen! Ich höre
auch hinter der Tür alles, was hier vorgeht!« Der Beifallssturm
brach von neuem los. Aller Augen richteten sich auf die Loge, wo
Bismarck saß. Und dieser selbst soll am lautesten applaudiert haben.
Es kam im Mai zur Auflösung des Landtags. Auch Herr von Roon war in
einen scharfen Konflikt mit dem Präsidenten geraten. Als man dem
Ministerium Verfassungsbruch und Erregung von Unfrieden im Lande
vorwarf, da hatte er dies eine »ganz unberechtigte Anmaßung« genannt
und auf die Unterbrechung durch den Präsidenten von Bockum-Dolffs
zornig erklärt: »Ich lasse mich nicht unterbrechen, ich kann sprechen
nach der Verfassung, wann ich will. Die Befugnis des Präsidenten
geht bis an den Ministertisch und nicht weiter!« Unter großem Lärm
des Hauses bedeckte der Präsident sein Haupt mit einem ihm übrigens
aus Versehen gebrachten fremden und viel zu großen Hut und erklärte
die Sitzung für suspendiert. König Wilhelm selbst aber trat in einer
Botschaft für seinen Minister ein, und als das Abgeordnetenhaus in
einer Adresse erklärte, es habe kein Mittel der Verständigung mehr
mit diesem Ministerium und lehne jede Mitwirkung bei seiner Politik
ab, da erklärte der tapfere alte Herr: »Meine Minister besitzen
mein Vertrauen, ihre amtlichen Handlungen sind mit meiner Billigung
geschehen, und ich weiß es ihnen Dank, daß sie es sich angelegen sein
lassen, dem verfassungswidrigen Streben des Abgeordnetenhauses nach
Machterweiterung entgegenzutreten.« Am 27. Mai 1863 wurde die Session
geschlossen, am 2. September das Abgeordnetenhaus aufgelöst. Es folgten
das Preßedikt, Preußens »Juliordonnanzen« und das Wahlregulativ. Und
es folgte das Auftreten des Kronprinzen gegen den Vater, die »Danziger
Episode«. Und so schroff hier Friedrich Wilhelm gegen den Minister
seines Vaters Stellung nahm, so ist doch gerade der Angegriffene es
gewesen, der den König von jeder harten Maßregel zurückhielt, der
ihn mahnte, säuberlich mit dem Knaben Absalom zu verfahren, der ihn
daran erinnerte, daß in dem Konflikte zwischen Friedrich Wilhelm =I.=
und seinem Sohne dem letzteren die Sympathie der Zeitgenossen und
der Nachwelt gehöre und daß es nicht ratsam sei, den Kronprinzen zum
Märtyrer zu machen. Auch hier hat Bismarck gesiegt, und er konnte
später einmal rufen, wie einer seiner Vertrauten berichtet: »Beim
König wurde ich von allen Seiten als verkappter Demokrat verdächtigt.
Dieser Kampf kostete mir meine Nerven, meine Lebenskraft. Aber
besiegt habe ich alle, alle!« Selbst ein Heinrich von Treitschke
konnte damals schreiben, daß die Verfassung verletzt sei in ihren
wesentlichen Bestimmungen, und fortfahren: »Wir haben sie ja selber
redlich mitgekostet, die brennende Empfindung der Scham, wir von der
preußischen Partei außerhalb Preußens, die wir unsere stolzesten
deutschen Hoffnungen auf diesen Staat auch dann noch stützen werden,
wenn ein Bismarck der Zehnte in Preußen regierte, die wir ihn heute
umhergehen sehen gleich dem Schlafwandler, dem die gesunden Leute
schwindelnd nachschauen auf seiner halsbrechenden Bahn.« Und auch gegen
den König war ein solcher Haß erwacht, daß der Berliner Witz, als
er nach Karlsbad reiste, das Schmähwort fand, Lehmann — das war der
Spitzname des Monarchen — sei leberleidend abgereist und leider lebend
wiedergekommen.
Bismarck folgte dem König nach Karlsbad; er traf ihn später in
Regensburg und begab sich dann über Dresden, wo er mit Beust
verhandelte, um Sachsen für seine Politik zu gewinnen, über Salzburg
nach Gastein. Hier folgte alsbald die Entscheidung über den Fürstentag.
»Nun geht der Wahlschwindel los«, schrieb im September Bismarck an
Johanna. Die Wahlen haben die Opposition von neuem verstärkt. Gerade
in der Geburtsstunde der neuen Zeit, in der das Schleswig-Holsteinsche
Problem sich mit Macht in den Vordergrund drängen sollte, hat eine
Volksvertretung gestanden, die nichts von dem Flügelschlag dieser Zeit
verspürte und im öden Doktrinarismus so weit vorwärtsschreiten sollte,
daß sie die Mittel zum Kriege gegen Dänemark versagte.
[Illustration: (»Figaro«, Oktober 1863)]
Am 15. November 1863 starb König Friedrich =VII.= von Dänemark als
der Letzte seines Hauses; drei Tage später wurde sein Nachfolger, der
Glücksburger Christian =IX.=, durch Ministerium und Volk gezwungen,
die Verfassung zu unterzeichnen, die Schleswig von Holstein losreißen
und dauernd dem Dänenjoch unterwerfen sollte. — Konnte Deutschland
diese Herausforderung, diesen Bruch der Londoner Verträge ruhig
ertragen? Noch hatte man, als ein Patent des Königs Friedrich im März
für Holstein eine neue Verfassung oktroyierte, aus allgemeinen Gründen
der europäischen Lage einzugreifen vermieden, aber schon damals hatte
Bismarck den Volksvertretern erklärt: »Ich kann Ihnen versichern und
dem Ausland versichern, wenn wir es für nötig halten, Krieg zu führen,
so werden wir ihn führen mit oder ohne Ihr Gutheißen!« Aber es stand
für Bismarck von Anbeginn fest, daß er einen Krieg nicht führen werde,
um »im günstigsten Fall in Schleswig-Holstein einen neuen Großherzog
einzusetzen, der aus Furcht vor preußischen Annexionsgelüsten im
Bunde gegen uns steht und dessen Regierung ein bereitwilliges Objekt
österreichischer Umtriebe sein würde, ungeachtet aller Dankbarkeit,
die er Preußen für seine Erhebung schulden müßte.« Jetzt war der
psychologische Moment gekommen. In Holstein entstand eine gewaltige
Erregung, bewaffnete Freischaren standen auf, Adel und Bürgertum,
Demokraten und Legitimisten standen zusammen. Bismarck aber blieb
mitten in der Erregung kaltblütig und ruhig. Während die öffentliche
Meinung sich von Schlagworten leiten ließ, hielt er daran fest, daß nur
im Einvernehmen mit Österreich und den europäischen Mächten die Gefahr
eines allgemeinen Krieges vermieden werden könnte, bei dem Deutschland
seine Existenz einsetzen würde. Griff er aber zum Schwerte, so galt
es auch, die Länder für Preußen zu erwerben. Es war ein Meisterstück
Bismarcks, daß er Österreich mit sich verknüpfte, daß er es dazu
brachte, beim Bundestage die möglichst schnelle Exekution zu fordern.
Allerdings blieb Preußen das Land der Initiative, während Österreich
sich nur widerwillig forttreiben ließ.
[Illustration: Eisenblut: »Wer wird denn noch viel Umstände machen?
Marsch, in die Butte mit euch, ihr Fratzen, das ist die beste und
nationalste Lösung!« (»Figaro«, Juni 1863)]
Und der preußische Landtag? Bismarck forderte eine Staatsanleihe von
zwölf Millionen Talern. Eine Adresse war die Antwort, in der man
»ehrfurchtsvoll und dringend« bat, den Erbprinzen von Augustenburg als
Herzog von Schleswig-Holstein anzuerkennen und dahin zu wirken, daß der
deutsche Bund ihm in der Besitzergreifung und Befreiung seiner Erblande
wirksamen Beistand leiste. Am 22. Januar wurde die Anleihe mit 275
gegen 51 Stimmen verworfen.
Es war einer der heißesten Kämpfe, die Bismarck hier führte, reich an
scharfen Konflikten mit den Volksvertretern.
[Illustration: ~Bismarck am Pfahl mit Napoleon und Kaiser Wilhelm.~
1870. Nach einem Gemälde von A. Marie]