Die Dinge verstehe ich besser

Hier war es auch, wo er mit Virchow von neuem zusammentraf und ihn

auf die Beschäftigung mit der Anatomie verwies; hier war es, wo er

ihm auf die Bemerkung: »Ich will nur wünschen, daß es dem Herrn

Ministerpräsidenten gelingen möge, unter den Diplomaten Europas

eine ähnlich anerkannte Stellung zu finden, wie ich wenigstens

sagen kann, daß ich sie unter meinen Spezialkollegen gefunden

habe«, die Antwort gab: »Der Herr Vorredner hat gesagt, er wünsche,

daß ich dereinst in meinem Fache mich derselben Anerkennung

erfreuen möge wie er in dem seinigen. Ich unterschreibe diesen

Wunsch mit voller Aufrichtigkeit. Ich erkenne die hohe Bedeutung

des Herrn Vorredners in seinem Fache vollkommen an und gebe zu,

daß er in dieser Beziehung einen Vorsprung vor mir hat. Wenn aber

der Herr Vorredner sich aus seinem Gebiet entfernt und auf mein

Feld unzünftig übergeht, so muß ich ihm sagen, daß über Politik

sein Urteil ziemlich leicht für mich wiegt. Ich glaube wirklich,

meine Herren, ohne Überhebung, die Dinge verstehe ich besser.

(Große Heiterkeit.) Der Herr Vorredner hat gesagt, mir fehle das

Verständnis für die nationale Politik; ich kann ihm den Vorwurf

nur mit der Unterdrückung des Epithetons zurückgeben. Ich finde

bei dem Herrn Vorredner Verständnis für Politik überhaupt nicht.

Dieses Verständnis ist gewiß auch in anderen Ländern nicht weiter

verbreitet als bei uns (Unruhe), aber es findet sich in anderen

Parlamenten doch selten dieser Grad von Entschlossenheit im Bilden

und Aussprechen von Ansichten gepaart mit demselben Maße von

Unkenntnis der Dinge wie bei uns.«

Überhaupt ging Bismarck gerade in dieser Zeit mit aller Schroffheit

gegen die politischen Dilettanten vor, die ihm aus dem Wust ihrer

Theorien heraus und ohne irgendwelche Kenntnis der praktischen

Möglichkeiten täglich Steine in den Weg rollten. Hier prägte er den

klassischen Satz. »Es ist ein gefährlicher Irrtum, aber heute weit

verbreitet, daß in der Politik dasjenige, was kein Verstand der

Verständigen sieht, dem politischen Dilettanten durch naive Intuition

offenbar wird.« Mit den Worten: »Sagen wir uns von jeder Gemeinschaft

mit der Politik dieses Ministeriums los! Verwahren wir uns vor jedem

seiner Schritte, und geben wir dieser Verwahrung und Lossagung die

erste praktische Folge durch die Verwerfung der Anleihevorlage!«,

empfahl dennoch die Kommission des Landtags dem Plenum die Verwerfung

der Mittel für den Kampf um Schleswig-Holstein. Daß Bismarck »jetzt dem

Bösen verfallen ist und von ihm nicht wieder loskommen wird«, dieser

Satz des Herrn Virchow zeugte von der gleichen prophetischen Erkenntnis

wie die Behauptung des Grafen Schwerin, daß das eigentliche Motiv für

die Haltung Bismarcks die Furcht vor der Demokratie und die Besorgnis

vor dem Auslande sei.

Schwerer noch war der Kampf, den Bismarck mit seinem alten Herrn

führen mußte. »Ich weiß eigentlich nicht,« schrieb er an Roon, bevor

er zur entscheidenden Sitzung des Landtags ging, »was ich Ihnen sagen

soll, nachdem so gut wie klar ist, daß Se. Majestät auf die Gefahr

hin, mit Europa zu brechen und ein schlimmeres Olmütz zu erleben,

sich schließlich der Demokratie und den Würzburgern fügen will, um

Augustenburg einzusetzen und einen neuen Mittelstaat zu schaffen. Was

soll man da noch reden und schimpfen? Ohne Gottes Wunder ist das Spiel

verloren, und auf uns wird die Schuld von Mit- und Nachwelt geworfen.

Wie Gott will. Er wird wissen, wie lange Preußen bestehen soll. Aber

leid ist mir’s sehr, wenn’s aufhört, das weiß Gott!«

[Illustration: »~Störe ich?~«

Bismarck in Geschichte, Karikatur und Anekdote · 第 131 / 334 题