Wie gewaltig Bismarcks Arbeitslast in dieser Kampfzeit war, beweist
der Stoßseufzer Johannas in einem Brief an Herrn von Keudell vom
27. Januar 1863: »Diesen Schwirr von früh bis spät jeden und jeden
Tag vertrage ich kaum. Ich werde allgemach unausstehlich dabei, und
die Sorge um Bismarck seufzt ununterbrochen in den kläglichsten
Mollauten durch mein Herz. ... Man sieht ihn nie und nie — morgens
beim Frühstück fünf Minuten während Zeitungsdurchfliegens, also
ganz stumme Szene. Darauf verschwindet er in sein Kabinett, nachher
zum König, Ministerrat, Kammerscheusal, bis gegen fünf Uhr, wo er
gewöhnlich bei irgendeinem Diplomaten speist, bis acht Uhr, wo er
nur en passant guten Abend sagt, sich wieder in seine gräßlichen
Schreibereien vertieft, bis er um halb zehn zu irgendeiner Soiree
gerufen wird, nach welcher er wieder arbeitet bis gegen ein Uhr und
dann natürlich schlecht schläft. Und so geht’s Tag für Tag. Soll
man dabei nicht elend werden vor Angst und Sorge um seine armen
Nerven? Wie sich das Demokratenvolk gegen meinen besten Freund
benimmt, lesen Sie hinlänglich in allen Zeitungen. Er sagt, es
sei ihm ›=nitschewo=‹ (absolut gleichgültig), aber ganz kalt läßt
es ihn doch nicht.« — Ein kleiner Trost mochte es sein, daß doch,
wie die Gattin ein anderes Mal schreibt, »aus allen Provinzen
auch viele freundliche Adressen und Depeschen, Säbel, Kuchen,
Lorbeerkränze und Gedichte« als Zeichen der Liebe kamen. Gar
mancher erkannte ihn. So sagte Graf Limburg zu dem jungen Keudell:
»Es muß schön sein, der Fahne eines Mannes wie Bismarck zu folgen,
wenn sie auch in den Tod führen mag.«
[Illustration: ~Bismarck, der russisch-preußische Grenzgendarm~
Während des polnischen Aufstandes gilt Bismarck, der jedem Eintreten
für die Polen widerstrebt, als ein »Bedienter des Zaren«, als ein
Gendarm. (»Frankfurter Laterne«, März 1863)]
Die preußische Opposition machte sofort gegen Bismarck mobil. Die
Sentimentalität oder, wie Bismarck alsbald sagte, die Neigung, sich
für fremde Nationalitäten und Nationalbestrebungen zu begeistern, auch
dann, wenn sie nur auf Kosten des eigenen Vaterlandes verwirklicht
werden können, diese politische Krankheitsform, deren Verbreitung
sich auf Deutschland leider beschränkt, verlangte nach dem Worte.
Nicht einen Taler werde man zu einer solchen Politik diesen Ministern
bewilligen, erklärte der eine; der Gendarmendienst, den Preußen dem
Zaren leiste, müßte jedem Deutschen die Schamröte ins Angesicht
treiben, dozierte der zweite; Bismarck stecke ein Dorf an, um einen
Brief dabei zu lesen, meinte der dritte. Von dem Ausdruck »kurzsichtig«
bis zu dem Worte »verrucht« wurde jedes Epitheton gewählt, das den
Übergang vom Dummkopf zum Verbrecher bildet.