Bettelbriefe

»Auffallend«, schreibt Bismarcks Gehilfe von Keudell, »war

mir die Behandlung der zahlreichen Bettelbriefe. Wenn solche

den Eindruck wirklicher Not machten, wurde ich beauftragt die

Bittsteller aufzusuchen und kleine Unterstützungen zu spenden,

nicht etwa aus irgendeinem staatlichen Dispositionsfonds,

sondern aus den Privatmitteln des Ministers. Einmal mußte ich

einer in der Köpenicker Straße vier Treppen hoch wohnenden Witwe

fünfundzwanzig Taler (fünfundsiebzig Mark) überbringen, was mir für

die Privatverhältnisse des Gebers sehr hoch gegriffen schien. Ich

erlaubte mir abzuraten von dieser dilettantischen Armenpflege, die

immer neue unerfüllbare Ansprüche hervorrufen müßte. Die Antwort

lautete: »Wer sich in Not bittend an mich wendet, dem helfe ich,

soweit ich es mit meinen geringen Mitteln vermag.«

So rief Waldeck aus: »Wenn wir leider ein Staat sind, der bei

diesem Ministerium auf eine große Politik in Europa so wenig wie

auf eine klare und wahre und freie und redliche Politik im Inneren

irgendeinen Anspruch machen kann, so lassen Sie uns doch wenigstens zur

Menschlichkeit und Humanität halten.« Simson bezeichnete die Politik

der Regierung als »Donquichotterie«; Twesten erklärte, die Ehre der

Regierung sei nicht mehr die Ehre des Staates und des Landes. Aus der

Rede aber, die Bismarck am 6. Februar 1888 gehalten hat, wissen wir

es, daß es nur seiner Entschlossenheit zu verdanken war, daß damals

an Frankreich und Österreich von russischer Seite aus nicht der Krieg

erklärt wurde, in den Preußen unweigerlich hineingerissen werden mußte.

Es ist zu mancher heftigen Szene gekommen, vor allem, als der

Vizepräsident Behrend auf die Anklage Bismarcks gegen Herrn von

Unruh, daß er dem Auslande zurufe: »Kommt her, der Augenblick ist

günstig, Preußen zu überfallen«, den Minister zur Ruhe verweisen

wollte. Bismarck lehnte es ab, schroff und fast verletzend, sich der

Disziplinargewalt des Präsidenten zu fügen: Er ergreife das Wort kraft

der von Sr. Majestät ihm verliehenen Autorität; er könne das Wort zu

jeder Zeit verlangen und müsse es erhalten und gehört werden. Niemand

habe das Recht, ihn zu unterbrechen. Unter stürmischer Empörung des

Hauses wiederholte Bismarck seine Anklage. Der Haß gegen ihn schien den

Zenit erreicht zu haben.

Bismarck in Geschichte, Karikatur und Anekdote · 第 126 / 334 题