Ein König als Kabinettskurier

»Es wurde mir nicht leicht, den König zum Fernbleiben von Frankfurt

zu bestimmen. Ich bemühte mich darum auf der Fahrt von Wildbad

nach Baden, wo wir im offenen kleinen Wagen, wegen der Leute vor

uns auf dem Bock, die Deutsche Frage französisch verhandelten.

Ich glaubte den Herrn überzeugt zu haben, als wir in Baden

anlangten. Dort aber fanden wir den König von Sachsen, der im

Auftrage aller Fürsten die Einladung nach Frankfurt erneuerte (19.

August). Diesem Schachzug zu widerstehen, wurde meinem Herrn nicht

leicht. Er wiederholte mehrmals die Erwägung: »Dreißig regierende

Herren und ein König als Kurier!« und er liebte und verehrte den

König von Sachsen, der unter den Fürsten für diese Mission auch

persönlich der berufenste war. Erst um Mitternacht gelang es mir,

die Unterschrift des Königs zu erhalten für die Absage an den

König von Sachsen. Als ich den Herrn verließ, waren wir beide

infolge der nervösen Spannung der Situation krankhaft erschöpft,

und meine sofortige mündliche Mitteilung an den sächsischen

Minister von Beust trug noch den Stempel dieser Erregung. Die

Krisis war aber überwunden, und der König von Sachsen reiste

ab, ohne meinen Herrn, wie ich es befürchtet hatte, nochmals

aufzusuchen. — Die durch die Ablehnung erzeugte Verstimmung war

nach meinen Eindrücken hauptsächlich der Antrieb, der das Wiener

Kabinett zu einer Verständigung mit Preußen im Widerspruche mit der

bundestägigen Auffassung leitete. Diese neue Richtung entsprach

dem österreichischen Interesse, auch wenn sie länger beibehalten

worden wäre. Dazu wäre vor allem erforderlich gewesen, daß Rechberg

am Ruder blieb. Wäre damit eine dualistische Führung des Deutschen

Bundes hergestellt worden, der sich die übrigen Staaten nicht

versagt haben würden, sobald sie die Überzeugung gewonnen hätten,

daß die Verständigung der beiden Vormächte ehrlich und dauerhaft

war, so würden auch die Rheinbundgelüste einzelner süddeutscher

Minister, die am schärfsten, was auch Graf Beust in seinen

Denkwürdigkeiten sagen mag, in Darmstadt zum Ausdruck kamen, dem

österreichisch-preußischen Einfluß gegenüber verstummt sein.«

In diesen heißen Tagen schrieb Bismarck der Gattin: »Was auch die

Nachwehen des Frankfurter Fürstentages noch zu tun geben, kannst Du

wohl denken. Wenn Könige bauen, haben die Kärrner zu tun, und wenn

sie niederreißen, denn viel mehr ist ihr gegenwärtiger Bauversuch

leider noch nicht, auch. Wenn die Fürsten ein Wettlaufen mit dem

Nationalverein anstellen, dann kriegen wir armen Diplomaten und

Halbdiplomaten viel Staub zu schlucken.« Ist es ein Wunder, daß

er an diesen Tagen den Wunsch ausspricht, irgendeine Intrige möge

jetzt ein anderes Ministerium durchsetzen, damit er mit Ehren diesem

ununterbrochenen Tintensturm den Rücken drehen und still auf dem

Lande leben könne? »Die Ruhelosigkeit der Existenz«, so schreibt er,

»ist unerträglich; seit zehn Wochen im Wirtshause Schreiberdienste

und in Berlin wieder; das ist kein Leben für einen rechtschaffenen

Landedelmann, und ich sehe einen Wohltäter in dem, der mich zu

stürzen sucht. Dabei brummen und kitzeln und stechen die Fliegen hier

im Zimmer, daß ich dringend Änderung meiner Lage wünsche, die mir

allerdings in wenig Minuten mit dem Berliner Zug ein Feldjäger mit

fünfzig inhaltlosen Depeschen bringen wird.«

An den Frankfurter Fürstentag knüpfte sich Bismarcks großes deutsches

Programm vom 15. September. Es war der Gegenschlag gegen die Politik

von Wien. Ihr Kernpunkt ist der Zwiespalt zwischen Preußens Stellung

als Großmacht und einer Verfassung Deutschlands, der jeder Bundesstaat

sich unterwerfen muß. Preußen bedarf voller Selbständigkeit, jetzt soll

eine Mehrheitsabstimmung die Bundesglieder dem Bund unterwerfen. Das

vernichte die preußische Souveränität und bedrohe Preußens Stellung

als Großmacht. Das Element, das berufen sei, die Sonderinteressen

der einzelnen Staaten im Interesse der Gesamtheit zu vermitteln,

werde wesentlich nur in der Vertretung der deutschen Nation gefunden

werden können. Nicht in einer Versammlung von Bundesabgeordneten aus

den einzelnen Landtagen, sondern nur »in einer wahren, aus direkter

Beteiligung der ganzen Nation hervorgehenden Volksvertretung«. »Jedes

Wort in dieser Denkschrift«, sagt Max Lenz, »glich einer Schwertspitze,

die auf die Brust des Rivalen gerichtet war.« Und in der Tat war in

einer solchen Verfassung für Österreich kein Raum mehr, war ein Keil in

den Bund geschoben, der ihn auseinandertreiben mußte und den nur das

Eisen wieder zusammenfügen konnte.

Aber die Verkündung Bismarcks wurde in Deutschland und vor allem in

Preußen, wie gesagt, mit dem lautesten Hohn aufgenommen. War doch im

preußischen Parlamente der Konflikt immer heißer entbrannt. Jeder

Versuch, eine Versöhnung zu schaffen, scheiterte an dem Doktrinarismus

der Gegner. Und auch die Weisheit, daß das ganze Verfassungsleben eine

Reihe von Kompromissen sein muß und daß, wenn der Kompromiß dadurch

vereitelt wird, daß eine der beteiligten Gewalten ihre eigene Ansicht

mit doktrinärem Absolutismus durchführen will, daß dann Konflikte

entstehen und solche Konflikte, da das Staatsleben nicht stillzustehen

vermag, zu Machtfragen werden, überzeugte die Volksvertreter nicht von

der Schwäche ihrer Situation. Schon die Rede, mit der Präsident Grabow

das Hoch auf den König ausbrachte, war mit den schwersten Anklagen

erfüllt, und die Antwort auf die Thronrede waren zwei Adressen, von

denen die des Herrn Virchow in den schärfsten Wendungen von einer

Verfassungsverletzung sprach. Schon in der Kommission erklärte darum

Bismarck sofort, es gebe eine Grenze für das, was ein König von

Preußen anhören könne. Werde die Adresse angenommen, so würde er dem

König raten, sie abzulehnen. Leidenschaftlich erregt war auch die

Debatte im Plenum. Der preußische Landtag, so rief Bismarck aus, sei

kein englisches Parlament. Er sei nicht berechtigt, dem königlichen

Hause seine verfassungsmäßigen Regierungsrechte abzufordern, um

sie der Majorität des Parlamentes zu übertragen. »Das preußische

Königtum hat seine Mission noch nicht erfüllt, es ist noch nicht

reif dazu, einen rein ornamentalen Schmuck Ihres Verfassungsgebäudes

zu bilden, noch nicht reif, sich als ein toter Maschinenteil dem

Mechanismus des parlamentarischen Regimentes eingefügt zu wissen.«

Als aber Herr Virchow höhnte: »Ja, meine Herren, es gibt eine Art

von preußischer Sprache, das ist diejenige, welche die Herren vom

Ministertische gegenwärtig reden; es ist aber die Sprache, welche

man in der ganzen Welt nicht versteht«, da verwahrte sich der stolze

preußische Junker dagegen, daß man das Wort »preußisch« als eine Art

von Schimpfwort benutze, und schneidend rief er in den Saal: »Meine

Herren, ich bin stolz darauf, eine preußische Sprache zu reden, und

Sie werden dieselbe noch oft von mir hören.« Die Adresse wurde mit

zweihundertfünfundfünfzig gegen achtundsechzig Stimmen angenommen.

Der König aber ließ durch seinen Minister erklären, daß er sich nicht

bewogen fühle, eine Deputation des Hauses zu empfangen. König Wilhelm

trat mit Würde und Kraft seinen Ministern bei; er übernahm in gewissem

Sinn auch äußerlich die volle Verantwortung für das, was geschah.

[Illustration: ~Der deutsche Jordan~

Bismarck, hinabtauchend in die düsteren Fluten der deutschen

Bundesreform, die das allgemeine Stimmrecht bringen sollte und durch

das berühmte Rundschreiben vom 24. März angekündigt worden war. (»Hum.

Listy«, April 1866)]

Nun aber trat noch eine neue Verschärfung in das Verhältnis zwischen

Regierung und Volksvertretern: Die polnische Rebellion warf neuen

Zündstoff in das Feuer. Schon vorher hatte man die Auswärtige Politik

auf das schärfste bekämpft, und selbst ein Mann wie Sybel verstieg

sich zu der Bemerkung, die Kleinodien unserer Vergangenheit würden

unter den Händen Bismarcks verfälscht, und der Blick in die Zukunft

sei von Grund auf verdüstert; eine preußische Regierung, die den

Aufgaben des Volkes im neunzehnten Jahrhundert gewachsen sein solle,

müsse verstehen, große und ideale Ziele aufzustecken und so das Volk

um ihr Banner zu versammeln! Und ein anderer Volksvertreter rief aus,

daß, was auch dieses Ministerium in der Auswärtigen Politik unternehmen

möge, jede seiner Unternehmungen mit Unfruchtbarkeit geplagt sein wird,

denn es zählen nur die neugeschaffenen Bataillone und nicht die Herzen

des Volkes. Preußen stehe geschwächt durch innere Zerwürfnisse und

belastet mit dem Mißtrauen Deutschlands isoliert in der Welt, ~ohne

einen schöpferischen Gedanken~; es werde gezwungen sein, unter das

kaudinische Joch zu wandern und sich Österreichs Führung unterzuordnen.

Erst eine spätere Zeit werde Preußens guten Genius von neuem enthüllen,

aber nicht mit Blut und Eisen, und nicht mit Donner und Blitz, sondern

mit dem friedlichen Sonnenschein eines verfassungstreuen, auf Freiheit

und Recht begründeten Regimentes. Da hat Bismarck seinen Anklägern

zugerufen, daß, wenn die Notwendigkeit eintreten sollte, die Ehre und

Unabhängigkeit Preußens zu wahren, sie selbst gar nicht in der Lage

wären, die Mittel der Abwehr gegen das Ausland zu verweigern, in deren

Mangel sie jetzt eine Schwäche der Auswärtigen Politik erblickten.

[Illustration: ~Die neue Allianz zwischen Rußland und Preußen oder:

Endlich eine Aktion nach außen~

Am 1. Februar 1863 sandte Bismarck den General von Alvensleben nach

Petersburg zum Abschluß der »Punktationen« zu gegenseitiger Hilfe gegen

die polnische Revolution. (»Figaro«, Februar 1863)]

Die Volksvertreter aber wollten Preußen zunächst durch die Förderung

Polens zur Größe führen. In der Hoffnung auf Napoleons Unterstützung,

verhetzt vom kleinen und großen Adel, waren die Polen in Warschau

zur Rebellion geschritten. Mieroslawski war ihr Führer. Bald war der

Aufstand bis an die Grenzen verbreitet. Bismarck warnte zuerst die

preußischen Polen mit allem Nachdruck vor der Teilnahme, und als die

Unruhen dennoch sich herüberzuziehen drohten, da schloß er am 8.

Februar eine Konvention mit Rußland ab zum gemeinsamen Handeln gegen

die Rebellen. Denn seinem klaren, realpolitischen Blick konnte es nicht

entgehen, daß ein Sieg der Polen in Rußland eine Kette von Unruhen

auch in den preußischen Ostprovinzen hervorrufen und daß bald auch

der Anspruch auf Westpreußen, Posen und ein Teil von Pommern erhoben

werden würde. Er wußte ebenso, welche Folgen für die russische Politik

eine Begünstigung der Polen durch das Berliner Kabinett hervorrufen

werde, und daß in allen kommenden Zeiten und Kämpfen die wohlwollende

Neutralität Rußlands durch direkte Feindseligkeit ersetzt werden

würde. Was der Dilettant, der als Kanzler sein Nachfolger wurde,

leichtsinnig erwirkte, das hat Bismarck drei Jahrzehnte verhindert: die

enge Fühlung zwischen Rußland und Frankreich. Gustav von Alvensleben

schloß im Auftrage Bismarcks das Abkommen mit Rußland, tat den

Schachzug, der die Partie entschied: Der Zar nahm von Anfang an seine

Stellung neben Preußen, die Pariser Diplomatie jedoch, die sich von

Bismarck abgedrängt sah, war tief entrüstet und drohte sogar, daß nur

die Entlassung Bismarcks das Kaiserliche Kabinett zufriedenstellen

werde. Auch der Zorn Englands war groß. Europa, so sagte der britische

Vertreter am Berliner Hofe, werde es nicht dulden, daß die Konvention,

die Preußens Kraft dem Zaren zur Unterdrückung der Rebellen zur

Verfügung stellte, ausgeführt würde. Bismarcks Antwort war die kurze

Frage: »Wer ist Europa?« Als der Engländer, etwas verlegen, erwiderte:

»Verschiedene große Nationen«, replizierte der preußische Staatsmann:

»Sind sie bereits darüber einig?«

Bismarck in Geschichte, Karikatur und Anekdote · 第 124 / 334 题