»Man kann sich vorstellen, mit welchen Gedanken und mit welcher
Zurückhaltung ich mich dem Manne näherte, der damals liberalerseits
als der wahre aristokratisch-feudale Unhold angesehen wurde.
Serviler Landjunker, eingefleischter Aristokrat, Jagdbummler,
leichtsinniger Spieler — das waren so etwa die Bezeichnungen, mit
denen man den neuen Ersten Minister Preußens bedachte. Und ich
selbst, wenn ich auch mein Urteil weit freier gehalten hatte,
stand doch unter dem Eindruck der allgemeinen Meinung. Wie war
ich daher erstaunt, in wenig Minuten ein ganz anderes Bild in der
Seele zu haben, als womit ich das Zimmer des Ministers betreten
hatte. Keine Spur von aristokratischem Übermut, borniertem
Junkertum, feudaler Einseitigkeit, prinzipieller Verranntheit,
diplomatischer Zurückhaltung. Eine hohe, starke, aber geschmeidige
Kraftgestalt kam mir freundlichst bis an die Tür entgegen, reichte
mir die Hand, rückte mir einen Sessel zurecht und sagte mit dem
gewinnendsten Lächeln: ›Na, Sie werden ja auch schon mißliebig bei
den Demokraten.‹«
Jetzt trat auch die ~Deutsche Frage~ an Bismarck heran. Die
Möglichkeiten, die sich boten, mußten entweder in der gemeinsamen
Beherrschung Deutschlands durch die beiden Großmächte gipfeln,
oder in einer Teilung Deutschlands nach der Mainlinie, oder in der
gänzlichen Ausschließung Österreichs. Bismarck wog sie ab, prüfte sie
nach Kosten und Gefahren, sprach aber schon in seiner weltberühmten
Unterredung mit dem Grafen Karolyi es offen aus, daß er mit einer
kriegerischen Entscheidung rechne, daß selbst ein Bündnis Preußens mit
einem Gegner Österreichs nicht ausgeschlossen sei. Wie frappierend
war jene Offenheit, mit der er hier schon die Entscheidung der
großen, zwischen Preußen und Österreich schwebenden Fragen auf das
Schlachtfeld verwies! Mit der er die Annexion Hannovers als Bedingung
künftigen Gedeihens aufstellte! Schon dem Botschafter Österreichs in
Paris, dem jüngeren Metternich, hatte Bismarck erklärt, er sehe keinen
Grund, warum Preußen in Österreich etwas anderes sehen solle als eine
fremde Macht; gegen die Phrasen vom »Bruderkrieg« sei er stichfest,
er kenne keine andere als ungemütliche Interessenpolitik, Zug um Zug
und bar. Als aber Graf Karolyi von den traditionellen Einflüssen des
Kaiserhauses auf die deutsche Regierung sprach, da rief ihm Bismarck
das schneidende Wort entgegen: »Nun, so verlegt euren Schwerpunkt nach
Ofen.«
Es hatte sich hier um das österreichische Projekt einer
Delegiertenversammlung zum Bundestage gehandelt, das die Berliner
Regierung entschlossen bekämpfte. Am 22. Januar sollte die Entscheidung
in Frankfurt fallen, und Bismarck siegte. Als er allerdings die
nationale Forderung eines aus dem Volkswillen hervorgehenden
Parlamentes aufnahm, da wurde dieses Versprechen in ganz Deutschland
mit Hohn begrüßt, und ein Leipziger Gelehrter nannte Bismarck überzeugt
eine »frivole Bestie«.
Bismarcks Tendenz war deutlich: Er wollte die Kompetenz des
Bundesstaates auf ein möglichst geringes Maß beschränken; wer
auf deutschem Boden Besseres verlange, könne es nur durch freie
Vereinbarung gleichartiger Staaten zu einer engeren Gemeinschaft
innerhalb des Bundes, also durch die Errichtung eines Bundesstaates im
Staatenbunde erlangen. Eine bestimmte Entschließung freilich über die
Art und Form der für die Zukunft anzustrebenden deutschen Verfassung
hatte Bismarck damals schwerlich schon gefaßt. Nur wußte er, daß
eine friedliche Umgestaltung unmöglich sei: »Jeder andere Krieg,«
sagte er wohl, »den Preußen vor diesem österreichischen führte, wäre
die reinste Munitionsverschwendung.« In voller Klarheit eben dieser
Notwendigkeit ging er mit einer ungeheueren Folgerichtigkeit vor,
immer nur das Gesetz im Auge, daß Preußen vorwärtsschreiten muß,
niemals zurückweichen darf. Daß die Spannung zwischen den beiden
deutschen Großmächten immer schärfer wurde, berührte ihn nicht, und
als Kaiser Franz Joseph noch einmal den Versuch machte, auf dem
Fürstentage zu Frankfurt, wohin er alle deutschen Fürsten lud, in die
Beratung über eine neue deutsche Bundesverfassung zu treten, die ein
Bundesdirektorium von fünf Mitgliedern und ein Bundesparlament aus
Delegierten der deutschen Kammern mit beratender Stimme vorsah, da
war es Bismarck, der das Gelingen dieses Planes mit eisernem Willen
durchkreuzte und auch den widerstrebenden König von Preußen in seine
Gefolgschaft zwang. Er war zum Bruch entschlossen. »Ich betrachte«,
schrieb er an Herrn von Sydow, »das österreichische Reformprojekt als
eine Schaumwelle, mit welcher Schmerling dem Kaiser eine glänzende
Geburtstagsfeier mit weißgekleideten Fürsten arrangiert. Von dem
Dampf der Phrasen entkleidet, ist des Pudels Kern ein so dürftiger,
daß man dem Volke lieber nicht praktisch vordemonstrieren sollte, wie
nicht einmal das zustande kommt.« Und in einer Denkschrift an den
König stellte Bismarck den deutschen Bund als einen altersschwachen
Greis dar: Die deutschen Regierungen könnten nebeneinander nur noch
fortleben im Vorgefühl naher Katastrophen. Der Boden der Bundesverträge
schwanke unter den Füßen dessen, der sich auf ihn stelle. Der Bau der
vertragsmäßigen Ordnung der Dinge zeige überall Risse und Spalten,
und der bloße Wunsch, daß die morschen Wände den nächsten Sturm noch
aushalten mögen, könne ihm die dazu nötige Festigkeit nimmermehr
zurückgeben.
Der Fürstentag hat dennoch stattgefunden. Er wurde von Kaiser Franz
Joseph am 17. August eröffnet, obwohl Bismarck erklärte, rücksichtslos
und schroff, es entspreche der Würde seines Herrn nicht, an einer
Versammlung teilzunehmen, deren wichtiger Zweck nicht vorher mit ihm
beraten worden wäre. Noch einmal aber suchte man auf König Wilhelm
zu wirken. Vor allem erhoben sich die weiblichen Einflüsse, um
seinen Entschluß zu durchbrechen. Die bayrische Königin Marie, die
Königinwitwe Elisabeth faßten ihn »beim Rüssel der Weltgeschichte«, von
Koburg, von London aus wurden Einflüsse auf ihn geltend gemacht, aber
zum zweitenmal faßte der kühne Staatsmann seinen König beim preußischen
Portepee, indem er ihm erklärte, wenn der König nach Frankfurt gehe,
so werde er ihm zwar folgen, aber nicht mehr als Minister nach Berlin
zurückkehren. Der ablehnende Brief wurde geschrieben und von Bismarck
dem König Johann von Sachsen, der persönlich nach Baden gekommen war,
König Wilhelm zu überreden, überreicht. Wie aber in seinem Inneren der
Zorn über die lange Spannung kochte, beweist die Tatsache, daß er,
als hinter dem Sachsen sich die Türe geschlossen hatte, einen auf dem
Tische stehenden Teller mit Gläsern zusammenschlug. »Ich mußte etwas
zerstören,« sagte er, »jetzt habe ich wieder Atem.«
[Illustration: König Wilhelm und Bismarck als Totengräber des Deutschen
Bundes
(»Figaro«, August 1866)]
Über die Schwierigkeiten, die ihm die Neigung des Königs, nach
Frankfurt zu wandern, bereitet hatte, berichtet Bismarck in seinem
Gedenkbuch: