Massenweis dumm

»=I hate politics=, aber, wie Du sehr richtig sagst, =like the

grocer hating figs= (ich hasse die Politik, wie die Krämer die

Feigen), aber ich bin nichtsdestoweniger genötigt, meine Gedanken

unablässig mit jenen =figs= zu befassen. Auch in diesem Augenblick,

während ich Dir schreibe, habe ich die Ohren davon voll. Ich

bin genötigt, ungewöhnlich abgeschmackte Reden aus dem Munde

ungewöhnlich kindischer und aufgeregter Politiker anzuhören, und

habe dadurch einen Augenblick unfreiwilliger Muße, die ich nicht

besser benützen kann, als indem ich Dir von meinem Wohlbefinden

Nachricht gebe. Ich habe niemals geglaubt, daß ich in meinen reifen

Jahren genötigt werden soll, ein so unwürdiges Gewerbe wie das

eines parlamentarischen Ministers zu betreiben. Als Gesandter hatte

ich, obschon Beamter, doch das Gefühl, ein =gentleman= zu sein.

Als Minister ist man Helot. Ich bin heruntergekommen und weiß doch

selber nicht wie.

April 18. — So weit schrieb ich gestern, dann schloß die Sitzung;

fünf Stunden Kammer bis drei Uhr, dann eine Stunde Reiten, eine

Stunde Vortrag bei Seiner Majestät, drei Stunden auf einem

langweiligen Diner, =old important Whigs=, dann zwei Stunden

Arbeit, schließlich ein Souper bei einem Kollegen, der es mir

übel genommen hätte, wenn ich seinen Fisch verschmäht hätte. Heut

früh kaum gefrühstückt, da saß mir Karolyi schon gegenüber; ihn

lösten ohne Unterbrechung Dänemark, England, Portugal, Rußland,

Frankreich ab, dessen Botschafter ich darauf aufmerksam machen

mußte, daß es für mich Zeit sei, in das Haus der Phrasen zu gehen.

In diesem sitze ich nun wieder, höre die Leute Unsinn reden und

beendige meinen Brief; die Leute sind alle darüber einig, unsere

Verträge with Belgien gutzuheißen, und doch sprechen zwanzig

Redner, schelten einander mit der größten Heftigkeit, als ob jeder

den anderen umbringen wollte; sie sind über die Motive nicht einig,

aus denen sie übereinstimmen, darum der Zank; echt deutsch,

leider, Streit um des Kaisers Bart, =querelle d’Allemand=; etwas

davon habt Ihr =Anglo-Saxon Yankees= auch. Wißt Ihr eigentlich,

aber genau, warum Ihr so wütend Krieg miteinander führt? Alle

wissen es gewiß nicht; aber man schlägt sich =con amore= tot,

das Geschäft bringt’s halt so mit sich. Euere Gefechte sind

blutig, unsere geschwätzig; die Schwätzer können Preußen wirklich

nicht regieren, ich muß dem Widerstand leisten, sie haben zu

wenig Witz und zu viel Behagen, dumm und dreist. Dumm in seiner

Allgemeinheit ist nicht der richtige Ausdruck; die Leute sind,

einzeln betrachtet, zum Teil recht gescheit, meist unterrichtet,

regelrechte deutsche Universitätsbildung, aber von der Politik,

über die Kirchturminteressen hinaus, wissen sie so wenig wie wir

als Studenten davon wußten, ja noch weniger, in auswärtiger Politik

sind sie auch einzeln genommen Kinder; in allen übrigen Fragen

aber werden sie kindisch, sobald sie =in corpore= zusammentreten,

massenweis dumm, einzeln verständig.« — Der übrige Teil des Briefes

ist englisch geschrieben, in der Nacht, ehe Bismarck im Bett »des

müden Leibes süßen Krafterneuerer« aufsucht. Er will den Brief

zerreißen, da dieser unter dem lärmenden Getöse des Parlamentes

doch nur eine Folge trauriger Gemeinplätze festgelegt habe, aber

da er in seinem dornenvollen Schicksale doch keinen ungestörten

Augenblick und keine passendere Gemütsstimmung zu finden wagt,

so denkt er, wie Pontius Pilatus: »Was ich schrieb, das schrieb

ich.« — »Diese Tropfen meiner eigenen Tinte«, fährt er englisch

fort, »sollen Dir wenigstens beweisen, daß meine Gedanken, wenn

allein gelassen, hurtig zu Dir eilen. Ich gehe nie an unserem alten

Logierhause in der Friedrichstraße vorüber, ohne zu den Fenstern

aufzuschauen, die einst geschmückt zu sein pflegten mit einem Paar

roter Pantoffeln, die auf dem Fensterbrett aufrechtgehalten wurden

von den Füßen eines Herrn (gentleman), der in Yankee-Weise dasaß

(d. h. während er die Beine hochhielt), mit dem Kopf drunten und

außer Sicht. Meine Frau ist sehr verbunden für Dein freundliches

Gedenken. Die Meinen sind leidlich wohl.« »Gott sei Dank«, schließt

der Brief deutsch. »Nun leb herzlich wohl. Ich kann so spät am

Abend eine so unorthographische Sprache wie Englisch nicht länger

schreiben. Aber, bitte, versuche Du es bald wieder. Deine Hand

sieht aus wie Krähenfüße, ist aber sehr leserlich; meine auch? Dein

treuer alter Freund v. Bismarck.«

[Illustration: Man verhöhnt Bismarck, der doch durch die berühmte

Entsendung eines Feldjägers nach Kassel den Kurfürsten zur

Nachgiebigkeit gegen die Stände gezwungen und dem Willkürregiment ein

Ende gemacht hatte. (»Frankfurter Laterne«, Januar 1863)]

Noch einmal mußte Bismarck auch nach Paris zurückkehren, um sich von

dem Kaiser Napoleon zu verabschieden. Kurz vorher hatte er seinen

Einzug in das Haus in der Wilhelmstraße gehalten, das ihm länger

als ein Vierteljahrhundert ein Heim bieten sollte. In Paris hat er

wiederholte Besprechungen mit den leitenden Ministern gehabt. Am 1.

November hat er sich dann in Saint-Cloud vom Kaiser nach einer langen

Unterredung verabschiedet, auf die man später wohl das Versprechen

Napoleons zurückgeführt hat, in einem Kriege Preußens gegen Österreich

die Neutralität zu wahren. Als er heimgekehrt war, bot sich ihm

dann sofort die Gelegenheit, in einen deutschen Hader mit solcher

Schneidigkeit einzugreifen, daß noch heute die Episode, die sich

hieran knüpfte, als ein Glanzpunkt seines Wirkens bezeichnet wird.

Es handelte sich um die ~Hessische Frage~. Auch hier stritt die

Regierung gegen die Stände, und sicherlich rechnete der Kurfürst

auf die Wendung der Dinge in Berlin, als er versuchte, den Ständen

die verfassungsmäßigen Rechte zu verkürzen. Dreimal war die Kammer

aufgelöst, aber immer wieder gewählt worden. Preußen hatte gedroht,

hatte zwei Armeekorps mobilisiert, aber der Kurfürst blieb hartnäckig,

und erst als mit der Okkupation gedroht wurde, stellte er zwar die

Verfassung wieder her, löste aber dennoch die jetzt neugewählte

Kammer wieder auf. Da sandte Bismarck am 26. November 1862, da ja der

diplomatische Verkehr abgebrochen sei, einen Feldjäger Litt nach Kassel

mit einem energischen Schreiben, und der Konflikt war gelöst. Friedrich

Ötker, der damals den Rat Bismarcks einzuholen ging, schildert ihn in

diesen Tagen:

[Illustration: ~Die verfolgte Unschuld~

»Ach! ach! ach! Man will uns unsere Machtstellung in Deutschland

verkümmern.« (»Frankfurter Laterne«, September 1863)]

Bismarck in Geschichte, Karikatur und Anekdote · 第 122 / 334 题