Der Ölzweig von Avignon

Am 5. September 1862 speiste Herr von Bismarck, damals auf einer

Reise durch die Pyrenäen begriffen, mit Herrn Lüning, einem

Frankfurter Patrizier, und seiner jungen Frau im Hotel Beau Séjour

in Avignon und machte nach der gemeinsamen Table d’hote mit dem

Hochzeitspaar einen Ausflug in die Umgebung. Hier empfing Bismarck,

als er neben der jungen Dame im Fond der Equipage Platz genommen

hatte, eine Depesche aus Berlin. Man fuhr über die prächtige

Kettenbrücke am Rhoneufer entlang bis hinaus, wo zwischen reizenden

kleinen Besitzungen die Weinberge mit den Olivenhainen wechseln.

Hier stieg man aus und promenierte in der balsamischen Luft.

Madame Lüning brach einen Doppelzweig von einem jungen Ölbaum,

überreichte ihn graziös Herrn von Bismarck und meinte: »Möchte er

Ihnen als Friedenskündiger mit Ihren Gegnern nützlich sein.« — »Ich

akzeptiere nur die Hälfte«, erwiderte dieser lächelnd, und eine

Rose brechend und ihr die andere Hälfte des Zweiges als dunkle

Folie gebend, fügte er hinzu: »Die andere Hälfte hinter dieser Rose

künde Ihnen, gnädige Frau, den ewigen Frieden in Ihrer glücklichen

Ehe!« Herr von Bismarck zog eine kleine Brieftasche hervor und

barg darin sorgfältig den Ölzweig. Als man aber in der Kommission

nur ein Lächeln für seine Worte hatte, da zerdrückte seine Rechte

krampfhaft das Zweiglein mit den welken Blättern und ließ den Staub

zur Erde sinken.

Nur wenige verstanden Bismarck, nur wenige folgten ihm. Und doch konnte

schon damals ein kluges Auge erkennen, daß es seine Absicht war, den

»Souveränitätsschwindel des Parlamentes durch eine starke Auswärtige

Politik aus dem Sattel zu heben«. Wie er sie durchführen wollte?

Vorsichtig bei aller Leidenschaft. »Ich treibe jetzt«, so sagte er

einmal, »Auswärtige Politik, wie ich früher auf die Schnepfenjagd ging,

und setze nicht eher den Fuß vorwärts, als bis ich den Dülten, auf den

ich treten will, als sicher und tragfähig erprobt habe.«

Bismarcks Wort von Blut und Eisen traf nur auf Hohn. In der »Kölnischen

Zeitung« war über die Sitzung und die »geflügelten Worte« des neuen

Ministers zu lesen: »Zunächst tat das eine überraschende Wirkung; wir

sind von preußischen Ministern lange nicht mehr an viel Geist gewöhnt.

Hier nun sprudelte etwas davon. Aber als man dazu kam, da war’s kein

Wein, höchstens Soda.« Und der »Kladderadatsch« brachte folgendes

Gedicht:

Bismarck in Geschichte, Karikatur und Anekdote · 第 119 / 334 题