Kavalier-Politik

Wohl hab’ ich einst manch ernstes Wort gehört,

Und zwar in »sonst gut unterrichteten« Kreisen:

Der eine drohte »mit gezogenem Schwert«,

Der andere prophezeit von »Blut und Eisen«.

Ernst und bedenklich glaubt’ ich anfangs dran;

Jetzt weiß ich’s besser und will mich nicht grämen.

Hat uns ein Weiser doch geraten: man

Muß die Konflikte nicht zu tragisch nehmen!

Zwar stehn in nie versöhntem Gegensatz

Zum Kampf bereit die Träger zweier Zeiten;

Nur einer kann behaupten noch den Platz,

Auf Tod und Leben gilt’s, ein hartes Streiten.

Zwar immer bittrer wird der alte Groll,

Und immer schwieriger der Haß zu zähmen;

Er aber spricht, harmlosen Scherzes voll:

Man muß die Sachen nicht zu tragisch nehmen!

Man muß nur etwa nicht als Staatsphantast

Noch träumen groß von idealen Zielen;

Das einz’ge, was dem wahren Staatsmann paßt:

Die große Kunst ist’s, mit dem Volk zu spielen.

Mein Spruch: =Toujours fidèle et sans souci!=

Und wenn mir gar zu ernst die Dinge kämen,

Dann — nun, dann — nimmt Manteuffel die Partie.

Man muß die Sachen nicht zu tragisch nehmen!

Er lebe hoch, der weise Staatsmann, der

Dies große Wort gelassen ausgesprochen!

Als »Zivilisationsstaatssekretär«

Hat er dem Frieden neue Bahn gebrochen.

Die Sachen freilich müssen leider wir

Zu nehmen, wie sie sind, uns schon bequemen.

Ihn selber aber, Sohn, das rat’ ich dir —

Ihn selber mußt du niemals tragisch nehmen!

Selbst König Wilhelm war über Bismarcks Äußerung so erschreckt,

daß der Minister sich genötigt sah, seinem Souverän, der in Baden

den Geburtstag seiner Gemahlin im engsten Familienkreise feierte,

entgegenzufahren. So ist es zu einer der erschütterndsten Szenen

unserer neuen Geschichte gekommen, zugleich zu einem jener steilen

Gipfelpunkte im Dasein Bismarcks, die noch höher ragen als all die

gewaltigen Kuppen, über die ihn sein Weg geführt hat. Hier mag

Bismarcks Erinnerung sprechen!

[Illustration: ~Bismarck~ (=Marrons sculptes=). (Französisches

Flugblatt)]

»Können wir anständiger umkommen?«

»In den ersten Tagen des Oktobers fuhr ich dem Könige, der sich zum

30. September, dem Geburtstage seiner Gemahlin, nach Baden-Baden

begeben hatte, bis Jüterbog entgegen und erwartete ihn in dem noch

unfertigen, von Reisenden dritter Klasse und Handwerkern gefüllten

Bahnhofe, im Dunkeln auf einer umgestürzten Schiebkarre sitzend.

Ich hatte einige Mühe, durch Erkundigungen bei kurz angebundenen

Schaffnern des fahrplanmäßigen Zuges den Wagen zu ermitteln, in

dem der König allein in einem gewöhnlichen Coupé erster Klasse

saß. Er war unter der Nachwirkung des Verkehrs mit seiner Gemahlin

sichtlich in gedrückter Stimmung, und als ich um die Erlaubnis

bat, die Vorgänge während seiner Abwesenheit darzulegen, unterbrach

er mich mit den Worten: ›Ich sehe ganz genau voraus, wie das alles

endigen wird. Da vor dem Opernplatz, unter meinen Fenstern, wird

man Ihnen den Kopf abschlagen und etwas später mir.‹ Ich erriet,

und es ist mir später von Zeugen bestätigt worden, daß er während

des achttägigen Aufenthaltes in Baden mit Variationen über das

Thema Polignac, Strafford, Ludwig =XVI.= bearbeitet worden war.

Als er schwieg, antwortete ich mit der kurzen Phrase ›=Et après,

Sire?=‹ — ›Ja, =après=, dann sind wir tot!‹ erwiderte der König.

›Ja,‹ fuhr ich fort, ›dann sind wir tot, aber sterben müssen wir

früher oder später doch, und können wir anständiger umkommen? Ich

selbst im Kampfe für die Sache meines Königs, und Eure Majestät,

indem Sie Ihre königlichen Rechte von Gottes Gnaden mit dem eigenen

Blute besiegeln, ob auf dem Schafott oder auf dem Schlachtfelde,

ändert nichts an dem rühmlichen Einsetzen von Leib und Leben für

die von Gottes Gnaden verliehenen Rechte. Eure Majestät müssen

nicht an Ludwig =XVI.= denken; der lebte und starb in einer

schwächlichen Gemütsverfassung und macht kein gutes Bild in der

Geschichte. Karl =I.= dagegen, wird er nicht immer eine vornehme

historische Erscheinung bleiben, wie er, nachdem er für sein

Recht das Schwert gezogen, die Schlacht verloren hatte, ungebeugt

seine königliche Gesinnung mit seinem Blute bekräftigte? Eure

Majestät sind in der Notwendigkeit, zu fechten; Sie können nicht

kapitulieren; Sie müssen, und wenn es mit körperlicher Gefahr wäre,

der Vergewaltigung entgegentreten.‹

[Illustration: ~Politischer Eiertanz~

Und den politischen Eiertanz hält Bismarck sehr vonnöten; er

glaubt, sie blieben alle ganz, und keines ging zertreten,

zertreten, nein! wie ihr ja seht, dieweil er jedes — Recht — umgeht.

(»Frankfurter Laterne«, September 1863)]

Je länger ich in diesem Sinne sprach, desto mehr belebte sich der

König und fühlte sich in die Rolle des für Königtum und Vaterland

kämpfenden Offiziers hinein. Er war äußeren und persönlichen

Gefahren gegenüber von einer seltenen und ihm absolut natürlichen

Furchtlosigkeit, auf dem Schlachtfelde, wie Attentaten gegenüber;

seine Haltung in jeder äußeren Gefahr hatte etwas Herzerhebendes

und Begeisterndes. Der ideale Typus des preußischen Offiziers, der

dem sicheren Tode im Dienste mit dem einfachen Worte ›Zu Befehl‹

selbstlos und furchtlos entgegengeht, der aber, wenn er auf eigene

Verantwortung handeln soll, die Kritik des Vorgesetzten oder der

Welt mehr als den Tod und dergestalt fürchtet, daß die Energie und

Richtigkeit seiner Entschließung durch die Furcht vor Verweis und

Tadel beeinträchtigt wird, dieser Typus war in ihm im höchsten

Grad ausgebildet. Er hatte sich bis dahin auf seiner Fahrt nur

gefragt, ob er vor der überlegenen Kritik seiner Frau Gemahlin

und vor der öffentlichen Meinung in Preußen mit dem Wege, den er

mit mir einschlug, würde bestehen können. Demgegenüber war die

Wirkung unserer Unterredung in dem dunkeln Coupé, daß er die ihm

nach der Situation zufallende Rolle mehr von dem Standpunkte des

Offiziers auffaßte. Er fühlte sich bei dem Portepee gefaßt und in

der Lage eines Offiziers, der die Aufgabe hat, einen bestimmten

Posten auf Leben und Tod zu behaupten, gleichviel ob er darauf

umkommt oder nicht. Damit war er auf einen seinem Gedankengange

vertrauten Weg gestellt und fand in wenigen Minuten die Sicherheit

wieder, um die er in Baden gebracht worden war, und selbst seine

Heiterkeit. Das Leben für König und Vaterland einzusetzen, war die

Pflicht des preußischen Offiziers, um so mehr die des Königs,

als des ersten Offiziers im Lande. Sobald er seine Stellung unter

dem Gesichtspunkte der Offiziersehre betrachtete, hatte sie für

ihn ebensowenig Bedenkliches, wie für jeden normalen preußischen

Offizier die instruktionsmäßige Verteidigung eines vielleicht

verlorenen Postens. Er war der Sorge vor der ›Manöverkritik‹,

welche von der öffentlichen Meinung, der Geschichte und der

Gemahlin an seinem politischen Manöver geübt werden könnte,

überhoben. Er fühlte sich ganz in der Aufgabe des ersten Offiziers

der Preußischen Monarchie, für den der Untergang im Dienste ein

ehrenvoller Abschluß der ihm gestellten Aufgabe ist. Der Beweis

der Richtigkeit meiner Beurteilung ergab sich daraus, daß der

König, den ich in Jüterbog matt, niedergeschlagen und entmutigt

gefunden hatte, schon vor der Ankunft in Berlin in eine heitere,

man kann sagen fröhliche und kampflustige Stimmung geriet, die

sich den empfangenden Ministern und Beamten gegenüber auf das

unzweideutigste erkennbar machte.«

So hatte sich des Königs angeborene Furchtlosigkeit an dem großen

Paladin neu aufgerichtet, und auch Bismarck war fortan seines

alten Herrn sicher. Und das war um so wichtiger, als mit der

Fortschrittspartei sich auch die Gemäßigten verbanden und bald auch

der Thronerbe offen in die Reihe seiner Gegner eintrat. Zunächst zog

Bismarck das verstümmelte Budget zurück. Die Antwort war der Beschluß

der Volksvertreter, die Regierung sei verpflichtet, den Etat für 1863

vor Beginn des Jahres vorzulegen, jede Ausgabe vor seiner Genehmigung

sei verfassungswidrig. Damit war der Konflikt auf das Gebiet des

Verfassungsrechtes übertragen. Hier ging Bismarcks Standpunkt dahin,

daß nach der Verfassung »alle Ausgaben und Einnahmen des Staates für

jedes Jahr im voraus veranschlagt und auf den Staatshaushalt gebracht

werden müssen, der jährlich durch ein Gesetz festzustellen sei«,

daß aber nach derselben Verfassung auch die »gesetzgebende Gewalt

gemeinschaftlich durch den König und die beiden Kammern ausgeübt wird«,

daß ferner die Übereinstimmung des Königs und beider Kammern zu jedem

Gesetz erforderlich sei und daß wohl »jeder Finanzentwurf und auch

das Haushaltsgesetz zuerst der Zweiten Kammer vorzulegen, dann aber

von der Ersten Kammer anzunehmen oder abzulehnen sei«. Und auf diese

Prämissen baute er die Konklusion, daß, wenn ein Widerspruch innerhalb

der einzelnen entscheidenden Faktoren vorlag, ein Vakuum gegeben

sei und daß in solchem Falle »die bestehenden Steuern und Abgaben

fortzuerheben sind, bis sie durch ein Gesetz abgeändert werden«. Die

Zustimmung des Herrenhauses, das mit hundertfünfzig gegen siebzehn

Stimmen das verstümmelte Budget der Zweiten Kammer verwarf, bot ihm

den Rechtsgrund für seine Ansicht. Der Landtag aber gab die Antwort,

indem er seinerseits den Beschluß des Herrenhauses für null und nichtig

erklärte. Sofort schloß Bismarck die Session mit der Erklärung: »Die

Regierung würde sich einer schweren Pflichtverletzung schuldig machen,

wenn sie die auf Grund der früheren Bewilligungen der Landesvertretung

ausgeführte Umformung der Heeresverfassung unter Preisgebung der

dafür gebrachten beträchtlichen Opfer und mit Beeinträchtigung der

Machtstellung Preußens dem Beschluß des Hauses gemäß rückgängig machen

wollte.« Erst am 27. Januar des nächsten Jahres wurde der Landtag von

neuem einberufen.

In den Kammerdebatten war Bismarck stolz, selbstbewußt, schneidend,

sarkastisch, aber stets vornehm in seiner Politik, gesellschaftlich

gewandt. Wenn die Doktrinäre dort unten gegen ihn donnerten, dann

blieb er kühl, und wenn sie ihm Sottisen sagten oder auch wohl von

Anklage und Schafott lärmten, dann schrieb er amüsante Briefe an

seine Frau, dann klagte er ihr auch wohl humoristisch: »Wenn Roon

und die Fuchsstute nicht wären, so würde ich mir etwas vereinsamt

vorkommen, obwohl ich nie allein bin ...«, oder er rühmt der Schwester

die gute Blut- und Leberwurst und schildert ihr in drastischer Weise

den Verlauf seines Tages: »Die Arbeitslast wächst hier täglich. Heute

von 8 bis 11 Diplomatie, von 11 bis 2½ verschiedene streitsüchtige

Ministerkonferenzen, dann bis 4 Vortrag beim König, von ¼5 bis ¾5

Galopp im Regen bis Hippodrom, um 5 zur Tafel, von 7 bis 10 Uhr Arbeit

aller Art, aber gesund und guten Schlaf, starken Durst!«

Seine Gegner überschätzte er in keiner Weise, oft genug erfaßte er die

Gelegenheit, sie in derbhumoristischer Weise zu schildern. So fällte

er über Benedikt Waldeck, den Führer und Abgott der Demokratie, einmal

folgendes Urteil:

Bismarck in Geschichte, Karikatur und Anekdote · 第 120 / 334 题