Eisen und Blut

Der Konflikt wird zu tragisch aufgefaßt und von der Presse zu

tragisch dargestellt; die Regierung sucht keinen Kampf. Kann die

Krisis mit Ehren beendigt werden, so bietet die Regierung gern die

Hand dazu. Die große Selbständigkeit des einzelnen macht es in

Preußen schwierig, mit der Verfassung zu regieren; in Frankreich

ist das anders: da fehlt die individuelle Selbständigkeit. Eine

Verfassungskrisis ist aber keine Schande, sondern eine Ehre. Wir

sind vielleicht zu gebildet, um eine Verfassung zu ertragen — wir

sind zu kritisch! Die öffentliche Meinung wechselt; die Presse

ist nicht die öffentliche Meinung: man weiß, wie sie entsteht.

Es gibt zu viel katilinarische Existenzen, die ein Interesse an

Umwälzungen haben; die Abgeordneten aber haben die Aufgabe, die

Stimmung zu leiten, über ihr zu stehen. — Wir haben zu heißes

Blut, wir haben die Vorliebe, eine zu große Rüstung für unsern

schmalen Leib zu tragen, nur sollten wir sie auch nützen. Nicht auf

Preußens Liberalismus sieht Deutschland, sondern auf seine Macht.

Bayern, Württemberg und Baden mögen deren Liberalismus indulgieren,

darum wird ihnen doch niemand Preußens Rolle anweisen. Preußen

muß seine Macht zusammenhalten auf den günstigen Augenblick, der

schon einige Augenblicke verpaßt ist; Preußens Grenzen sind zu

einem gesunden Staatskörper nicht günstig. Nicht durch Reden und

Majoritätsbeschlüsse werden die großen Fragen der Zeit entschieden

— das ist der Fehler von 1848 und 1849 gewesen —, sondern ~durch

Eisen und Blut~. Diesen Olivenzweig (der Minister zog ihn aus

seinem Notizbuche) habe ich in Avignon gepflückt, um ihn der

Volkspartei als Friedenszeichen anzubieten; ich sehe jedoch, daß es

noch nicht Zeit dazu ist.

Man hat den Zweig von Avignon nicht angenommen. Woher dieser Zweig

stammte? Man hat es dreißig Jahre später erfahren.

Bismarck in Geschichte, Karikatur und Anekdote · 第 118 / 334 题