Als Otto von Bismarck vom Kaiser Napoleon in denselben Gemächern zu
St. Cloud Abschied nahm, in denen einst Karl =X.= die verhängnisvollen
Juli-Ordonnanzen unterschrieb, war der Abschiedsgruß des französischen
Herrschers, das Schicksal Polignacs nicht zu vergessen. Und als er in
der preußischen Hauptstadt eintraf, da empfing ihn die Frage: »Wer
in Himmels Namen ist dieser Bismarck, daß man ihn auf einen so hohen
Posten stellt?« Und die Antwort hieß: Ein »prahlender Junker«, ein
»hohler Großsprecher«, der »Napoleonverehrer« und »Städtevertilger«.
Und nur wenige Getreue traten vertrauend an seine Seite.
Wann hätte er einen Gedanken gehabt!
Die »Berliner Allgemeine Zeitung« entwarf von Bismarck folgende
Charakteristik: »Als ein Landedelmann von mäßiger politischer
Bildung, dessen Einsichten und Kenntnisse sich nicht über das
erheben, was das Gemeingut aller Gebildeten ist, begann er seine
Laufbahn. Den Höhepunkt seines parlamentarischen Ruhmes erreichte
er in der Revisionskammer von 1849 und im Unionsparlamente 1850. Er
trat in seinen Reden schroff und rücksichtslos auf, nonchalant bis
zur Frivolität, mitunter witzig bis zur Derbheit, aber wann hätte
er einen politischen Gedanken geäußert?«
Vier lange Jahre hatte der Konflikt bereits gedauert. Nicht den Kampf
allein um die Heeresmacht, um die Schlagfertigkeit Preußens galt es zu
führen, sondern auch den Kampf um das Königtum und sein Recht. Es galt,
Deiche und Dämme zu schaffen, daß nicht die parlamentarische Welle
hinüberflute und das Königsrecht verderbe. Und schon glaubten König
Wilhelms Getreue, daß alles verloren sei, und doch war gerade jetzt
alles gewonnen. Denn eine neue Armee zog heran, und diese Armee hieß —
Bismarck. Welcher Geist ihn beseelte, welche Gefahren ihm drohten, das
zeigen deutlicher als alles zwei Worte, die er in jenen Tagen sprach:
»Der Tod auf dem Schafott ist unter Umständen ebenso ehrenvoll wie der
auf dem Schlachtfelde«, und »Ich kann mir schlimmere Todesarten denken
als die Hinrichtung«. Und das erste Wort, das er zu den Volksvertretern
sprach, war das Wort vom »Eisen und Blut«.
Wie der Konflikt entstand? Nur wenige Daten: Im Juli 1858 hatte Roon
seine »Bemerkungen und Entwürfe zur vaterländischen Heeresverfassung«
an den Prinzregenten nach Baden-Baden gesandt. Sie waren die Antwort
auf die Frage, durch welche Mittel Preußen seine welthistorische
Aufgabe zu behaupten, seine politische Mission zu erfüllen vermag. Die
Antwort forderte die Herstellung und Erhaltung eines schlagfertigen
Heeres, die Umwandlung des preußischen Volkes in ein Volk in Waffen.
Der Landtag opponierte, die Liberalen und Minister neigten zu
schwächlichen Kompromissen. Man war bereit, einen einmaligen Kredit zu
bewilligen, wollte jedoch nicht, daß die neuen Truppen einen ständigen
unanfechtbaren Posten im Budget einnehmen sollten. Der Konflikt war vor
allem heftig entbrannt, als Roon erklärte, daß die Regierung nicht von
der dreijährigen Dienstzeit lassen werde, und als er der Kammer das
Recht bestritt, die Mittel für die neuen Regimenter stets von neuem zu
bewilligen oder nach Willkür abzulehnen. Hier sahen die Volksvertreter
ihr vornehmstes Recht, das Budgetrecht, in schwerer Gefahr. So lehnten
sie jeden Mann und jeden Groschen, die Kosten der Heeresreform und des
neuen Flottengründungsplanes ab, strichen mit 273 gegen 68 Stimmen
die gesamten Heeresforderungen aus dem Budget für 1862 und nahmen
dieses verstümmelte Budget mit 308 gegen 11 Stimmen an. Ein Kabinett
war dem anderen gefolgt, da erschien die königliche Order, die den
Prinzen Hohenlohe-Ingelfingen von dem Vorsitz entband und zunächst
interimistisch, wenige Tage darauf dauernd Herrn von Bismarck jenes Amt
übertrug, das er durch ein Menschenalter zu Deutschlands Segen geführt
hat. Scherz und Spiel waren vorbei, der grimme Männerkampf begann.
Mit unbeschreiblicher Energie ging Bismarck vor. Er war fest
entschlossen, die Armee, wie sie der König organisierte, nicht um einen
Mann vermindern zu lassen, und er blieb dem Ziele getreu, auch als
man ihn mit Verbannung und Schafott bedrohte. »Was liegt daran,« so
sagte er zu dem den Gegnern geneigten Kronprinzen, »wenn man mich auch
hängt, wenn nur der Strick Ihren Thron fest an das geeinte Deutschland
bindet.« Wer ahnte damals, daß er den Kampf schon führte, um für die
Einigung Deutschlands den Grundbau zu schaffen. Bismarck wollte Preußen
instandsetzen, den Deutschen das Gesetz aufzuerlegen, nicht aber, es
von ihnen zu empfangen. In der Armee lag der Hebel der Macht; ihr
verdankte Preußen seine europäische Stellung; sie war das Bollwerk in
der Revolutionszeit gewesen; sie durfte nicht dem populären Andrang
und dem Parteileben überliefert werden. Hier galt der liberale Einwurf
von der unerschwinglichen Höhe der Kosten nichts mehr. Die Zukunft
bewies schon nach dem ersten Waffengange, daß auf dieser Seite ein
unübersteigliches Hemmnis nicht gegeben war.
Und nun begann der Kampf mit allen seinen Wechselfällen, ein Kampf,
in dem ein Einzelner gegen Tausende rang. Die Worte, mit denen schon
Roon sein Amt angetreten hatte: »Es gilt Großes zu leisten, nur ein
Schelm denkt allein an sich; das Reformwerk ist eine Existenzfrage
für Preußen, es muß vollbracht werden«, blieben auch der Leitfaden
Bismarcks. Schwer hatte sich König Wilhelm zu ihm bekehrt. Seine
eigene gerade milde Art, die so fern war von jeder Verwegenheit, seine
sittlich empfindliche Natur mußte von Bismarcks dämonischer Kraft
zurückgestoßen werden; sie mußte sich selbst erst überwinden, ehe sie
sich dem Manne der Leidenschaft, des zwingenden Willens hingab.
Am 29. September 1862 begann der Kampf. Da führte sich Bismarck in der
Budgetkommission mit den vielzitierten Worten ein: