»Am 20. September morgens in Berlin angelangt, wurde ich zu dem
Kronprinzen beschieden. Auf seine Frage, wie ich die Situation
ansähe, konnte ich nur sehr zurückhaltend antworten, weil ich
während der letzten Wochen keine deutschen Zeitungen gelesen und
in einer Art von =dépit= mich über heimische Angelegenheiten nicht
informiert hatte. Ich war mit der Situation in ihren Einzelheiten
nicht so vertraut, daß ich dem Kronprinzen ein programmartiges
Urteil hätte abgeben können; außerdem hielt ich mich auch nicht
für berechtigt, mich gegen ihn früher zu äußern als gegen den
König. Den Eindruck, den die Tatsache meiner Audienz gemacht hatte,
ersah ich zunächst aus der Mitteilung Roons, daß der König mit
Bezug auf mich zu ihm gesagt habe: ›Mit dem ist es auch nichts; er
ist ja schon bei meinem Sohne gewesen.‹ In der Tat war mir jeder
Gedanke an Abdikation des Königs fremd, als ich am 22. September
in Babelsberg empfangen wurde, und die Situation wurde mir erst
klar, als Se. Majestät sie ungefähr mit den Worten präzisierte:
›Ich will nicht regieren, wenn ich es nicht so vermag, wie ich
es vor Gott, meinem Gewissen und meinen Untertanen verantworten
kann. Das kann ich aber nicht, wenn ich nach dem Willen der
heutigen Majorität des Landtages regieren soll, und ich finde keine
Minister mehr, die bereit wären, meine Regierung zu führen, ohne
sich und mich der parlamentarischen Mehrheit zu unterwerfen. Ich
habe mich deshalb entschlossen, die Regierung niederzulegen, und
meine Abdikationsurkunde, durch die angeführten Gründe motiviert,
bereits entworfen.‹ Der König zeigte mir das auf dem Tische
liegende Aktenstück in seiner Handschrift, ob bereits vollzogen
oder nicht, weiß ich nicht. Seine Majestät schloß, indem er
wiederholte, ohne geeignete Minister könne er nicht regieren. Ich
erwiderte, es sei Sr. Majestät schon seit dem Mai bekannt, daß
ich bereit sei, in das Ministerium einzutreten, ich sei gewiß,
daß Roon mit mir bei ihm bleiben werde, und ich zweifelte nicht,
daß die weitere Vervollständigung des Kabinetts gelingen werde,
falls andere Mitglieder sich durch meinen Eintritt zum Rücktritt
bewogen finden sollten. Der König stellte nach einigem Erwägen und
Hin- und Herreden die Frage, ob ich bereit sei, als Minister für
die Militär-Reorganisation einzutreten, und nach meiner Bejahung
die weitere Frage, ob auch gegen die Majorität des Landtages und
deren Beschlüsse. Auf meine Zusage erklärte er schließlich: ›Dann
ist es meine Pflicht, mit Ihnen die Weiterführung des Kampfes zu
versuchen, und ich abdiziere nicht.‹«
[Illustration: ~Bismarck-Schönhausen~:
»Es gibt eine Grenze dessen, was ein König von Preußen anhören kann.« —
Im Oktober 1862 hatte Bismarck zum ersten Male den Landtag heimgesandt
und jedes Entgegenkommen in der Heeresfrage schroff zurückgewiesen.
(»Frankf. Laterne«, Okt. 1862)]
Ein Bericht über diese entscheidende Szene, der gleichfalls auf den
Fürsten Bismarck zurückzuführen ist, stellt sie in folgender, ähnlicher
Weise dar:
Als Bismarck die Abdankungsurkunde ansah und bemerkte, dahin dürfe
es in Preußen nicht kommen, erwiderte der König: »Ich habe alles
versucht und sehe nirgends einen Ausweg. Gegen meine Überzeugung
kann ich nicht regieren, meine Minister sind gegen mich, mein
Sohn hat sich auf ihre Seite gestellt. Auch Sie sind ja bereits
bei ihm gewesen. Komme ich mit Ihnen zu keiner Verständigung,
so lasse ich dies hier in den Staatsanzeiger setzen und dann
mag mein Sohn zusehen, wie er fertig wird. Die Preisgebung der
Armeereorganisation ist gegen meine Überzeugung, und gegen diese
zu handeln, würde mir als eine Pflichtwidrigkeit erscheinen.«
Bismarck entgegnete: Er sei bei dem Kronprinzen nur gewesen,
weil Se. Königliche Hoheit ihn sofort nach seiner Ankunft in
Berlin zu sich befohlen habe. Auf Befragen des Kronprinzen über
seine Absichten habe er erwidert: er müsse zuvor die Wünsche Sr.
Majestät kennen lernen. Vor allen Dingen aber bitte er den König,
die Abdankungsurkunde und alle auf Abdankung bezüglichen Gedanken
aufzugeben. Der König wog das Blatt in der Hand und fragte: »Wollen
Sie es versuchen, ohne Majorität zu regieren?« — »Ja.« — »Ohne
Budget?« — »Ja.« — »Dann sehen Sie hier mein Programm.« Der König
wies dann auf einem Spaziergang durch den Park Herrn von Bismarck
nun ein sechs oder mehr Quartseiten umfassendes, mit seiner kleinen
Handschrift eng beschriebenes Schriftstück. Bismarck fing an zu
lesen. Obenan stand die Frage der Kreisordnung, bei welcher über
die Vertretung der Rittergüter und der Städte auf den Kreistagen
ein harter Kampf entbrannt war. Bismarck sagte zum König: »Ew.
Majestät, es handelt sich jetzt doch nicht um die Frage, ob auf
den Kreistagen der Städter oder der Junker das Übergewicht haben
soll, sondern ob in Preußen die Krone oder die Majorität des
Abgeordnetenhauses regieren soll. Ist diese Frage entschieden,
so ordnen sich die anderen von selbst. Wenn Ew. Majestät mir
das Vertrauen schenken, so bin ich bereit, die Geschäfte zu
übernehmen, aber ohne Programm. In einer so schwierigen Lage ist
ein geschriebenes Programm für Ew. Majestät wie für mich bindend
und kann unter Umständen erschwerend wirken. Zunächst gilt es doch,
die Hauptfrage zu entscheiden.«
[Illustration: ~In der Konfliktszeit als Koriolan~
»Wir zeihen dich böslichen Versuchs,
Behörden Roms und gültig Recht zu stürzen...«
Koriolan: »Verräter ich ... du lügst!«
Sicinius: »Hörst du es, Volk?«
Die Bürger: »Zum Fels, zum Fels mit ihm!«
(»Kladderadatsch«, März 1895)]
Bismarck sagt dann weiter:
»Es gelang, den König zu überzeugen, daß es sich für ihn nicht
um konservativ oder liberal in dieser oder jener Schattierung,
sondern um Königliches Regiment oder Parlamentsherrschaft handle,
und daß die letztere unbedingt und auch durch eine Periode der
Diktatur abzuwenden sei. Ich sagte: ›In dieser Lage werde ich,
selbst wenn Ew. Majestät mir Dinge befehlen sollten, die ich nicht
für richtig hielte, Ihnen zwar diese Meinung offen entwickeln,
aber wenn Sie auf der Ihrigen schließlich beharren, lieber mit dem
Könige untergehen, als Ew. Majestät im Kampfe mit dem Parlament
im Stiche lassen.‹ Diese Auffassung war damals durchaus lebendig
und maßgebend in mir, weil ich die Negation und die Phrase der
damaligen Opposition für politisch verderblich hielt im Angesicht
der nationalen Aufgaben Preußens, und weil ich für Wilhelm =I.=
persönlich so starke Gefühle der Hingebung und Anhänglichkeit
hegte, daß mir der Gedanke, in Gemeinschaft mit ihm zugrunde
zu gehen, als ein nach Umständen natürlicher und sympathischer
Abschluß des Lebens erschien. Nach einigem Nachdenken willigte der
König ein. Man befand sich auf einer Brücke über einer kleinen
Schlucht im Park; der Monarch begann das Programm zu zerreißen
und die Stücke fallen zu lassen. Bismarck nahm sie wieder auf,
indem er sagte: ›Wollen Ew. Majestät das Papier nicht lieber dem
Kamin anvertrauen? Hier könnte es doch aufgefunden werden, und ein
jeder kennt hier Ew. Majestät Handschrift.‹ Der König steckte das
Programm in die Brusttasche seines Interimsrockes, besprach mit
Bismarck die behufs der Erneuerung zu erledigenden Formalitäten,
wobei er u. a. betonte, dem Fürsten Hohenzollern, der damals noch
formell Ministerpräsident war, selbst schreiben zu wollen, und
wandte sich dann zum Gehen. War seine Haltung vor der Unterredung
die eines tiefgebeugten Mannes gewesen, so schritt er jetzt
aufrecht, fest und straff von dannen.«
Wer hat damals wohl geahnt, daß mit diesem Tage eine neue Ära für
Preußen und Deutschland und auch für Europa begann! Wie wenige wußten
etwas von Bismarcks Entwicklung! Alle Welt sah in ihm den kecksten
Vorkämpfer der feudalen Partei, den frechsten Gegner alles liberalen
Strebens, den Redner, der alle großen Städte vom Erdboden vertilgen
wollte, der den Liberalen den drohenden Zuruf entgegengeschleudert
hatte: »Das stolze Roß Borussia wird bald genug die parlamentarischen
Sonntagsreiter in den Sand setzen«, und prophezeit hatte, daß
das Narrenschiff der Zeit an dem Felsen der christlichen Kirche
scheitern werde. Sein Name steigerte die Aufregung der Gemüter in das
grenzenlose. Jetzt sei der letzte Schleier zerrissen; dieser märkische
Junker, der einst den ersten Schritten zur Verfassung widersprach,
der in Erfurt sich gegen die deutsche Einheit erhob, der die ehrlose
Politik von Olmütz verteidigt habe, um dann im Bundestag eine seiner
Gesinnung entsprechende nahrhafte Unterkunft zu finden, dieser
servile Aristokrat habe sich jetzt von Napoleon in den Künsten des
Staatsstreiches unterrichten lassen und hoffe, mit Kartätschensalven
die Fetzen der Verfassung in alle Winde zu jagen. Hier heiße es also,
fest auf dem Boden des Gesetzes zusammenzustehen, jede unwürdige
Schwäche abzuwerfen und an keiner Stelle das geringste Atom des
beschworenen Verfassungsrechtes mit feiger Nachgiebigkeit zu opfern.
Steil und steinig lag jetzt Bismarcks Weg vor ihm. Aber das Bündnis
zwischen dem König und dem Minister, das damals in der Glut heißer
Seelennöte und höchster Gefahren geschweißt worden ist, hielt aus.
Fortan trug nicht mehr König Wilhelm, sondern Otto von Bismarck die
Last des deutschen Schicksals.
[Illustration: Wie Bismarck die Opposition einfängt. (»La Lune, 7.
April 1863«)]
[Illustration: »Bismarck ist der Staatsstreich«, riefen seine Gegner. —
Er zeigt, daß er von seinem Lehrmeister Napoleon gelernt hat.
~Fibelvers für Berliner Kinder~:
Wenn man mit Leim die Stiefel schmiert, der Affe leicht gefangen wird.
(»Figaro«, Januar 1863)]