»Napoleon empfing mich freundlich, sieht wohl aus, ist etwas
stärker geworden, aber keineswegs dick und gealtert, wie man
ihn zu karikieren pflegt. Die Kaiserin ist noch immer eine der
schönsten Frauen, die ich kenne trotz Petersburg; sie hat sich
eher emballiert. Unseren freundschaftlichen Nachbarn habe ich
ruhig, sehr wohlwollend für uns und sehr geneigt gefunden, die
Schwierigkeiten der deutschen Frage zu besprechen. Ich kam
aber beim Kaiser etwas in die Lage Josephs bei der Frau von
Potiphar. Er hatte die unzüchtigsten Bündnisvorschläge auf der
Zunge; wenn ich etwas entgegengekommen wäre, so hätte er sich
deutlicher ausgesprochen. Er ist ein eifriger Verfechter deutscher
Einheitspläne, d. h. kleindeutscher, nur kein Österreich darin; wie
schon einmal vor fünf Jahren mir gegenüber, wollte er, daß Preußen
eine Seemacht wenigstens zweiten Ranges werden und die dazu nötigen
Häfen besitzen müsse. Er ließ sich von mir den Jadebusen auf der
Karte zeigen und fand die Einschachtelung in Oldenburg und dann in
Hannover eine »Absurdität«. Merkwürdig ist die abweichende Politik
der Kaiserin; sie ist katholisch, päpstlich, konservativ für das
Ausland: sogar österreichisch.
Während der Pariser Zeit, die durch ihren interimistischen Charakter
dem Gesandten jede Möglichkeit raubte sich einzurichten und Ruhe zu
finden, die ihm die Klage in den Mund gab, daß er sich einsam fühle
mitten in dem großen Paris, ist Bismarck auch nach London gereist,
wo er sowohl Disraeli wie Palmerston kennen lernte. Der spätere Lord
Beaconsfield soll damals die Äußerung getan haben: »Geben Sie wohl
acht auf diesen Mann, ~er meint, was er sagt~.« Im übrigen klagt er
immer wieder darüber, daß er in Paris gar nichts zu tun habe, er könne
dieses »Nichtwohnen« auf die Länge nicht aushalten, dazu sei er nicht
Fähnrich genug. Wenn er aber in die Galeere eintreten solle, so müsse
er etwas Gesundheitsvorrat sammeln, Paris sei ihm bis jetzt schlecht
genug bekommen mit dem Hundebummelleben als Garçon. Immer verzweifelter
klingen die Briefe Roons, immer heftiger drängt er den König zur
Berufung des Mannes, der allein die Rettung bringen könnte. Aber noch
sollten Wochen vergehen. Noch mußte er im September der Gattin klagen:
»Gewißheit ist jetzt nötig, oder ich nehme Knall und Fall meinen
Abschied«, und dem Freunde verzweifelt schreiben: »Schaffen Sie mir
endlich diese oder jede andere Gewißheit, und ich male Engelsflügel an
Ihre Photographie.« Da traf ihn in Avignon, wohin ihn die Urlaubsreise
führte, Roons weltgeschichtlich berühmte Depesche: »~Die Birne ist
reif~«, das Stichwort, das ihn nach Berlin berief. Denn dort hatte die
Krisis ihren Höhepunkt erreicht, dort steuerte man der Entscheidung
zu. In Babelsberg war es, wo Roon dem Könige den Rat gab: »Berufen
Ew. Majestät doch Bismarck!« Auf die zaghafte Antwort des Monarchen:
»Er wird nicht wollen, wird es jetzt auch nicht übernehmen; er ist
auch nicht da, es kann mit ihm nichts besprochen werden«, konnte Roon
erwidern: »Er ist hier, er wird Ew. Majestät Ruf bereitwillig folgen.«
Als noch an demselben Tage Bismarck in Babelsberg erschien, hatte der
König bereits seine Abdankung unterschrieben: Er bebte vor dem Kampfe
mit dem eigenen Volke zurück. Als das letzte Mittel der Verzweiflung
sollte Bismarcks Berufung dienen.
[Illustration: ~Bismarcks Abschied von Napoleon nach seiner Berufung
als Minister~
»=Monsieur le comte Bismarck=, Sie reisen? Nun wenden Sie hübsch an
auf Preußen, was Sie dahier bei mir gesehn! Und im Land der deutschen
Eiche, da können die Dezemberstreiche auch im Oktober schon geschehn.«
(»Frankf. Laterne«, Oktober 1862)]
Über die entscheidende Begegnung hat dieser später selbst berichtet:
Als er erschienen sei, habe der König bereits die Urkunde der Abdankung
vor sich liegen gehabt und beabsichtigt, den Kronprinzen rufen zu
lassen, um die Regierung in seine Hände zu legen, falls Bismarck seine
Hilfe versagen sollte. Da ist es geschehen, daß Bismarck seinen greisen
Herrn »am Portepee und an der preußischen Offiziersehre faßte«.
In seinen letzten Erinnerungen stellt Bismarck die erschütternde Szene
von Babelsberg in folgender Weise dar: