Der Entensteiß

»Wenn ich den Newaspiegel in der hellen Nacht vor mir sehe, über

den Brief hinweg, so wird der Wunsch in mir lebhaft, daß ich

nächstes Jahr noch hier sitze. Der Mensch gewöhnt sich an alles,

auch an sechzig Grad Breite, und Umziehen, Streiten, Ärgern und

die ganze Knechtschaft Tag und Nacht bilden eine Perspektive, bei

der ich schon heute Heimweh nach Petersburg oder Reinfeld habe.

In besserer Gesellschaft, wie in der Ihrigen, kann ich niemals in

den Schwindel hineingeraten; aber auf der Sabower Heide hinter den

Rebhühnern war es für uns beide behaglicher. Ich werde mich nicht

drücken, denn ich mag mir keiner Feigheit bewußt sein, aber wenn

in vierzehn Tagen dieses Gewitter spurlos an mir vorübergegangen

und ich ruhig bei Muttern wäre, so würde ich mir einen Entensteiß

wünschen, um vor Befriedigung damit wackeln zu können.«

In jene Zeiten fällt, als eine Folge der Unterhaltungen mit seinem

alten Herrn, Bismarcks Denkschrift über die deutsche Frage, die den

maßgebenden Einfluß auf die nächste Gestaltung der Dinge ausüben sollte

und die auch heute noch ein Meisterwerk des politischen Fernblicks und

der intuitiven Erkenntnis der möglichen Mittel ist. Aber Bismarck blieb

auch nach dem Rücktritt des Herrn von Schleinitz von der Leitung des

Auswärtigen Amtes auf seinem Petersburger Posten; erst im April war

seine Abberufung entschieden. Dennoch blieb seine Zukunft unsicher,

und Freund Roon bekam nur die resignierten Zeilen: »In vierzehn Tagen

hoffe ich bei Ihnen zu sein und diesem Leiden von Abschiedsaudienz,

Visiten, schlechten Verkäufen und packenden Hammerschlägen ein Ende zu

machen. Ich weiß nur, daß ich nach Paris oder London gehe, nicht nach

welchen von beiden.« Und wieder einen Monat später mußte er der Gattin

schreiben: »Unsere Zukunft ist noch ebenso unklar wie in Petersburg;

Berlin steht mehr in dem Vordergrund. Ich tue nichts dazu und nichts

dagegen, trinke mir aber einen Rausch, wenn ich erst meine Beglaubigung

für Paris in der Tasche habe.«

Ob Bismarck sich diesen Rausch angetrunken hat, vermeldet die

Geschichte nicht; Tatsache aber ist es, daß er zum großen Erstaunen

seiner Freunde nach Paris gesandt wurde, und daß König Wilhelm abermals

die Entscheidung bis zu schlimmeren Tagen aufschob. Der Aufenthalt in

Paris trug also von vornherein den Charakter des Interimistischen;

was aber Roon erwartet und mit aller Sorglichkeit vorbereitet hatte,

das geschah dennoch. Bismarck verließ Paris, um an die Spitze des

Kampfministeriums zu treten. Welchen Ruf er aber schon damals in der

europäischen Diplomatie genoß und wie man ihn dennoch verkannte,

beweist ein Ausspruch, den Graf Rechberg gegen den französischen

Gesandten, Herzog von Grammont, tat: »Wenn Herr von Bismarck eine

vollkommene diplomatische Erziehung gehabt hätte, so wäre er einer der

ersten Staatsmänner Deutschlands, wenn nicht der erste. Er ist mutig,

fest, erregt, voll feurigen Eifers; aber unfähig, eine vorgefaßte Idee,

ein Vorurteil, eine Parteimeinung irgendwelcher Erwägung einer höheren

Ordnung zu opfern; er hat nicht den praktischen Sinn für Politik; er

ist ein Parteimann in des Wortes verwegener Bedeutung, und da er Reiz

und Einfluß in den Geschäften hat und außerdem uns feindlich gesinnt

ist, so betrachten wir seine Ernennung zum Gesandten in Paris nicht

ohne Mißvergnügen und Unruhe. Jedenfalls ist es kein Freund, den wir

dort haben werden.« Der Adressat der Worte Rechbergs, Herzog von

Grammont, hat es später erproben dürfen, wie dieses Urteil zugleich

richtig und doch im letzten Sinne auch völlig falsch gewesen ist.

[Illustration: ~Bismarck und Borussia~

Borussia: »Es jeht nicht, jutester Bismarck, aus des Junkerjewand bin

ick doch schonst herausjewachsen.« (»Figaro«, 1862)]

Bismarck in Geschichte, Karikatur und Anekdote · 第 114 / 334 题