Er hält sich Bären

Der verstorbene General Astaschew erzählte häufig, wie Bismarck in

den frühesten Morgenstunden oft auf Schneeschuhen über die Newa zu

ihm gekommen wäre und sie zusammen zur Hasenjagd gefahren seien.

Namentlich die Bärenjagd liebte Bismarck leidenschaftlich und fuhr

jährlich an zehnmal nach Luban. Auf einer solchen Jagd setzte er

selbst die großfürstlichen Förster durch seine Kaltblütigkeit in

Erstaunen. Sogar in seinem Hause hielt er junge Bären, die er oft

zum Ergötzen seiner Gäste in das Speisezimmer führen ließ, wo sie

durch ihre drollige Plumpheit Lachen erregten. Später schenkte er

die Tiere den zoologischen Gärten von Köln und Frankfurt a. M.

In Petersburg erlitt Bismarcks Gesundheit einen schweren Stoß. Das

Venenleiden, das ihn später durch so lange Jahre furchtbar quälte,

stammte zweifellos aus jener Zeit und hat eine verhängnisvolle Rolle

wohl noch an jenem Tage gespielt, der ihn dem deutschen Volke rauben

sollte. Er schreibt an seine Schwester, er sei schon seit Monaten

nie wieder gesund geworden. Ärger, Klima und Erkältung hätten ein

ursprünglich unscheinbares Gliederreißen auf solche Höhe gebracht, daß

ihm der Atem ausbliebe und nur unter den schmerzhaftesten Anstrengungen

eingezogen werden könnte. Das Übel sei rheumatisch-gastrisch-nervös,

habe sich in der Lebergegend eingenistet und werde »mit massenhaften

Schröpfköpfen wie Untertassen und spanischen Fliegen und Senf über

den ganzen Leib bekämpft, bis es mir gelang, nachdem ich schon halb

für eine bessere Welt gewonnen war, die Ärzte zu überzeugen, daß

meine Nerven durch achtjährigen ununterbrochenen Ärger und stete

Aufregung geschwächt wären und weiteres Blutabzapfen mich mutmaßlich

typhös und blödsinnig machen würde. Gestern vor acht Tagen war es am

schlimmsten, meine gute Natur hat sich aber rasch geholfen, seitdem man

mir Sekt in mäßigen Quantitäten verordnet hat.« Später hat Bismarck

mit tiefer Bitterkeit die Schuld an seinem schmerzhaften Leiden auf

einen Charlatan zurückgeführt, einen sogenannten »Professor« Walz,

der ihm ein Pflaster in die Kniekehle legte, das ihm furchtbare

Schmerzen brachte und das er, da die Qual unerträglich wurde, abriß,

ohne daß er seine Bestandteile von der schon wundgerissenen Kniekehle

entfernen konnte. Augenscheinlich war eine schwere Blutvergiftung durch

die Unwissenheit und die Gewissenlosigkeit des Arztes herbeigeführt

worden. Es kam so weit, daß der berühmte Chirurg Pirogoff Bismarck

den Rat gab, sich das Bein hoch über dem Knie amputieren zu lassen.

Erst zu Anfang März 1860, nach langen Qualen, war Bismarck so weit

gesundet, daß er nach Berlin reisen konnte, um an den Sitzungen

des Herrenhauses teilzunehmen. Das Bein blieb noch lange schwach,

die Nerven rebellierten, und der Schlaf blieb aus. Ein schweres

rheumatisches Fieber mit Affektion der Brustmuskeln folgte noch auf dem

Wege nach Petersburg, und monatelang mußte er bei seinem Freunde Below

in Hohendorf auf Gesundung harren. Es war so weit, daß er nach einem

halben Jahre an den Freund schreiben konnte: »Ich glaubte vor sechs

Monaten nicht, noch einmal blühenden Rasen von oben ansehen zu können.«

Endlich traf er wieder in Petersburg ein, jetzt in Begleitung der

Seinen. Sein Befinden besserte sich ungemein schnell, und die Aufnahme

in der russischen Gesellschaft war mehr als herzlich. Nur die Intrigen

seiner früheren Gesinnungsgenossen gegen den »Abtrünnigen«, die es ihm

schwer verargten, daß er mit den Einheitsbestrebungen der Italiener

sympathisierte, machten ihm schweren Ärger. Aus jenen Tagen stammt

sein Wort: »Wenn ich einem Teufel verschrieben bin, so ist es ein

teutonischer und kein gallischer.« Eine Begegnung mit dem leitenden

preußischen Minister, Fürsten von Hohenzollern, von der der Fürst

berichtet, daß die Kühnheit der Ansichten Bismarcks, sein Feuer

und seine Wahrheitsliebe auf ihn einen tiefen und unauslöschlichen

Eindruck machten, führte zu erneuter Prüfung des Planes, ihn in das

Ministerium zu berufen. Bismarck wurde nach Berlin befohlen, aber nur

einer der Minister, Albrecht von Roon, trat außer dem Fürsten von

Hohenzollern für ihn ein, nachdem er sein Programm dargelegt, die

Führung mit Rußland empfohlen und die unausbleibliche Notwendigkeit

einer endgültigen Auseinandersetzung mit Österreich bewiesen hatte. So

mußte Bismarck noch einmal nach Petersburg zurückkehren, zumal da auch

der Prinzregent befürchten mochte, daß in dem soeben entbrannten Kampfe

um die Heeresreform die scharfausgeprägte Persönlichkeit des Diplomaten

die Gegnerschaft verstärken und die Leidenschaften noch heißer

entfesseln würde. Am 28. Juni 1861 ist dann das erste Telegramm Roons

an den Freund gelangt: »Es ist nötig, die beabsichtigte Urlaubsreise

unverzüglich anzutreten, =periculum in mora=.« Aber auch da war der

Moment noch nicht gekommen für Bismarcks Wirksamkeit. In seiner Antwort

an Roon schrieb er mit einer Art von melancholischer Ironie, wie ihn

sein Kommando »an die Pferde« mit schrillem Mißklang »in dem Streit

wohltuender Gefühle für junge Auerhühner einerseits und Wiedersehen von

Frau und Kindern andererseits« getroffen habe; er sei geistesträge,

matt und kleinmütig geworden, seitdem ihm das Fundament der Gesundheit

abhanden kam. Aber selbst wenn er gesund wäre, würde er eine Politik

nicht vertreten können, die liberal in Preußen und konservativ im

Auslande sei, die des eigenen Königs Rechte wohlfeil gibt, die Rechte

fremder Fürsten aber hochhält. Er müsse eine andere Färbung der

auswärtigen Politik fordern. Und nun folgte das vielzitierte Wort: »Ich

bin meinem Fürsten ~treu bis in die Vendée~, aber gegen alle anderen

fühle ich in keinem Blutstropfen eine Spur von Verbindlichkeit, den

Finger für sie aufzuheben.« Auch der Kammer gegenüber verlangte er

eine stramme Haltung und, wenn es nötig ist, die Auflösung selbst auf

die Gefahr hin, zu schlechte Wahlen zu erlangen. In einer Nachschrift

schreibt er dann:

Bismarck in Geschichte, Karikatur und Anekdote · 第 113 / 334 题