Nach neune ist alles vorbei

»Will man mich lediglich aus Gefälligkeit für Stellenjäger

disponieren, so werde ich mich unter die Kanonen von Schönhausen

zurückziehen und zusehen, wie man in Preußen auf linke Majoritäten

gestützt regiert, mich auch im Herrenhause bestreben, meine

Schuldigkeit zu tun. Abwechslung ist die Seele des Lebens, und

hoffentlich werde ich mich um zehn Jahre verjüngt fühlen, wenn ich

mich wieder in derselben Gefechtsposition befinde wie 1848/49.

Wenn ich die Rollen des Gentleman und des Diplomaten nicht mehr

miteinander verträglich finde, so wird mich das Vergnügen oder die

Last, ein hohes Gehalt mit Anstand zu depensieren, keine Minute in

der Wahl beirren. Zu leben habe ich nach meinen Bedürfnissen, und

wenn mir Gott Frau und Kind gesund erhält wie bisher, so sage ich:

›=vogue la galère=‹, in welchem Fahrwasser es auch sein mag. Nach

vierzig Jahren wird es mir wohl gleichgültig sein, ob ich jetzt

Diplomat oder Landjunker spiele, und bisher hat die Aussicht auf

frischen ehrlichen Kampf, ohne durch irgendeine amtliche Fessel

geniert zu sein (gewissermaßen in politischen Schwimmhosen), fast

ebensoviel Reiz für mich als die Aussicht auf ein fortgesetztes

Regime von Trüffeln, Depeschen und Großkreuzen. Nach neune ist

alles vorbei, sagt der Schauspieler.«

Die Ernennung Bismarcks zum Gesandten am Petersburger Hofe erfolgte

erst am 29. Januar 1859. Sein letzter Bericht aus Frankfurt

beschäftigt sich mit italienischen Fragen, deren Entwicklung alsbald

so außerordentliche Konsequenzen nach sich ziehen sollte. Aber erst im

März verließ er die Stadt am Main, um seinen neuen Posten anzutreten.

Sehr hoffnungsvoll sah er, namentlich in materieller Beziehung, der

neuen Stellung nicht entgegen. So schreibt er an den Bruder: »Eine

Wohnung ist in Petersburg überhaupt nicht. Werther gab bisher 4600

Taler Miete, ohne Möbel. Für den Umzug und die neue Einrichtung gibt

man mir 3000 Taler; darüber hinaus werde ich meinen baren Schaden auf

über 10000 anschlagen können. Ich muß sehen, wie ich später durch

Ersparnisse wieder zu meiner Auslage komme.« Auf der Durchreise

durch Berlin sprach Bismarck auch den Präsidenten der preußischen

Nationalversammlung, Herrn von Unruh. In dieser charakteristischen

Unterhaltung enthüllte Bismarck zum Erstaunen des liberalen Politikers

offen das Programm, dem er in Zukunft folgen werde. Wir staunen

vor der Klarheit und Treffsicherheit seiner Auffassung. Denn hier

bekannte Bismarck, daß er nicht mehr der Junker sei, als den ihn Unruh

in der Kammer kennen lernte, daß er den Deutschen Bund mit seiner

Kleinstaaterei aufs härteste verdamme und daß er in der Zukunft, wenn

es gelten werde auch Österreich zu überwinden, nur ~einen~ Aliierten

kenne, auf den er außer auf sein altes Preußen rechne: das deutsche

Volk.

Ehe Bismarck nach Petersburg abreiste, hatte er noch ein merkwürdiges

Erlebnis:

Bismarck in Geschichte, Karikatur und Anekdote · 第 106 / 334 题