Petersburg und Paris

In Frankfurt hat sich Bismarck aus dem jungen konservativen Heißsporn,

als der er dorthin ging, nicht nur zu einem Staatsmann entwickelt,

der das ganze Gebiet der diplomatischen Routine beherrschte, sondern

er hat auch einen tiefen Einblick in die inneren Zusammenhänge, in

die Persönlichkeiten und Notwendigkeiten gewonnen. Immer fester war

seine Überzeugung geworden, daß die nationale Entwicklung Preußens

und Deutschlands auf eine kriegerische Entscheidung mit Österreich

drängte. Noch widerstreiten die Ideen, die in Berlin lebendig wurden,

seinen eigenen Auffassungen in schroffer Weise, und doch fällt schon

am Schluß seiner Tätigkeit in dem Briefe an Schleinitz das Wort vom

»Blut und Eisen«, und die scheinbaren Sympathien, die ihn an Napoleon

knüpfen, sind im Grunde nichts anderes als das Ergebnis einer kühlen

realpolitischen Auffassung.

Aber noch trat Bismarck nicht auf seinen geschichtlichen Posten. Herr

von Schleinitz übernahm die Nachfolgerschaft Manteuffels, ein Mann,

der frühzeitig von einer grimmigen Eifersucht auf Bismarck erfüllt war

und der doch nur, als er ihn in Petersburg »kaltzustellen« suchte, die

Bahnen verfolgte, auf denen die Vorsehung ihren Liebling zum höchsten

Ziele zu geleiten gedachte. Aber die Schwierigkeiten, die er überall

fand, wirkten doch tief auf seine Stimmung, zumal da er erkannte, daß

fast alle, die im Rate des Prinzregenten saßen, nur mittelmäßige Köpfe,

vielfach auch nur Höflinge waren, daß sich unter ihnen aber keine

einzige staatsmännische Kapazität befand. In dieser Stimmung schrieb er

wohl melancholisch an die Schwester:

Bismarck in Geschichte, Karikatur und Anekdote · 第 105 / 334 题